Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Erdogan tut, was ein Erdogan tun muss

Wie kommt Recep Tayyip Erdogan dazu, die Zensur eines NDR-Satirevideos zu fordern? Ein Großteil der Kritik am türkischen Präsidenten ist berechtigt, doch wird gerne vergessen: Stärke und Respektlosigkeit werden von ihm erwartet.

Ein Kommentar von Raphael Geiger, Istanbul

Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan im westtürkischen Canakkale. Was oft vergessen wird: Der Präsident spricht nicht zu Deutschen, sondern zu Türken

Dass Sätze, die mit "Recep Tayyip Erdogan" beginnen, selten gut ausgehen, muss jeder deutsche Leser inzwischen verinnerlicht haben. Erdogan ist, schreiben die Kollegen: "erbost", "gereizt", "wie Putin", "ein Kriegstreiber", "größenwahnsinnig" "ein schmieriger Partner" und "eine beleidigte Leberwurst".

Erdogan könnte in Deutschland nie eine Wahl gewinnen, das ist klar, den Deutschen erscheint es völlig unbegreiflich, dass die Türken ihn direkt zu ihrem Präsidenten erkoren haben. Und dass immer noch eine knappe Mehrheit in der Türkei gut findet, was er tut. Kaum ein ausländisches Staatsoberhaupt bekommt in Deutschland so viel Aufmerksamkeit wie er. Manchmal kommt es einem vor, als wäre er hauptberuflich Zitatelieferant für die Schlagzeilen in Almanya.

Recep Tayyip Erdogan ist nicht immer wütend

Mal verkündet er, dass er keinen besonderen Unterschied mehr sehe zwischen Terroristen und manchen Journalisten. Ein paar Tage später sagt er, dass im Krieg gegen die PKK die Pressefreiheit und der Rechtsstaat keinen Wert mehr hätten. Kurz darauf greift er öffentlich den deutschen Botschafter an, weil der den Prozess gegen zwei angeklagte Journalisten besuchte. Kaum beginnt die neue Woche, erfährt Erdogan von einem Satirevideo der NDR-Sendung "extra 3", Thema: er selbst, und lässt daher den deutschen Botschafter in Ankara ins Außenministerium einbestellen. Es heißt, die türkische Seite habe gefordert, das Video zu löschen. "Erdogans Wut" treffe nun die ausländischen Diplomaten, schreibt "Spiegel Online", was klingt, als befinde sich der Präsident in seinem Palast in ständiger Wut, von morgens bis abends, nur die Gründe für seine Wut wechselten.

Der umstrittene Beitrag von "extra3"


Recep Tayyip Erdogan erscheint mittlerweile wie ein Pseudonym für alles Schlechte, Böse und unsympathisch ist er dazu. Weitere Attribute: siehe oben. Wenn man in der Türkei lebt und mal zu Besuch in Deutschland ist, wird man oft auf ihn angesprochen. Meistens ungefähr so: Na, und der Erdogan, der wird doch auch immer schlimmer?

Man kann ihn für ganz viel kritisieren, man sollte es. Erdogan vergiftet das Klima in der Türkei, er glaubt sich nicht an demokratische Regeln halten zu müssen, den Rechtsstaat kann man kaum noch so nennen, türkische Journalisten brauchen viel Mut. Was fehlt, ist die Erklärung.

Er braucht die Aura des Sieges

Warum ist Erdogan so? Warum mögen ihn viele Türken? Manches ist darüber geschrieben worden, das Wirtschaftswunder, die Krankenversicherung, der Islam. Ganz wichtig aber ist sein Charakter, sein Auftreten. Sein Ruf als Sieger. Um auch einmal einen Satz so zu beginnen: Erdogan ist... ein autoritärer Herrscher, der nicht kann ohne sein Volk. Er brauchte den Wahlsieg, natürlich, denn noch wird das Parlament in der Türkei frei gewählt, er braucht aber vor allem die Aura des Siegers. 

Nach der missglückten Wahl im Juni 2015 riskierte Erdogan viel. Er riskierte einen Bürgerkrieg. Er wollte Nationalisten und fromme Kurden gewinnen, was ihm zur Neuwahl im November beides gelang, und schon im Sommer war er zurück dort, wo er sein will und muss: in der Offensive. Seine Anhänger mögen das Forsche an ihm, das völlig Furcht- und oft Respektlose. Die Macht, die er ausstrahlt. Sein Selbstbewusstsein, durch nichts zu erschüttern, scheint sich in seinen Reden auf die Zuhörer zu übertragen. Erdogan kennt sein Land, seine Wähler, er ist furchtbar intelligent und einer der begabtesten Politiker unserer Zeit.

Vieles stimmt, was in den deutschen Medien über ihn steht, vieles ist dran an der Kritik. Nur spricht Erdogan nicht zum deutschen, sondern zum türkischen Publikum. Die Türkei ist ein Land mit anderen Dynamiken, allein mit europäischem Denken kann man es nicht begreifen. Erdogan will stark wirken, und seine Anhänger wollen ihn stark sehen. Die "extra 3"-Satiriker sind ihm wirklich egal, sie erlauben ihm nur, sich zu präsentieren. So, wie er gesehen werden will, und so, wie ihn viele lieben.

Erdogan über Erdogan: "Erdogan ist vergänglich"

In einem gespielt bescheidenen Moment hat er einmal über sich selbst gesprochen und einen Erdogan-ist-Satz gesagt, am Ende einer Rede war das, nach dem üblichen Prahlen und Drohen. Er sagte: "Erdogan ist vergänglich."

Möglich, dass manche seiner Fans das bezweifelt hatten. Er fügte hinzu, sein Tod werde die Türkei nicht aufhalten. Als wären er und das Land schon verschmolzen, und sein Ende wäre auch das Ende der Türkei. Dem ist nicht so. Erdogan ist: auch nur ein Mensch.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools