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4. Februar 2010, 20:31 Uhr

Das Prinzip Schweiz ist nicht mehr heilig

Liberalität, Seriosität und Neutralität waren viele Jahre lang das Erfolgsrezept der Schweiz. Doch nun kollidieren die Sonderwege der Eidgenossen immer öfter mit der globalisierten Welt. Von Niels Kruse

Schweiz, Neutralität, Bank, Bankgeheimnis, Steuer, Steuersünder

Wohin des Wegs, Schweiz? Das Land im Herzen Europas stößt mit seinen Eigenarten zunehmend an Grenzen© Peter Klaunzer/AP

Dass den zurückhaltenden Schweizern bald der Kragen platzen würde, war zu erwarten. Und so kam es auch: Von "Skandal" ist die Rede, von einem "finanziellen Kreuzzug", sogar von einer "Kriegserklärung an die Schweiz" - die Nerven liegen blank bei den Eidgenossen. Kein Wunder, denn der Streit darüber, ob Deutschland eine CD mit geklauten Daten mutmaßlicher Steuersünder kaufen darf oder nicht, ist der vorläufige Höhepunkt eines höchst unerfreulichen Jahres für die Eidgenossen. Eines Jahres, in dem das stolze Land mit ihren Sonderwegen nahezu im Monatstakt an die Grenzen internationaler Toleranz gestoßen ist.

Begonnen hatte das Dilemma bereits 2008. Damals beschuldigte die amerikanische Steuerbehörde die Schweizer UBS-Bank, US-Bürgern bei der Hinterziehung von Steuern geholfen zu haben. Die Ermittler verlangten Einsicht in Kundenakten und drohten mit einer Klage. Um den GAU für die Bank und den Finanzstandort Schweiz abzuwenden, dealten die Behörden beider Länder ein umstrittenes Abkommen aus, mit dessen Hilfe die eigentlich streng vertraulichen Kundendaten an die USA herausgegeben werden konnten - was das berühmte Bankgeheimnis ausgehöhlt hätte. Doch vor genau einem Jahr kippte ein Schweizer Gericht den mühselig errungenen Vertrag. Nun stehen die Schweiz und die USA wieder ganz am Anfang, und der aktuelle Streit über die Steuersünder-CD erhöht den Druck auf die Eidgenossen zusätzlich.

80 Jahre äußerste Diskretion

Seit rund 80 Jahren existiert das Bankengeheimnis in der heutigen Form. Es ist gehört zur Schweiz wie ihre Neutralität, die direkte Demokratie und die Genfer Flüchtlingskonvention. Mehr noch: Die Diskretion in Sachen Finanzen ist Geschäftsmodell, Kulturgut sowie Quell des Reichtums. Für Diktatoren, solvente Geschäftsleute, Steuerflüchtlinge und solche, die Steuerflüchtlinge auffliegen lassen wollen, sogar das Paradieses - eines, das nach Willen nicht nur der USA, Deutschlands und der gesamten EU endgültig abgeschafft gehört. Wofür es gute Gründe gibt: Sämtliche Staaten wollen wissen, vor allem in finanziell schwierigen Zeiten, wer in den Züricher Tresoren Millionen vor dem Fiskus versteckt. Andere, welcher Despot, Drogen- und Waffenhändler die Schweiz zum Geldwaschen und -parken benutzt.

Die Weltgemeinschaft beginnt deshalb eine Verantwortung einzufordern, derer sich die Schweiz mit Hilfe ihrer vielbeschworenen Neutralität jahrzehntelang entzogen hat. Wer aber am Bankgeheimnis zerrt, der bringt aus Sicht der Schweizer die Grundfesten des Landes ins Wanken; das seit mehr als 160 Jahren gepflegte Selbstverständnis eines wohlerzogenen Staates, der sich aus der Weltläufte weitgehend heraushält, den innen- und außenpolitischen Konsens pflegt und den Willen seiner Bürger respektiert. Liberalität, Seriosität und Neutralität waren lange Jahre eidgenössische Erfolgsfaktoren, doch sie gereichen der Schweiz zunehmend zum Nachteil - oder entsprechen nicht mehr der Realität.

Multikulturelle Schweiz fremdenfeindlich

Da war zum Beispiel diese Sache mit der Volksabstimmung gegen Minarette. Rücksichtnahme auf den Volkswillen ist gute, alte Tradition in dem Land. Auch auf die Gefahr hin, mit zweifelhaften Entscheidungen leben zu müssen. Als sich die Mehrheit das Symbol islamischer Gotteshäuser nicht in ihren Nachbarschaften sehen wollte, schwappte eine Welle der internationalen Empörung über das Land. Plötzlich steht die Schweiz, multikulturell qua Staatsraison, als "fremdenfeindlich" dar.

Das Minarett-Bauverbot allein wäre hierzulande im besten Fall vielleicht noch als dem Freigeist geschuldete Schrulle durchgegangen. Wenn sich nicht seit einigen Jahren die Stimmung gegenüber Gastarbeitern im Allgemeinen und den Deutschen in speziellen zuspitzen würde. Zu Tausenden arbeiten sie in Zürich, Basel und Bern als topausgebildete Billiglöhner, und nehmen den Einmischen die Jobs weg und verderben die Löhne. Sicher - klassische Argumente von Rechtsaußen, die nicht alle Schweizer teilen, aber dennoch die öffentliche Diskussion bestimmen. Da passt es natürlich, dass der Deutsche seit jeher ein schlechtes Image genießt: zu laut, zu frech, zu ungehobelt. Und als ob es einen Beweis dafür gebraucht hätte, verglich der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück in seiner gewohnten Art die Eidgenossen mit Indianern, denen man mit Einsatz der Kavallerie drohen müsse. Seitdem hat der hässliche Deutsche auch noch ein Gesicht: es ist das des Sozialdemokraten Steinbrück.

Sonderstatus auf Kollisionskurs

Das Modell Schweiz ist nicht mehr heilig. Immer mehr Staaten verlangen, dass der eine oder andere Sonderstatus weichen muss, weil sie zunehmend mit einer Globalisierung kollidieren, die immer weniger Extrawürste duldet. Auch die Schweizer wissen, dass sich etwas ändern muss. Und sie sind schon längst dabei, es zu tun. Jahrelang etwa beheimatete das Land UN-Institutionen ohne selbst UN-Mitglied zu sein. Das änderte sich 2002. Anlässlich der EU-Erweiterung 2004 bot die Schweiz an, sich an den Kosten zu beteiligen, ohne selbst Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Und mittlerweile schließen nur noch besonders konservative Schweizer einen EU-Beitritt kategorisch aus. Die Schweiz ist dabei, ein normales Land zu werden.

Von Niels Kruse
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
vitoatsea (06.02.2010, 23:43 Uhr)
EU-Beitritt?
Dieser Beitrag hat zuviele Mängel, um an dieser Stelle angesprochen zu werden. In mancher Hinsicht aber auch durchaus korrekt. Allerdings! Eines ist sicher total falsch daran. Nämlich die Schlussfolgerung, dass <nur noch besonders konservative Schweizer einen EU-Beitritt kategorisch ausschliessen>! Weit gefehlt! Die überwiegende Mehrheit in der Schweiz lässt sich allenfalls mit "Gewalt" in die EU zwingen. Die Ergebnisse unserer Volksentscheide der letzten Jahre in dieser Hinsicht sprechen eine deutliche Sprache.
jsmooth (06.02.2010, 18:34 Uhr)
@jomimo
Wieso soll ich mich persönlich angegriffen fühlen? War doch alles korrekt an Ihrem Kommentar, sie haben nicht beldeigt etc., also alles in Ordnung :-)

@nony
Es bestreitet sicherlich niemand, dass es sich so zugetragen hat, aber es ist und bleibt ein Verbrechen. Wurde sicherlich schon oft gesagt, aber die Regierung unterstützt hier willentlich Betriebsspionage und will diese honorieren. Das ist jetzt falsch, und das war damals falsch. Hinzu kommt noch dieser ganze Medienwirbel, der sicherlich zu Nachahmern führen wird, ja gerade dazu auffordert, das Gesetz zu brechen.
nony (06.02.2010, 07:59 Uhr)
Ist trotzdem korrekt
Bei all dem Theater um die Daten CD geht ein Aspekt leider immer wieder vergessen. Als die Liechtensteiner Daten CD - die ja ebenso "gestohlen" war - in Deutschland ausgewertet worden ist, hat sich gezeigt, dass auch Schweizer Kundendaten darauf sind. Im Rahmen von Amtshilfe sind diese Daten an die Schweiz geschickt worden und wurden dort auch steuertechnisch verwertet. Ein Fall ist sogar bis vors Bundesgericht gelangt, da der Steuerbetrüger der Meinung war, das Hehlerware nicht als Beweis zulässig sei. Er hat auch vor dem Schweizer Gesetz kein Recht erhalten. Der einzige echte Unterschied ist also, dass es sich damals um eine Liechtensteiner Bank handelte und jetzt um eine Schweizer Bank. Und bevor mir hier unbewiesene Polemik unterstellt wird, diese Tatsache kann man bei einer seriösen schweizer Tageszeitung nachlesen. www.tagesanzeiger.ch - "Als der Schweizer Fiskus gestohlene Daten verwendete" Artikel vom 03.02.2010
nony (06.02.2010, 07:45 Uhr)
Daten CD
Bei all dem Theater um die Daten CD geht ein Aspekt leider immer wieder vergessen. Als die Liechtensteiner Daten CD - die ja ebenso "gestohlen" war - in Deutschland ausgewertet worden ist, hat sich gezeigt, dass auch Schweizer Kundendaten darauf sind. Im Rahmen von Amtshilfe sind diese Daten an die Schweiz geschickt worden und wurden dort auch steuertechnisch verwertet. Ein Fall ist sogar bis vors Bundesgericht gelangt, da der Steuerbetrüger der Meinung war, das Hehlerware nicht als Beweis zulässig sei. Er hat auch vor dem Schweizer Gesetz kein Recht erhalten. Der einzige echte Unterschied ist also, dass es sich damals um eine Liechtensteiner Bank handelte und jetzt um eine Schweizer Bank. Und bevor mir hier unbewiesene Polemik unterstellt wird, diese Tatsache kann man bei einer seriösen schweizer Tageszeitung nachlesen. www.tagesanzeiger.ch - "Als der Schweizer Fiskus gestohlene Daten verwendete" Artikel vom 03.02.2010
nony (06.02.2010, 07:28 Uhr)
to madame
Komisch. Ich lebe als Deutscher schon wesentlich mehr als 20 Jahre in der Schweiz. Ich finde den Artikel nicht schlecht, sondern gut recherchiert. Ich habe noch von keiner Gemeinde dort eine Auflistung darüber erhalten, wo genau die Steuergelder hingeflossen sind - aber Sie haben insofern Recht, dass ich mir diese Daten legal beschaffen könnte. Problem dabei ist nur, dass die Daten derart intransparent sind, dass das eigentlich nichts bringt. Sexualstraftäter werden übrigens auch in der Schweiz nicht auf die billigste Möglichkeit entsorgt und auch Ihre anderen Anwürfe sind ziemlich haltlos. Also bitte recherchieren Sie zunächst einmal vor der eigenen Haustüre.
Und ja. Eine grosse Zahl Schweizer sind freundliche und umgängliche Menschen, mit denen ich sehr gerne zusammenlebe und arbeite. Aber - und auch das muss und darf gesagt werden - ein mindestens ebenso grosser Teil der Schweizer Bevölkerung sind kleingeistige, dümmlich verbohrte und halbgebildete Rassisten, die permanent in der Angst leben, von irgend jemanden übervorteilt zu werden. Am schlimmsten wäre dies natürlich, wenn dieser Jemand auch noch aus Deutschland käme.
allesklar (06.02.2010, 05:52 Uhr)
Ach Madame - AUCH SIE HABEN HINTERZOGEN...
Erst Steuern hinterzogen - dann dem geld nachgezogen?
Klar hat D recht die CD zu kaufen. auf steuerbetrug steht strafe - in den USA gibt es ebenso keine schonung - selbst die schweizer USB musste ihre daten rausgeben ( an die USA ) ansonsten waren alle USB verbindungen mit der USA gekappt worden. also nicht so viel vorwerfen - wenn man auf hinterzogenem Geld sitzt!
jomimo (05.02.2010, 23:56 Uhr)
@jsmooth
Bitte fühlen Sie sich von mir nicht persönlich angegriffen.

Wollte nur herausstellen, daß EU - Land die CH braucht; und zwar so, wie sie jetzt ist.

Würde die Schweiz in die EU genötigt, hätte das "alte Europa" den letzten Rest Freiheit verloren.
appaz (05.02.2010, 21:44 Uhr)
@Swiss.CH

Liebe Eidgenossen,

die meisten Eurer Nachbarn versuchen, sich mit der Herstellung von Gütern oder durch die Erbringung von (legalen) Dienstleistungen finanziell soweit über Wasser zu halten.
Bitte besinnt Euch auf Eure ureigensten Stärken, produziert Schokolade, stellt Käse her und dreht von mir aus auch Pillen ...
Nur, macht bitte endlich Schluss damit, Euch zum Nährboden für die Brut der Parasiten Eurer Nachbarn zu degradieren = zu prostituieren!
jsmooth (05.02.2010, 18:33 Uhr)
@Prologo
Tja, für Sie scheint die Souveränität eines Staates nur schützenwert, solange ein Staat das tut, was Sie für gut befinden, oder anders ausgedrückt, ein Staat ist souverän, solange er sich an unseren Werten und Gesetzen orientiert.

@gallaher
Ich denke mal das Prologo den Schah gemeint hat.

@jomimo
"Sie nennen Schwarzgelder von Diktatoren und sonstigen Verbrechern in einem Atemzug mit CH."
Hab ich nicht, sondern ich bin auf das Kommentar von Prologo eingegangen. Allerdings verstehe ich auch nicht was Sie mir mit diesem Satz sagen wollen.
"Glaube nicht, dass der Schweizer Normalbürger einen bedeutsamen Nutzen aus dem Finanzsystem Schweiz hat."
Da stimme ich Ihnen zu, aber in deren Namen nun die Schweiz anzugreifen wäre nicht richtig. Wenn den schweizer Bürgern es nicht gefällt, werden sie schon etwas dagegen tun.

@Scooter-63
Das die BRD ihr Recht auf ihrem Terretorium ausüben muss, ist klar, ab dazu selbst zum Verbrecher zu werden und/oder anderen Staaten vorzuschreiben, was sie zu tun haben, ist nicht akzeptabel.
Der Vergleich mit den von Ihnen genannten Staaten ist überhaupt nicht weit hergeholt, denn es sind/waren souveräne Staaten.
Der letzte Absatz ist ja wohl lächerlich. Man wird zum Betrug aufgefordert? Gut, manche mögen sich dazu aufgefordert fühlen, aber pauschal alle in diese Schublade zu stecken, ist schon sehr arrogant. Denn in diesem Sinne wäre die Nichteinhaltung von Gesetzen durch die BRD ein Aufruf an die Bürger, sich ebenfalls nicht an Gesetze zu halten. Das Problem ist nicht die Moral der Schweizer, sondern die Moral von uns, und das ist nunmal ganz allein unser Problem bzw. Problem des entsprechenden Staates.
Mit dem letzten Satz haben sie natürlich Recht, solange sie damit die BRD meinen (ich nehme mal an, sie kommen aus der BRD).

Nur um eins klarzustellen: Ich verteidige hier nicht das schweizer Banken- und Finazwesen, sondern nur die Souveränität der Schweiz. Ein souveräner Staat kann auf seinem Terretorium tun und lassen, was er will, sei es in unseren Augen gut oder schlecht. Das dieser Staat sich dabei an Verträge und Abkommen mit anderen Staaten zu halten hat, ist selbstverständlich.
ganzbaf (05.02.2010, 13:14 Uhr)
Das mit den Banken...

ist in der Schweiz irgendwie historisch bedingt. Aber das wird sich ändern, schließlich finden es dort längst nicht alle toll, dass man die Milliarden für 3-Welt Despoten und Steuerhinterzieher aus aller Welt bunkert.

Ansonsten können wir viel von den Schweizern lernen.
Geradein Sachen direkter Volksdemokratie (-:
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