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Tunesien hat den Islam gewählt

Noch ist es nicht amtlich, doch es scheint, dass die konservative islamische Bewegung En Nahda die tunesischen Wahlen gewonnen hat. Ihr Chef Rashid Gannouchi ist ebenso interessant wie undurchsichtig.

Von Manuela Pfohl

Eigentlich ist es egal, um wie viele Prozente es jetzt noch geht. Der Sieger der Wahlen in Tunesien steht schon fest. Es ist Rashid al Gannouchi, ein jovialer Herr mit silbergrauem Haar, der Bücher schreibt und philosophische Traktate. Führer der jahrelang verbotenen islamischen En Nahda-Bewegung. Die "Wiedergeburt" kam am Wochenende auf mindestens 30 Prozent der abgegebenen Stimmen - und ist damit die stärkste Kraft im Land. Für den 70-Jährigen ein grandioser Erfolg, für den Westen eher ein Problem. Denn Gannouchi galt der Politik in Europa und den USA bislang als ziemlich undurchsichtiger, um nicht zu sagen suspekter Zeitgenosse.

Der Sohn eines Imams wird als "begeisterter Anhänger" der palästinensischen Hamas geschildert. Als islamischer Hardliner, der "kein politisches Konzept als islamisch betrachtet, das sich außerhalb der Scharia bewegt". Mehr als einmal gerierte er sich als polternder Islamist, der den westlichen Demokratien ihre moralische Verwahrlosung vorwarf und stattdessen eine weltweite strenge Gottgefälligkeit propagierte. Wegen seiner engen Verbindung zur umstrittenen radikalislamistischen ägyptischen Muslimbruderschaft hatte Gannouchi angeblich in den 90ern ein Einreiseverbot für die USA. En Nahda wiederum findet sich auch in deutschen Verfassungsschutzberichten wieder. Andererseits hatte er sich schon Anfang der 80er eindeutig gegen den tunesischen Despoten Bourguiba und seinen Nachfolger Zine el Abidine Ben Ali gestellt, war dafür verhaftet worden und der Todesstrafe nur durch seine Flucht nach Großbritannien entgangen. Mehr als 20 Jahre lang lebte Gannouchi, der in Kairo Landwirtschaft und in Tunis Philosophie studierte, im Londoner Exil. Und nun soll er die Ernte der Jasminrevolution einfahren und Tunesien in eine demokratische Zukunft nach westlichem Vorbild führen. Kann er das und will er das auch?

Bedenken mit guten Absichtserklärungen zerstreuen

Die seit Tagen schwer überlastete Website von En Nahda versucht mögliche Bedenken mit guten Absichtserklärungen zu zerstreuen. Es ist viel von Aufbruch, Versöhnung statt Rache und Gerechtigkeit für die Entrechteten in der arabischen Welt zu lesen. Dass Gannouchi, wie das Middle East Media Research Institute im November 2004 behauptet, eine sogenannte Fatwa erlassen habe, in der die Tötung israelischer Zivilisten pauschal erlaubt wird, findet sich dort ebenso wenig, wie andere frühere radikalislamistische Aussagen. Vielmehr heißt es da: "Voller Respekt für die Gleichbehandlung aller Bürger und in der Verteidigung der öffentlichen und privaten Freiheiten will En Nahda die Grundsätze der Demokratie in der islamischen Kultur stärken."

Schöne Worte, die während des Wahlkampfes millionenfach vervielfältigt auf Wahlplakaten und Flyern in jedem noch so abgelegenen Ort Tunesiens zu lesen waren - und bei den von bis zu 35 Prozent Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst verunsicherten Tunesiern auf einen fruchtbaren Boden fielen, Denn die Befürchtung, dass die Früchte der Revolution für das Volk eher mager ausfallen könnten, wuchs in den vergangenen Wochen. Sätze, wie "wir begrüßen in unseren Reihen alle tunesischen Männer und Frauen, die ernsthaft an der Erreichung der Ziele der Revolution der Seeligen interessiert sind, egal, ob verschleiert oder unverschleiert", machten Hoffnung.

En Nahda bleibt diplomatisch unverbindlich

In einem Interview vom August dieses Jahres, das auf seiner Website steht, wird Gannouchi von seinen Anhängern gefragt, wie er sich eine "Regierung der nationalen Einheit" nun ganz konkret vorstellt und wer an ihr beteiligt sein sollte. "Wir sind offen für alle Strömungen liberaler, nationalistischer und linksgerichteter Gruppen und arbeiten bereits mit einigen zusammen", antwortet Gannouchi diplomatisch unverbindlich und fügt wie selbstverständlich hinzu, wer der künftige Leader einer solchen nationalen Einheit sein sollte: Er und En Nahda. Selbstbewusst erklärt er, er sei bereit, Verantwortung zu übernehmen und habe bereits ein Schattenkabinett für die spätere Regierung aufgestellt. Über sein vielbeschworenes Programm der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Reformen könne er allerdings noch nicht so viel sagen, denn "eine Gruppe von Experten und Söhnen der Bewegung" sei "noch dabei, den endgültigen Text eines Entwurfes zu erarbeiten".

Keine Angst vor einem Gottesstaat

Zweifel an der Wahrhaftigkeit der demokratischen Reformbemühungen Gannouchis sind angebracht. Was meint der künftige starke Mann Tunesiens, wenn er erklärt, er werde die "brüderlichen Beziehungen mit dem breiten Spektrum gemäßigter islamischer Bewegungen" nutzen, um als "einflussreiches Mitglied" die Strukturen der arabischen Welt zu festigen, und dabei unter anderem Ägypten, Indonesien und Pakistan als Partner nennt? Wie glaubhaft sind seine Demokratieversprechen, wenn er auf die Frage, wie seine Haltung zur Terrorgruppe Hizb ut Tahrir ist, antwortet: "Wir suchen mit den Brüdern den Dialog, kooperieren, einigen uns und akzeptieren, wenn wir einmal nicht einer Meinung sind." Wie weit hat er sich von der Vereinigung Jamaa al-Islamiya entfernt, die er 1970 mit begründete, und die sich im Wesentlichen darauf kaprizierte, die "Verwestlichung" Tunesiens zu kritisieren?

Nicht wenige liberale Tunesier fürchten im Falle einer Regierung unter der Führung von En Nahda einen für sie dramatischen Wandel des Landes. Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe allerdings sieht keine Anzeichen für einen künftigen Gottesstaat in Tunesien. Er könne sich nicht vorstellen, dass ein strikter Scharia-Islamismus in einer vergleichsweise liberalen Gesellschaft wie der tunesischen durchsetzbar sei, sagte der Jurist und Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa im Deutschlandradio Kultur. Gannouchi, der es nach Jahren der Demütigungen nun politisch nach ganz oben geschafft hat, dürfte klug genug sein zu wissen, wie er seine Macht erhält.

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