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stern-Reportage

Der Unwiderstehliche und seine Meisterregisseurin

Brigitte und Emmanuel Macron: Zuerst eroberten sie Paris, jetzt stürmen sie die Weltbühne. Über die perfekte Inszenierung eines ungewöhnlichen Paares.

Emmanuel Macron: Der neue fanzösische Präsident scheint unbesiegbar

Sein Anzug kostete 450 Euro, ihr Louis-Vuitton-Kleid ist geliehen: Der erste Auftritt von Brigitte und Emmanuel Macron im Élysée-Palast wurde bis ins Detail orchestriert.

Freizeitboxer feuert sich jetzt selbst an: "Okay, noch fünf Minuten Training, dann bin ich durch." Er steht auf einer Bühne im Scheinwerferlicht, oberster Hemdknopf schon offen. Im riesigen Saal sitzt nur hier und da ein Stratege aus seinem engsten Zirkel. Macron bereitet eine Rede vor, mit der er Marseille gewinnen möchte.

Er holt Luft, legt los: "Wir müssen die einzige Bewegung werden, die sich weder auf Ablehnung gründet noch auf Ressentiment. Wir sind die Partei der Hoffnung. Vive la République! Vive la France!"

Eigentlich eindrucksvoll. Aerodynamische Rhetorik, mit kalkuliert unterkühltem Pathos vorgetragen. Aber Brigitte ist nicht zufrieden. Ganz und gar nicht zufrieden. Sie geht unten vor der Bühne auf und ab, enge Jeans, blaue Bluse, Brille, Haare mit Spange am Hinterkopf streng fixiert.

"Ich danke Brigitte, die immer zugegen ist und sein wird."

"Deine Stimme fällt ab", sagt sie scharf. "Heb deine Stimme an. Deine Stimme stürzt ab!" Energischer Blick Richtung Bühne. Mit der Handkante sichelt sie imaginäre Brennnesseln oder Disteln weg, die sie vor sich zu spüren scheint. Weg da, unnützes Kraut! Die Strategen schauen aufs . Macron fügt sich und sagt kleinlaut: "Okay."

Er hat gut daran getan, auf diese strenge Regisseurin zu hören. Keine sechs Monate später ist er Präsident. Nach der gewonnenen rief er vor dem Louvre der jubelnden Menge zu: "Ich danke Brigitte, die immer zugegen ist und sein wird. Ohne sie wäre ich heute nicht hier."

Kaum hat er das höchste Staatsamt erobert, befindet sich Macron auch schon wieder im Wahlkampf: Es finden in Parlamentswahlen statt. Und Macron muss dafür sorgen, dass seine frisch gegründete Bewegung "La République en Marche" die absolute Mehrheit in der Pariser Nationalversammlung erreicht. Sonst wird er seine Reformen nicht durchsetzen können. Die erste Runde haben er und seine Meisterregisseurin gewonnen, "En Marche"stellt die größte Fraktion seit 60 Jahren, die absolute Mehrheit ist in Sicht.

Am Tag seiner Wahl schreitet der Präsident zur ersten Ansprache vor den Louvre.

Am Tag seiner Wahl schreitet der Präsident zur ersten Ansprache vor den Louvre.

Brigitte Macron hat inzwischen ihr eigenes Büro im Élysée-Palast. Erdgeschoss, "Salon des Fougères" – ein lichtdurchflutetes Gemach mit hellem Parkett, prachtvollen Blumentapisserien, Lüstern und goldener Standuhr auf dem Kamin. Eine Tür führt in den kleinen Palastpark. Sauber gezirkelte Gärtnerkunst, streng inszenierte Natürlichkeit.

Schon während seiner Kampagne hatte Macron angekündigt: "Sie wird nicht versteckt, nicht hinter einem Tweet, nicht in einem Hinterzimmer. Sie wird an meiner Seite sein, weil sie immer an meiner Seite war." Das war ein Seitenhieb auf Präsident Hollande, der keine Rolle für seine Partnerinnen Valérie Trierweiler und Julie Gayet fand. Er vereinsamte im Élysée-Palast.

Wer etwas von Emmanuel Macron will, geht am besten zu seiner Gattin

Macron dagegen hat beschlossen, seiner Frau einen offiziellen Status zu verleihen. Inklusive Zielvereinbarungen und öffentlichem Budget. Inzwischen hat Brigitte Macron einen eigenen Kabinettschef, einen Verwaltungsprofi, der zuvor schon "En Marche!" organisierte. Sie ist nicht nur Anhängsel. Sie kümmert sich um Jugend- und Erziehungsfragen. Das machte sie schon, als sie 1993 Macron kennenlernte, als 39-jährige Französisch- und Lateinlehrerin an seiner Schule. Dort inszenierte sie ein Theaterstück mit dem damals 15-jährigen Emmanuel. Natürlich wurde es ein durchschlagender Erfolg. Seitdem hört die Inszenierung nicht mehr auf.

Sie hat seine Reden gelesen, seine Betonung korrigiert, seine Gedanken geschärft. Dem Wahlkampfteam hat sie Sandwiches geschmiert – und die Entourage hat die Zähne zusammengebissen. Schnell war klar: Wer etwas von Macron will, geht am besten zu seiner Gattin.

Denn es gibt nur einen Menschen, der diesem hypnotischen Charismatiker Paroli bieten kann: In einem Pulk von Schmeichlern und Jasagern ist sie die Einzige, die den oft von sich selbst berauschten Euphoriker zur Besinnung bringt. Dabei hilft ihr feiner, mit einer wohldosierten Prise Ironie durchtränkter Humor. Während eines Abendessens sagte sie zu einem Freund: "Du musst mir helfen, ihn runterzuholen. Weißt du, es ist nicht immer einfach, mit Jeanne d'Arc zusammenzuleben."

Macrons Stieftochter Laurence Auziere-Jourdan (2. von links), ihr Ehemann Guillaume Jourdan (2. von rechts), sowie deren Sohn und deren Tochter Emma (r.) vor dem Präsidentenpalast in Paris.

Macrons Stieftochter Laurence Auziere-Jourdan (2. von links), ihr Ehemann Guillaume Jourdan (2. von rechts), sowie deren Sohn und deren Tochter Emma (r.) vor dem Präsidentenpalast in Paris.

24 Jahre, 8 Monate und 8 Tage ist sie älter als der Präsident. "Was auch immer Sie machen, ich werde Sie heiraten", hat er ihr gesagt. Da war er 17. Noch heute bringt ihn die Erinnerung an die Reaktionen der anderen auf seine Liebe in Wallung: "Man erklärte uns, dass dies gegen die Sitten verstoße, dass wir verzichten müssten, die Regeln respektieren", sagte er. Seit 2007 sind sie verheiratet. Drei Kinder hat Brigitte aus ihrer Ehe mit dem Bankier André-Louis Auzière mitgebracht: Sébastien, Laurence und Tiphaine. Und alle drei haben sich in Macrons Kampagne engagiert. Stiefpapa ist unwiderstehlich.

Klassische Kniffe der Rhetorik

Das Präsidentenpaar hat viel Spott ertragen müssen wegen seines Altersunterschieds. Russische Staatsmedien unterstellten Macron sogar eine Beziehung mit Mathieu Gallet, dem Intendanten des staatlichen Senders Radio France. Macron war der Erste, der erkannte, wie frauenfeindlich diese Unterstellung war. Wenn jemand eine so alte Frau liebt, kann er ja nur schwul sein – so lautet das unterschwellige Klischee, aus dem sich die Fake News von seiner Homosexualität speist.


Der große Kommunikator Macron entschied sich, das Gerücht mit Humor zu dementieren: "Für Brigitte ist das nicht sehr angenehm", sagte er. "Sie fragt sich schon, wie ich das physisch schaffe. Sie ist den ganzen Tag an meiner Seite, und ich habe sie dafür nie bezahlt." Noch in dieser charmanten Verteidigung platzierte er ganz en passant einen Seitenhieb auf den Gegner François Fillon, der seine Frau als Parlamentsassistentin beschäftigte. Er beherrscht die Kniffe der klassischen Rhetorik. Woher? Brigitte.

Die Beziehung des Power-Paars war immer ein Kampf gegen die Gesellschaft. Und beide haben verstanden, dass sie den Altersunterschied nutzen konnten. Neben dieser Frau positionierte sich Macron als ein Mann, der macht, was er für richtig hält. Nicht, was als schicklich gilt.

Macron und seine Frau haben früh entschieden, ihre Beziehung auch in der Politik offen ins Feld zu führen. Macron war zwar bekannt in den gebildeten Kreisen der Hauptstadt. Aber in der breiten Bevölkerung war er ein Niemand. Der Schlosser oder die Friseurin kannten diesen Rothschild-Banker kaum. Wenn überhaupt, dann als Angehörigen einer elitären Schicht. Brillant, aber aalglatt.

Innige Nähe: Das Paar setzt sich stets perfekt in Szene – wie hier im Skiort Grand Tourmalet.

Innige Nähe: Das Paar setzt sich stets perfekt in Szene – wie hier im Skiort Grand Tourmalet.

Also schloss das Paar einen Pakt mit dem Teufel. Es nahm Kontakt mit Michèle Marchand auf. Die 70-Jährige, genannt "Mimi", ist die Herrscherin der französischen Boulevardpresse. Ihre Bildagentur Best image beschäftigt die hartnäckigsten Paparazzi Frankreichs. Die Macrons haben Mimi "privilegierten Zugang" gewährt. Seitdem steht das Paar für regelmäßige Fototermine zur Verfügung. Doch sie dürfen sich aussuchen, welche Bilder veröffentlicht werden. Der Fotograf Pascal Rostain sagt: "Wer Mimi an seiner Seite hat, braucht sich keine Sorgen mehr um die Kontrolle seines Images zu machen."

Bis zu seiner Bekanntschaft mit Mimi hatte Macron in seiner engeren Entourage nur Internetspezialisten, Ökonomen und Werber. Mimi sorgt nun für den Spin in Werkstätten und Friseursalons. Sie war es, die Brigitte zu einem Foto im Badeanzug am Strand von Biarritz überredete: "Trau dich! Du bist schön, Brigitte." Sie war es, die den Macron-Clan auf den Stufen des Präsidentenpalasts porträtieren ließ – inklusive Stieftochter Laurence, die genauso alt ist wie Macron.

Tag für Tag spielt Macron sein bestes Spiel. Und er spielt es für seine Frau

Strategisch geschickt zelebriert der Präsident seine Ehe als ein Statement. Neben seiner Frau erscheint er als jemand, der mühelos scheinbare Gegensätze überwindet. Wenn ein Schüler seine 24 Jahre ältere Lehrerin heiraten und mit ihr glücklich werden kann, dann kann dieser Furchtlose ja vielleicht auch ganz Frankreich in ein strahlendes, innovatives Silicon Valley mit 35-Stunden-Woche und Sozialversicherung verwandeln. Oder gleich die ganze Welt verbessern.

Tag für Tag spielt Macron sein bestes Spiel. Und er spielt es für seine Frau. Er ist immer noch ihr bester Schüler. Instinktiv nimmt er Kraftfelder wahr, spürt, wohin er sich bewegen muss und was von ihm erwartet wird. Diese Erwartung erfüllt er dann meisterhaft.

Nachdem Brigitte Macron als Präsidenten erschuf, wird sie nun das Land gestalten. Das entspricht ihrem Selbstverständnis. Sie wurde erwachsen in den 70er Jahren. Mit selbstbewusster Eleganz verkörpert sie eine Epoche der Emanzipation. Ihre Kinder hat sie großgezogen, ohne den Lehrerberuf aufzugeben.

Steht Macron vor allem für wirtschaftliche Befreiung, verkörpert Brigitte alle Errungenschaften einer modernen, gleichberechtigten Gesellschaft. Ihre Modernität wurzelt nicht in feministischer Theorie, sondern in der Literatur der französischen und lateinischen Klassiker, die sie Macron schon früh nahebrachte. Ohne diese humanistische Erdung wäre Macron nur brillanter Stratege, Meister des Deals, kalter Technokrat – also unwählbar.

Durch die "Galerie der Schlachten" in Versailles geleitet Macron den russischen Präsidenten Putin zum Gespräch über Krisengebiete wie Syrien und die Ukraine.

Durch die "Galerie der Schlachten" in Versailles geleitet Macron den russischen Präsidenten Putin zum Gespräch über Krisengebiete wie Syrien und die Ukraine.

Brigitte Macron inszeniert nicht nur ihren Mann, sondern auch sich selbst. Einzig mit der Wahl eines Kleidungsstücks weiß sie, politische Botschaften zu setzen. Die britische Modejournalistin Jess Cartner-Morley hat Punkt für Punkt den schmal geschnittenen Mantel mit dem auffälligen Silberkragen dechiffriert, den Brigitte Macron an dem Tag trug, als ihr Mann zum Präsidenten gewählt wurde. "Erstens: Der blaue Mantel mit dem aufgestellten Kragen im Biker-Stil vermittelte einen subtil rebellischen Eindruck", schreibt Cartner-Morley. "Zweitens: Sie hat diesen Mantel schon viele Male vorher getragen. Es ist ihre Wahl, nicht die Empfehlung einer Imageberaterin. Drittens: Der Mantel ist von der Luxusmarke Louis Vuitton. Das unterstreicht, dass Macrons Regierung keine Probleme mit der mächtigen Wirtschaft hat." Dieser Mantel sieht ein wenig nach der Uniform einer Raumschiffkommandantin aus und signalisiert: Die Zukunft der Republik hat begonnen.

Macrons Knöchel wurden weiß, doch sein Lächeln strahlte unbeirrt

Der jüngste Präsident Frankreichs zeigte schnell, dass er all den erfahrenen Staatsmännern auf der Weltbühne gewachsen ist. Im Gegensatz zu anderen Weltpolitikern ließ er sich beim berüchtigten Handshake mit Donald Trump nicht hilflos durchschütteln, sondern setzte dem US-Präsidenten einen kräftigen Handschlag entgegen. Macrons Knöchel wurden weiß, doch sein Lächeln strahlte unbeirrt.

Macron wusste genau, wie stark er den Händedruck dosieren, wie lange er Trump standhalten musste, damit es im Netz am besten wirkt. Er kann nicht nur frontal, sondern auch viral. Schließlich hat er mit Social Media die Wahl gewonnen. In einem Interview bekannte er, dass er diesen Händedruck sehr gut vorbereitet hatte: "Mein Handschlag mit ihm, der war nicht unschuldig. Man muss zeigen, dass man nicht einmal kleinste Eingeständnisse macht, auch keine symbolischen." Nichts ist unschuldig bei Macron.

Kaum hatte er Trump ausgeknockt, nahm er sich das nächste Schwergewicht vor. Lieber gleich zu Beginn das gesamte Terrain markieren. Anlässlich einer Ausstellung über die erste Frankreichreise Peters des Großen vor 300 Jahren lud Macron den russischen Präsidenten Putin ins Schloss von Versailles. So sehr er Putin damit schmeichelte, so hartnäckig las er ihm auch zwischen Ölgemälden und Spiegelwänden die Leviten. Er wandte dasselbe diplomatische Prinzip an wie bei Trump: oben lächeln, unten zupacken.

Der französische Kennedy Macron wirkt wie ein Heilsbringer, weil er just in jenem Moment auf die Bühne getreten ist, in dem allüberall Hoffnungslosigkeit herrscht: Frankreich sumpft seit Jahrzehnten in Arbeitslosigkeit und Depression. Europa droht, von Populisten zersetzt zu werden. Die Weltpolitik ist gebeutelt vom Irrwisch Trump. In diese Misere tritt nun dieser gut aussehende, intelligente, gebildete Mann. Ein französischer Kennedy, der Optimismus verbreitet.

Wer ihn jetzt noch nicht kennt zwischen Bangalore und Feuerland, hat kein Internet

Macron spielt sie alle gegen die Wand. Kaum hatte Trump das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt, wandte Macron sich in unwiderstehlichem Café-au-lait-Eiffelturm-Brigitte-Bardot-Englisch an die Weltöffentlichkeit und bezog Position gegen Trump. Als geschickter Start-up-Papa versuchte er gleich noch, Amerika alle enttäuschten Forscher und Unternehmer abzuwerben. Wer ihn jetzt noch nicht kennt zwischen Bangalore und Feuerland, hat kein Internet. Wieder einmal brillantes Theater. Viel mehr hat er allerdings bislang auch noch nicht geliefert. Gesten, Posen, Storytelling.

Nun muss er durch die Feuerprobe der Tagespolitik. Und die bringt gerade wenig Strahlendes zutage. Bei einem Besuch in einem bretonischen Seenotrettungszentrum machte Macron einen geschmacklosen Witz über Migrantenboote im Indischen Ozean, auf dem schon mehr als 10.000 komorische Flüchtlinge bei der Überfahrt auf die französische Insel Mayotte ertrunken sind. Brigittes Meisterschauspieler im Herzen ein Rassist? Wenige Tage nach seinem viralen Klimaretterclip droht Macrons Parlamentswahlkampf kurz zu entgleiten. Zudem ist seine neue Regierung mit ihrer ersten Krise konfrontiert.

Dem Minister für territorialen Zusammenhalt, Richard Ferrand, Macrons treuestem Weggefährten, wird Vetternwirtschaft vorgeworfen. Das ist pikant, denn Macron wetterte im Wahlprogramm gegen "Praktiken, die man für unmöglich hielt, denn sie sind inakzeptabel wie zum Beispiel die Einstellung von Familienmitgliedern durch die politische Klasse". Genau das soll Ferrand getan haben.

Und wie verhält sich der Präsident angesichts der fragwürdigen Praktiken seines Freundes? Er schweigt. Lässt laufen. Das spricht nicht für Durchsetzungskraft. Feste Hände schütteln ist das eine. Mit fester und sicherer Hand führen das andere.

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