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Das griechische Pulverfass explodiert

Die Eskalation der Proteste in Griechenland zeigt, wie tief der Riss zwischen Regierung und Bevölkerung ist. Jahrelang wurden die Bürger hingehalten, betrogen, enttäuscht. Die Wut trifft auch die Europäer.

Ein Kommentar von Manuela Pfohl

Eine Horrormeldung: Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Sparpläne in Griechenland sind am Mittwoch drei Menschen ums Leben gekommen. Sie starben in einer Athener Bankfiliale, die von Demonstranten mit Molotowcocktails in Brand gesetzt worden war. Die Polizei hat den "allgemeinen Alarmzustand" ausgerufen, und spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass aus der finanzpolitischen Krisen-Debatte auf dem diplomatischen Parkett der Europäischen Union (EU) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein erbittert geführter Straßenkampf "Arm gegen Reich" und "Wir gegen Euch" geworden ist. Eine hochgefährliche Situation. Nicht nur für Griechenland.

Kampf gegen Regierung und Sparprogramm

Denn das, was aktuell 40.000 Leute in Athen und 20.000 in Thessaloniki auf die Straße treibt, ist nicht nur der Kampf der Griechen gegen ihre Regierung und deren rigoroses Sparprogramm. Es ist auch der seit Langem aufgestaute Frust über Korruption und Misswirtschaft, die das Land regieren. Dass die sozialistische Regierung unter Georgios Papandreou seit ihrem Machtantritt im Jahr 2009 immer wieder die nationale Einheit beschwor und tatsächlich bemüht war, Schneisen in den Dschungel aus Machtmissbrauch zu schlagen, der alle Ebenen des öffentlichen Lebens bedeckt, ist zwar ein Anfang. Wirklich erfolgreich war sie allerdings noch nicht.

"Alex, für dich brennen wir Athen nieder"

Die Situation ist schon vor der Umsetzung der Sparpläne düster. 20 Prozent der Griechen sind akut von Armut bedroht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 9,5 Prozent. Immer mehr Menschen sind auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen. Und schon jetzt ist es so, dass die Regierung diese Hilfe schon seit Jahren kaum erbringen kann. Mit Straßenschlachten, brennenden Geschäften, verwüsteten Banken und demolierten Polizeiautos haben vor allem Jugendliche in den vergangen Jahren auf die steigende Wut der Bevölkerung aufmerksam gemacht. Als im Dezember 2008 ein Polizist einen 15-Jährigen erschoss, weil er ihn für einen Randalierer hielt, dauerte es nicht lange, bis an einer Hauswand in Athen zu lesen war: "Alex, für dich brennen wir Athen nieder." Der mit Molotowcocktails und Steinen nach außen getragene Hass der Jugendlichen zeigte schon damals auf brutale Weise, wie tief in der Gesellschaft das Misstrauen gegen die Regierung und den Staat verankert ist.

Ein Teufelskreis

Dass die Staaten der europäischen Union lange so taten, als ginge sie die griechische Misere nichts an, erweist sich spätestens jetzt als kapitaler politischer Fehler. Denn mit der Finanzkrise haben die Griechen auch einen ganz neuen gemeinsamen Feind für sich entdeckt: Europa. Dabei zielt die Wut vor allem auf all jene, die mit ihren rücksichtslosen Finanzspekulationen dafür sorgen, dass das immer miserablere Image des Landes zu einer immer miserableren Finanzlage führt. Ein Teufelskreis, aus dem es - so scheint es zumindest vielen verzweifelten Griechen - keinen Ausweg gibt.

Ohne billigen Populismus gegen das Drama

Das Problem ist, dass die Europäer inzwischen mit den Spekulanten gleichgesetzt werden. Ein Spruchband, das die Athener Demonstranten am Mittwoch auf ihrem Marsch zum Parlamentsgebäude trugen, macht das deutlich: "Der IWF und die EU stehlen uns ein Jahrhundert sozialer Errungenschaften." Über so viel billigen Populismus muss man zwar den Kopf schütteln. Immerhin haben die EU-Länder gerade in einem erheblichen Kraftakt finanzielle Bürgschaften für das klamme Mitglied zugesichert.

Doch statt mit mindestens genauso billigem Populismus über einen Rauswurf des Landes aus der EU zu schwadronieren, sollte sich die Europäische Union bemühen, die Lage in Griechenland schnellstens politisch zu stabilisieren und vor allem sollte sie zeigen, dass sie Griechenland als souveränen Partner betrachtet, der trotz seiner Probleme auf gleicher Augenhöhe mit allen anderen EU-Ländern steht. Gelingt es nicht, das dringend notwendige Vertrauen auf die Solidarität und Stabilität der Europäische Union zu schaffen, könnte das griechische Drama zum Ausgangspunkt für einen sozialen, wirtschaftlichen und auch politischen Flächenbrand in Europa werden. Schließlich kriselt es schon in Frankreich, in Spanien, in Irland und Portugal.

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