. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
18. Oktober 2007, 16:52 Uhr

Frohgemut ins europäische Dickicht

In Lissabon treffen sich heute die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitglieder. Der Gipfel soll endlich den ersehnten Durchbruch im Streit um einen neuen EU-Reformvertrag mit sich bringen. Das kann sogar gelingen. Doch in trockenen Tüchern ist eine Reform der EU auch dann noch nicht. Von Johannes Röhrig, Lissabon

Optimistisch gestimmt trotz der komplizierten Materie: die Deutsche Kanzlerin Angela Merkel (l.) und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Lissabon© Reuters

Prognosen und diplomatische Floskeln prägten die letzten Tage: Der portugiesische Ministerpräsident José Socrates appellierte an die Verantwortung der Teilnehmer "für eine neue Ordnung der Welt"; die Bundesregierung in Berlin zeigte sich im Sachen Einigung "vorsichtig optimistisch"; und selbst die polnische Außenministerin Anna Fotyga, deren Land als Wackelkandidat für einen Vertragsschluss gilt, gab sich "sehr zuversichtlich". Genug gestritten, meinte auch Kommissionspräsident José Manuel Barroso: "Jetzt ist es Zeit weiterzukommen."

Die EU braucht den neuen Vertrag

Tatsächlich braucht die auf nunmehr 27 Staaten angewachsenen Gemeinschaft dringend einen Vertrag, den Vertrag, um regierbar zu bleiben. Wo heute noch Einigkeit erforderlich ist, sollen Entscheidungen in Zukunft mit Mehrheit getroffen werden können. Ein EU-Außenminister (der sich auf britischen Wunsch hin aber nur "Hoher Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik" nennt) soll den Auftritt der Europäischen Union im Ausland bündeln. Das EU-Parlament wie auch die nationalen Volkskammern gewinnen an Kompetenzen hinzu. Der Europäische Rat, in dem sich die Regierungschefs der Mitgliedsländer mindestens vier Mal im Jahr versammeln und die Gesetzgebung beschließen, bekommt - anders als heute - einen gewählten Präsidenten.

In den Grundzügen haben die 27 Länder diesen Regeln bereits unter deutscher EU-Präsidentschaft im Juni zugestimmt. In den vergangenen Wochen sind die Vereinbarungen nun in einen Vertragstext gegossen worden, der zwar kürzer geraten ist als der ursprüngliche - abgelehnte - Verfassungsentwurf, der wegen der vielen Sonderwünsche und Kompromisse aber schwerer verständlich ausfällt.

Sonderrechte für die Briten

Das fängt schon bei der Grundrechte-Charta an, deren logisches Arrangement zu Beginn des Vertrages durch die Briten blockiert wurde. Nun erhält sie ihre Gültigkeit über eine juristische Krücke: Die Charta wurde nicht direkt in den Vertrag aufgenommen, soll aber per Verweis in Kraft gesetzt werden. Dabei hat Großbritannien Sonderrechte für sich herausgeschlagen: Die Briten wollen nicht, dass die Charta für ihre Gerichte rechtsverbindlich wird. Auch die Polen scheren nun offensichtlich aus und folgen diesem Weg.

Die Forderung der Briten, einen Teil des EU-Rechts je nach Gusto für verbindlich oder unverbindlich zu erklären (Opt-out), ist wohl die kurioseste Passage des Vertrags. Denn Großbritannien wird nicht nur das Recht zum Ausscheren eingeräumt. Kompliziert war es auch, einen Weg zu finden, der es einer britischen Regierung ermöglicht, zu einem späteren Zeitpunkt doch wieder mitzumachen (Opt-in). Der britische Sonderweg hat auch konkrete Auswirkungen auf die Sicherheitspolitik und den Grenzschutz: Großbritannien kooperiert bislang in Polizei-Angelegenheiten mit dem Rest der EU, will sich aber bei der gemeinsamen Grenzsicherung ausklinken.

Dabei oder draußen? Auf dem Gipfel in Portugal wird dennoch nicht erwartet, dass die Briten noch einmal große Probleme machen. Die EU wird sich mit dem Opt-Out-Kompromiss in Zukunft aber noch intensiv beschäftigen müssen.

Polen bleibt unkalkulierbar

Ein unkalkulierbarerer Kandidat ist die polnische Regierung. Deren Spitze, die Brüder Jaroslaw und Lech Kaczynski, hatten sich bei dem Gipfel im Juni noch als Radikale aufgeführt. Nun schlägt zumindest Lech Kaczynski, der Präsident, mildere Töne an. Doch kann man denen trauen? Sein Bruder kämpft zu Hause gerade um Stimmen, am Sonntag wird das Parlament neu gewählt. Werden die Kaczynskis den Gipfel noch einmal für ein großes Theater nutzen? Manche im Brüssler Machtzirkel glauben das.

Dabei geht es den Polen vor allem um eine besondere Abstimmungsklausel, die so genannte Ioannina-Regel. Sie gibt einer Minderheit die Möglichkeit, eine Mehrheitsentscheidung noch einmal zu verschieben. In Lissabon dreht es sich nun darum, welcher rechtliche Rang dieser Klausel zugestanden werden soll: Wird sie als Protokoll Bestandteil des Reformvertrags, wie die Polen nun verlangen, könnte sie in Zukunft nur einstimmig wieder abgeschafft werden.

Italiener fürchten Benachteiligung

Schließlich macht Italien Ärger: Ministerpräsident Romano Prodi sieht sein Land bei der künftigen Sitzverteilung im Europäischen Parlament benachteiligt. Künftig wird die Zahl der Sitze auf 750 (heute 785) beschränkt. Die maximale Abgeordneten-Zahl pro Land soll auf 96 festgelegt werden, kleine Länder sollen mindestens sechs Sitze erhalten. Das System ist mathematisch nicht nachvollziehbar und eher politisch motiviert: Es will die kleineren Länder in der EU, die bei Entscheidungen des Europäischen Rats an Gewicht einbüssen, zumindest im Parlament etwas besser stellen, als es ihnen eigentlich zukäme. Die meisten bevölkerungsstarken Nationen verlieren dadurch Stimmen - Deutschland müsste drei Mandate abgeben, bliebe aber weiter das am stärksten vertretene Land. Italien würde mit sechs Sitzen die größten Einbußen hinnehmen müssen und fühlt sich vor allem gegenüber Frankreich im Nachteil.

Ein prekäres Projekt

Gern würden alle Beteiligten die Sitzverteilung im Parlament aus der aktuellen Diskussion verbannen und in die Zukunft verschieben. Aber 2009 finden die nächsten Wahlen zum EU-Parlament statt. Wenn dies nach neuem Wahlrecht passieren soll, muss die Frage der Sitze nun auf dem Gipfel geklärt werden. Selbst bei einer Einigung in Lissabon ist der Weg zum neuen EU-Vertrag noch weit: Er muss in allen Ländern ratifiziert werden. In Irland geschieht das sicher durch eine Volksabstimmung. In Großbritannien und Dänemark ist noch nicht klar, ob die Bevölkerung befragt werden soll. Bekommt der Reformvertrag auch nur in einem Land keine Zustimmung, ist das gesamte Vorhaben erneut gekippt.

Von Johannes Röhrig, Lissabon
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Fox59Fire (19.10.2007, 03:20 Uhr)
Alles wie daheim ... nur eben in europäischen Dimensionen!
Solange es jedem Land möglich sein wird, durch ein einfaches „Nein“ den EU-Reformvertrag zu blockieren, solange fällt es der EU in mancherlei Hinsicht schwer, den nötigen Respekt der europäischen Bürger zu gewinnen. Solange kleine Gernegroße wie das polnische Komiker-Duo Lollek und Bollek das EU-Parlament tyrannisieren und Beschlüsse verhindern oder verschieben können und auch andere Länder die Möglichkeit haben, ihrem Geltungsbedürfnis ungestraft und behindernd Nachdruck verleihen zu dürfen, solange wird die Europäische Kommission eine zahnlückenbehaftete Institution ohne den nötigen Biss bleiben, die überwiegend nur Kosten verursacht, Pöstchen feilbietet und die Sammlung von Schildbürgerstreichen weiter vergrößern hilft. Vom Wahnsinn des EU-Wanderzirkus (Pendelei zwischen Straßburg und Brüssel) ganz zu schweigen. Nationale Eigeninteressen stehen nach wie vor im Vordergrund, wenn es zum Beispiel um die zukünftige Zahl der jeweiligen Sitze im EU-Parlament geht. Geht es jedoch um den EU-Haushalt, insbesondere um die Verteilung der Kosten, dann profitieren die meisten EU-Staaten wie selbstverständlich von den Wohltaten, die von Deutschland als dem größten EU-Nettozahler erst ermöglicht werden. Die teure EU-Osterweiterung fordert ihre Opfer. Während z. B. die "neuen" deutschen Länder insgesamt über 4 Milliarden Euro weniger aus dem Fördertopf (Strukturfonds) erhalten, werden 2007 bis 2013 über 14 Milliarden in den Aufbau der osteuropäischen EU-Länder fließen. Glücklicherweise gelang es, den lieb gewonnenen Rabatt der Briten zu kürzen, sonst wäre der deutsche Nettobeitrag noch stärker gestiegen. Sicherlich hat die EU dem europäischen Bürger bisher so manchen Vorteil und nicht zu unterschätzende Wohltaten beschert, doch mit jedem Vorteil für die einen ist auch ein Nachteil für die anderen verbunden. Jedes EU-Land schickt unzählige Lobbyisten nach Brüssel, die eigene Interessen vertreten und die europäische Gesetzgebung beeinflussen sollen. Annähernd eine halbe Milliarde EU-Bürger schauen skeptisch auf das Gezerre und Gerangel ihrer EU-Politiker und fragen sich berechtigterweise, wo denn nun das viele Geld bleibt, das sie mit ihren Steuergeldern aufzubringen haben. Während 0,73 Prozent des jeweiligen Bruttonationaleinkommens (BNE; 1996: 30 Prozent der Gesamt-EU-Einnahmen!) ursprünglich als Ergänzung zu den EU-Einnahmen gedacht waren, so sind es heute bereits 69 Prozent, also der weitaus größte Teil, den die EU-Bürger nach Brüssel überweisen müssen.
Interessant hierbei jedoch ist: "Der EU-Haushalt darf kein Defizit aufweisen, d. h., die Einnahmen müssen die Ausgaben für die gesamte Bandbreite an Maßnahmen decken. Weniger wohlhabende Mitgliedstaaten erhalten anteilig mehr als reichere." Preisfrage: Wenn jedoch die meisten Länder mehr Mittel aus dem Haushalt erhalten, als sie einzahlen, welche Länder zahlen dann mehr in den Haushalt ein, als sie herausbekommen? 120 Milliarden Euro sind in 2007 zu verteilen. 6 Prozent davon gehen an das Verwaltungsmonster verloren.
Eigentlich ist alles wie daheim ... nur eben in europäischen Dimensionen!
iovialis (18.10.2007, 20:01 Uhr)
Herrscher und Beherrschte
So schlimm fände ich das mit dem "Beherrscht werden" gar nicht, wenn es denn garantiert wäre, daß es jedem zugute kommt, was da diese Herrscher beschließen. Wegen mir brauche ich auch gar kein wirkliches Mitspracherecht, aber ich würde gern gehört werden, wenn mir etwas nicht gefällt - und zwar so, daß man mir verständlich macht, was da entschieden wird. Und dieser Vertrag scheint nicht unbedingt für die Bürger der EU gemacht zu sein, sondern für die einzelnen Länder - der Unterschied ist: ich bin kein Land, sondern Mensch!
.
http://www.iovialis.org/download
Roy05441 (18.10.2007, 19:47 Uhr)
Mein Gott jetzt haben wir eine Kanzlerin!
Wusste nicht wo ich gewesen bin!
Jedoch es hat sich nichts verändert!
So hab ich denn dann festgestellt, selbst wenn du christlich aufgestellt, schaff einen breiten Hintern dir an, damit alle innlädischen Probleme ich aussitzen kann! Das hat schon Kohl so tagtäglich gemacht, ein ganzes Volk verarscht, so über Nacht!
Als meine erste Freundin noch Jungfrau war, hab ich schon Sie geneckt, weisst du, wie der schale Geruch von sogenannten Volksparteien denn schmeckt?
Dem Hab eigentlich ich nichts hinzuzufügen, denn die letzten 3 Jahrzehnte haben millionen Bürger christlich, und auch sozial,
so als Richard Kimble auf der Flucht, vor Politikern das Weite gesucht!
hatschie (18.10.2007, 18:35 Uhr)
prima
freue mich außerordentlich, dass die vertreter der einzelnen nationen scheinbar einen weg gefunden haben, sich zu einigen. was mich aber ebenso außerordentlich nervt, ist diese offen zu schau gestellt ignoranz gegenüber den bürgern.
oder sollte ich zutreffenter untertanen sagen?
ginge es nämlich nach demokratischen regeln von statten, wäre der vertrag oder wie auch immer man das gebilde nennen mag, mausetot!
vor lauter angst sich eine neue schlappe abzuholen, steht das ding dann auch konsequenterweise gar nicht mehr zur wahl...es wird gemacht, basta!
der souverän (das volk) ist auftraggeber der politik und nicht etwas andersherrum. "alle macht geht vom volke aus"...schon vergessen?
alles andere ist heuchlerisches bla bla und rumgetöne.
MEHR ZUM ARTIKEL
Ach, Europa Mit Holzhammer und Florett

Die alte EU-Verfassung soll endlich in neuem Gewand verabschiedet werden. Und wieder mal sind es die Polen und Briten, die emsig blockieren, um das im Juni mühsam ausgehandelte Vertragswerk doch noch zu Fall zu bringen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe