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"Wer schlau ist, kann sich einen großen Teil des Kuchens sichern"

Tony Blairs Kritik an der EU-Finanzpolitk löste heftige Debatten aus. stern.de sprach mit dem deutschen Landschaftsökologen und EU-Berater Lutz Ribbe über Sinn und Unsinn von Agrarsubventionen.

Nach dem Scheitern des EU-Gipfels hat der britische Premierminister Tony Blair die hohen EU-Agrarsubventionen heftig attackiert. Ist das bloßer Theaterdonner oder hat Blair mit seiner Kritik Recht?

Die EU wird von 2007 an bis 2013 immer weniger Geld in die Landwirtschaft pumpen. Allen ist bewusst, dass nicht länger 40 Prozent des EU-Haushaltsgelds in die Landwirtschaft fließen dürfen. Insofern sind Blairs Aussagen taktisch zu verstehen, sie sollen vom ungerechten Briten-Rabatt ablenken sollen. Trotzdem freue ich mich über Tony Blairs Vorstoß.

Warum das?

Blair hat das Thema Subventionen neu aufgerollt. Das ist wichtig, denn es gibt viel nachzubessern. Durch die entkoppelte Direktzahlung, die bis 2013 nach und nach eingeführt wird, kriegen die Bauern künftig Geld pro Betrieb oder Hektar. Früher musste der Landwirt seine Rinder vorzeigen, heute reicht es, dass er einen Hof hat.

Der Bauer bekommt Geld, weil er Bauer ist. Wie soll man das den EU-Bürgern vermitteln?

Das kann man nicht vermitteln. Den Bauern wurde seit Jahrzehnten geholfen. Einige leiten daraus einen moralischen Daueranspruch ab: Ihr könnt uns jetzt nicht hängen lassen. Die, die in der Vergangenheit dicke profitiert haben, wollen das auch in Zukunft tun. Das ist unsozial.

Also ist Blair im Recht, wenn er noch radikalere Kürzungen der Agrargelder fordert?

Blair will die Subventionen alle in einen Sack stecken und dann mit dem Knüppel draufhauen. Das ist falsch. Nicht alle Zahlungen sind unnütz.

Welche sind es denn?

Was sofort weg muss sind sämtliche Exportsubventionen. Zur Zeit ist es so, dass die EU den Bauern die Differenz zahlt, wenn sie ihren teuren, überschüssigen Zucker für wenig Geld auf dem Weltmarkt verkauft. Dadurch machen wir international die Preise kaputt. Das betrifft zwar fast nur brasilianische Großkonzerne, die das verkraften, aber auch der kleine indische Zuckerrohr-Bauer verliert.

Garantiepreise halten die Lebensmittelkosten für europäische Verbraucher künstlich hoch. Muss das sein?

Wir können nicht verlangen, dass unsere Bauern zu Weltmarktpreisen produzieren. Sie müssen ihre Milch und ihren Weizen natürlich teurer verkaufen als ein Kleinbauer aus dem Süden. Schließlich müssen die Bauern bei uns auch mehr Miete zahlen als ihre Kollegen in Papua-Neuginuea.

Die höheren Kosten hat der europäische Industriearbeiter aber auch. Wieso sollte der Bauer mehr Hilfe bekommen als der Automonteur, dessen Lohn mit Hinweis auf die Konkurrenz in China gekürzt wird?

Bauern leisten etwas für unsere Gesellschaft, was sich schlecht in Euro ausrechnen lässt. Sie pflegen unsere Landschaften, erhalten Wiesen und Felder, schaffen so Lebensraum für Tiere. Ohne Bauern wäre Deutschland bald wieder von Wald überwuchert. Seit 1957 hat in Europa alle zwei Minuten ein Bauer aufgegeben und seinen Hof dicht gemacht. Wenn wir wollen, dass Bauern unsere Landschaft und Umwelt erhalten, müssen wir bereit sein, dafür zu zahlen.

Wonach soll diese Hilfe bemessen werden?

Geld muss an Leistung gekoppelt werden. Wer viel für die Natur tut, soll mehr Geld bekommen. Auch wer Arbeitsplätze in der Landwirtschaft erhält oder schafft, sollte belohnt werden.

Wer kassiert heute das meiste Geld?

Mehr als die Hälfte (53,8 Prozent) der Bauern in den alten EU-Ländern holen sich maximal 1200 Euro Fördergelder pro Jahr ab. 3000 Großbetriebe bekommen dagegen über 300.000 Euro im Jahr. Es ist wie immer: Wer schlau ist, kann sich einen großen Teil des Kuchens sichern.

Wird sich das ändern?

Ich setze große Hoffnungen in den Prozess, den Blair angestoßen hat. Ideal wäre es, wenn während der britischen Ratspräsidentschaft eine neue Agrardiskussion beginnt, aber nicht zu Ende geführt wird. Nach Blair übernehmen nämlich die Österreicher und dann die Finnen den EU-Vorsitz. Von deren nationaler Agrarpolitik kann man viel lernen, die stecken viel Kraft und Finanzen in die ländliche Entwicklung.

Interview: Ulrike Putz
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