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Der Herr General weiß von nichts

Völkermord, Massenvergewaltigungen, Angriffe auf Zivilisten - die Liste der Vorwürfe gegen Ratko Mladic ist lang. Von all dem will der serbische Ex-General nichts gewusst haben. Der "Schlächter vom Balkan" gibt sich sogar sicher, seine Unschuld beweisen zu können.

Und dann war die Sache mit dem Geburtstag: Dass er an einem 12. März zur Welt kam, zumindest darüber herrschte Einvernehmen. Doch in welchem Jahr? Für die Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wurde Ratko Mladic 1942 geboren. Bei seinem ersten Auftritt vor dem Kriegsverbrechertribunal aber gab der "Schlächter vom Balkan" an, 1943 im Dorf Bozanovic im Südosten Bosnien-Herzegowina das Licht der Welt erblickt zu haben. Ob seine Aussage stimmt, will Richter Alphons Orie nun prüfen lassen.

Eine Petitesse sicherlich angesichts der ungeheueren Vorwürfe, die das UN-Tribunal gegen den Ex-General erhebt. Aber sollte Mladic je an der Zuverlässigkeit des Gerichts gezweifelt haben, dürfte ihn diese richterliche Unsicherheit in seinem Glauben bestärken. Zumindest sagte er, er habe weder die 37-seitige Anklageschrift gelesen, noch wolle er sie in Gänze vorgetragen bekommen, sagte er. Nachdem Alphons Orie dann mit der Kurzversion durch war, meinte der mutmaßliche Kriegsverbrecher nur lapidar: Es seien "monströse Worte von denen ich noch nie gehört habe". Mladics Position jedenfalls hat sich über die Jahre nicht verändert: "Ich habe mein Volk und mein Land verteidigt. Und ich habe keine Muslime und keine Kroaten umgebracht."

Der 68-Jährige, der bei seinem ersten Gerichtstermin nicht wie erwartet in Militäruniform, sondern in einem grauen Anzug mit Käppie auf dem Kopf erschien, stellte sich mit den Worten "Ich bin General Ratko Mladic" vor. Er tat dies mit schwerer, leiser Stimme. Offenbar ist etwas dran an den vielen Medienberichten und der Aussage seines Verteidigers, dass der Serbe gesundheitlich angeschlagen ist: "Ich bin ein schwer kranker Mann", sagte er selbst. Noch am Tag vor der ersten Verhandlung ließ sein Anwalt verlauten, dass Mladic an Lymphdrüsenkrebs leide und seinen Prozess möglicherweise nicht überstehen könne. Außerdem soll er bereits drei Hirnschläge und zwei Herzinfarkte erlitten haben.

Die serbische Staatsanwaltschaft aber zweifelt am Wahrheitsgehalt der Aussagen: "Die veröffentlichte medizinische Diagnose ist eine Fälschung", sagte ein Sprecher. Ähnlich sehen das die UN-Richter, bestehend aus dem Niederländer Orie, dem Südafrikaner Bakone Moloto und dem Deutschen Christoph Flügge. Sie ließen ebenfalls ausrichten, dass "im Augenblick es keine Hinweise gebe, dass der Gesundheitszustand Mladic hindern wird, am Gerichtsverfahren teilzunehmen". Auch Mladics Sohn Darko sagte, sein Vater fühle sich gut, wie er der Familie aus dem Gefängnis berichtet habe.

Schlimmstes Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg

Insgesamt elf Anklagepunkte haben die Ankläger gegen den Serben gesammelt - eine Liste der fürchterlichsten Verbrechen aus dem Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995. Er muss sich unter anderem wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verantworten. Beispiel Srebrenica: Im Juli 1995 waren bosnisch-serbische Truppen in die eigentlich von UN-Blauhelmsoldaten bewachte Schutzzone Srebrenica einmarschiert und hatten rund 8000 Muslime - vorwiegend Männer und Jungen - verschleppt und getötet. Es war eines der schlimmsten Massaker in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Beispiel Sarajewo: Die Stadt war von Mai 1992 an 44 Monate lang von Mladcis Truppen umstellt. Sie sollen dort 10.000 Menschen getötet haben. In einem Dokument der Anklage heißt es dazu: "Es wurden sogar Menschen in ihren eigenen Häusern verletzt und getötet, getroffen von Kugeln, die durch ihre Fenster einschlugen." In diesem Zusammenhang legen die UN-Ankläger Mladic Vernichtung, Mord, Terror und Angriffe auf Zivilisten zur Last. In anderen Orten sollen Mladics Truppen Muslime und Kroaten verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und getötet haben.

Leichen ausgegraben, zerstückelt und wieder verscharrt

Richter Orie berichtete in seiner Anklage über Massengräber, aus denen die Leichen zur Vertuschung wieder herausgeholt und zerstückelt in neuen "Sekundärgräbern" verscharrt wurden. Er sprach von Zwangslagern und massenhafter sexueller Gewalt. Der Beschuldigte verfolgte die Verlesung regungslos. Dann sagte er: "Ich möchte diese abscheulichen Vorwürfe gegen mich lesen und sie mit meinen Anwälten studieren." Bis zum 4. Juli hat er nun Zeit, sich zu den Punkten zu äußern. Sollte Mladic bis dahin geschwiegen haben, würde das Gericht dies als Schuldeingeständnis werten. Doch dazu will er es nicht kommen lassen. Er brauche zwar mehr als einen Monat, um die Anschuldigungen durchzugehen, doch der Ex-General zeigt sich jetzt schon sicher, dass er seine Unschuld wird beweisen können: "Ich will noch meine Freiheit erleben", sagte er.

Die Mehrheit der Serben, die Mladic immer noch als Held verehrt, sieht das sicher genauso, die Frauen aber auf dem Friedhof für die Opfer des Srebrenica-Massakers wollen seinen Kopf rollen sehen. Rund 20 Witwen haben die erste Gerichtsanhörung im Fernsehen mitverfolgt. Den kleinen Bildschirm in der Gedenkstätte in Potocari nahe Srebrenica betrachteten sie schweigend, als der Angeklagte vor dem UN-Tribunal erschien. "Wenn wir nur hier über ihn richten könnten", sagte Hanifa Djogaz. "Wir würden ihn lebend in Stücke reißen." Und: "Ich hoffe, Gott lässt ihn in der Hölle verbrennen."

Niels Kruse mit Agenturen
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