Armut ist der ideale Nährboden für Korruption, bilanziert eine neue Studie von Transparency International. Als moralische Instanzen dürfen sich die Industrienationen deshalb nicht fühlen, auch nicht Deutschland. Von Karin Spitra

Korruption funktioniert immer nach dem Schema: Gibst du mir, dann helf' ich dir© Michael Kappeler/DDP
Der heute von Transparency International (TI) veröffentlichte Korruptionswahrnehmungsindex 2006 (CPI) ist für Deutschland erfreulich: Im internationalen Vergleich wird Deutschland als weniger korrupt wahrgenommen als in den Studien zuvor und liegt auf dem 16. Platz - nach Hongkong und vor Japan.
Den ersten Rang teilen sich Finnland, Island und Neuseeland - alles Staaten mit besonders harten Anti-Korruptions-Gesetzen. Am schlechtesten schneidet Haiti ab, das auf dem 163. und letzten Platz landet. Der CPI 2006 ist ein zusammengesetzter Index. Er basiert auf einer Vielzahl von Umfragen bei Experten, in denen die Wahrnehmungen von Korruption im öffentlichen Sektor in 163 Ländern untersucht werden. Der Grad der Korruption wird in einer Skala von Null bis Zehn abgebildet. Je weniger Punkte, desto höher die Bestechlichkeit.
Der CPI zeigt vor allem den Zusammenhang zwischen Korruption und Armut auf. Viele der sehr armen Länder finden sich am unteren Ende des Index wieder. Fast drei Viertel aller im Index aufgenommenen Länder erreichen weniger als fünf Punkte.
71 Staaten - fast die Hälfte aller erfassten Länder - weisen einen Punktwert von unter drei auf, was darauf schließen lässt, dass es dort eine grassierende Korruption gibt. Mit nur 1,8 Punkten erreicht Haiti den geringsten Punktwert. Guinea, Irak und Myanmar teilen sich mit jeweils 1,9 Punkten den vorletzten Platz.
Dass die meisten industrialisierten Staaten einen vergleichsweise hohen Punktewert haben, heißt allerdings nicht, dass es hier keine Korruption gibt, so Transparency. Dies zeigten bereits die großen Skandale wie bei Enron, Faurecia, Hyundai, Philips, Rewe oder VW. Nach Meinung von Transparency seien lediglich die Folgen für die reiche Gesellschaft nicht so verheerend wie für die arme.
Zusammenhang von Armut und Korruption
"Korruption hält Millionen von Menschen in der Armutsfalle gefangen", sagt Huguette Labelle, die Vorsitzende von Transparency International. "Die heute veröffentlichten Ergebnisse zeigen: In den vergangenen zehn Jahren gab es erhebliche Fortschritte, Anti-Korruptionsgesetze und -regulierungen einzuführen und zu verbessern. Doch es bleibt noch viel zu tun, bevor wir entscheidende Verbesserungen im Leben der Ärmsten dieser Welt verzeichnen können."
Handlanger der Korruption
Zu den Ländern, in denen deutliche Verschlechterungen des wahrgenommenen Korruptionsniveaus zu verzeichnen sind, gehören: Brasilien, Israel, Jordanien, Kuba, Laos, die Seychellen, Trinidad und Tobago, Tunesien und die USA. Staaten, die eine deutliche Verbesserung der wahrgenommenen Korruption erkennen lassen, sind: Algerien, Indien, Japan, Lettland, Libanon, Mauritius, Paraguay, Slowenien, die Türkei, Turkmenistan, die Tschechische Republik und Uruguay.
Genauer hinschauen "Unternehmen und Berufsverbände für Juristen, Wirtschaftsprüfer und Banker tragen eine besondere Verantwortung, sich stärker gegen Korruption zu engagieren", sagt David Nussbaum, Geschäftsführer von Transparency International. "Denn gerade diese Berufsgruppen können als Staatsanwälte, kriminalistisch geschulte Buchprüfer und Spezialisten für Korruptionsbekämpfung in den Firmen selbst zu Mitstreitern in einem erfolgreichen Kampf gegen Korruption werden."