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27. Oktober 2008, 16:00 Uhr

Sarkozy, der forsche Franzose

Der Georgienkrieg, das irische Nein zum Reformvertrag - und jetzt auch noch die Finanzkrise. Jedes dieser Ereignisse hätte das Zeug, einen EU-Ratspräsidenten restlos zu überfordern. Nicolas Sarkozy hingegen nutzt sie, um sich als Weltpolitiker zu profilieren. Von Wolfgang Proissl, Brüssel

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ist der amtierende EU-Ratschef - und will in der Finanzkrise gerne Retter in der Not sein© Philippe Wojazer/Reuters

Die Sonne taucht Camp David, den Landsitz amerikanischer Präsidenten, in helles Licht. Nicolas Sarkozy steht am Rednerpult. Rechts und links daneben - wie zwei Assistenten - George W. Bush und Kommissionschef José Manuel Barroso. "Die Krise hat ihren Ausgang in New York genommen", sagt der EU-Ratspräsident und blickt seinem amerikanischen Gastgeber fest in die Augen. Verantwortungslose Hedge-Fonds, Steuerparadiese, unkontrollierte Banken? "Das ist alles nicht mehr akzeptabel", sagt Sarkozy und fordert von Bush einen Weltfinanzgipfel. "Wir müssen uns beeilen", ordnet der EU-Ratschef an und eilt zu seinem Flugzeug für die Heimreise nach Paris. Wenige Tage später lädt Bush zu dem Treffen.

An einem Wochenende in den USA, am nächsten in China, dazwischen Vorschläge unterbreiten, Anweisungen geben, neue Treffen einberufen - der Stil, mit dem der französische Präsident seit vier Monaten die Europäische Union führt, macht viele atem- und manche sprachlos. "Der Welt geht es schlecht", sagt Sarkozy auf dem Asien-Europa-Gipfel in Peking, bei dem sich an diesem Wochenende 43 Staats- und Regierungschefs auf ein gemeinsames Vorgehen zur Überwindung der Finanzkrise verständigt haben. Und jedem Zuhörer ist sofort klar, wer dem Franzosen als Retter in der Not vorschwebt: er selbst.

Sarkozy macht keinen Hehl daraus, dass er die Krise als Chance begreift, sich als großer Europäer zu profilieren und dauerhaft eine Führungsrolle in der Gemeinschaft zu übernehmen. Unter normalen Umständen müsste Sarkozy die europäische Dirigentenrolle turnusgemäß zum Jahreswechsel an seinen tschechischen Amtskollegen Vaclav Klaus und dessen Ministerpräsidenten Mirek Topolanek übergeben. Doch die Umstände sind alles andere als normal. Es ist ja nicht nur die Finanzkrise; der Georgienkrieg und das irische Nein zum EU-Reformvertrag bringen die Weltläufte kräftig durcheinander. "Ich glaube nicht, dass man Europa nach der Krise regieren, führen und verkörpern kann wie zuvor", sagt Sarkozy. "Wir haben uns in Europa an Ehrgeiz, Einheit und Willenskraft gewöhnt. Ich will, dass das so bleibt."

In der EU erntet Sarkozy vorwiegend Applaus

Ehrgeiz und Willenskraft hat der Franzose tatsächlich gezeigt - und dabei für Europa einige Erfolge erzielt. Nach dem Ausbruch des Kriegs zwischen Russland und Georgien betätigte sich der Ratsvorsitzende kurz entschlossen und ohne Rücksprache mit allen anderen EU-Regierungen als Pendeldiplomat und vermittelte zwischen Moskau und Tiflis eine Waffenruhe. Hat er damit sein Mandat überschritten? Barsch wischt er den Vorwurf vom Tisch. "Ich hatte kein Mandat" , sagt Sarkozy. "Aber die russischen Truppen hatten auch kein Mandat." Gezählt habe einzig, die "russischen Panzer zu stoppen, die 40 Kilometer vor Tiflis standen". Gestandene Außenpolitiker loben Sarkozy dafür. "Was wäre wohl aus der russisch-georgischen Krise geworden, wenn nicht ein so gewichtiges Land die EU-Präsidentschaft innegehabt hätte?", fragt Europaparlamentarier Elmar Brok. In der EU erntet Sarkozy für seine Aktion vorwiegend Applaus. "Nie zuvor wurde Europa mit so einer Intensität geleitet", jubelt Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Premier und dienstältester Regierungschef der EU. Und Kommissionschef Barroso flötet auf die Frage, ob Sarkozy nicht auf Dauer die Geschäfte in Europa führen sollte: "Ich würde jedenfalls dafür stimmen."

Die Finanzkrise hat diesen Eindruck noch verstärkt. Als nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Banken wanken und die Aktienkurse stürzen, weiß Sarkozy die Situation für sich zu nutzen: Wendet er die Kernschmelze des Weltfinanzsystems ab, ist er auf absehbare Zeit die unbestrittene Nummer eins in der EU. Bei einem Pariser Gipfeltreffen der 15 Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone - eine Premiere - legt Sarkozy den Grundstein für einen beispiellosen EU-Rahmenplan zur Bankenrettung. Wenige Tage später nicken alle 27 EU-Staats- und Regierungschefs koordinierte nationale Kapitalspritzen und Darlehensgarantien ab im Volumen von unvorstellbaren 2000 Milliarden Euro.

Trichet spielt mit

Um seinen Erfolg zu sichern, beendet der Staatschef sogar die jahrelange Fehde mit Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB). Sarkozy weiß, dass er das Renommee des Zentralbankchefs an den Märkten braucht, als Gütesiegel für sein Rettungspaket. Trichet spielt mit und zeigt sich "beeindruckt von dem Ausmaß der gefällten Entscheidungen und der Einigkeit, die unter der Führung von Präsident Sarkozy deutlich wurde". Die Börsen erholen sich erstmals nach Tagen der Talfahrt. Und US-Finanzminister Hank Paulson baut sogar einige Teile ins amerikanische Rettungspaket ein. Zumindest einer Art europäischer Wirtschaftsregierung würde Sarkozy nur allzu gern vorstehen. "Wir brauchen hier einen Staatschef, der führt, nicht einen Staatschef, der nur hinterherläuft", sagt ein Vertrauter des Staatsoberhaupts. Das Treffen der Euro-Staats- und Regierungschefs, dem nach Pariser Willen regelmäßige Zusammenkünfte folgen sollen, wäre das Fundament einer solchen Einrichtung, die Frankreich seit der Euro-Einführung vergeblich fordert.

Sarkozy ist zum Meinungsführer geworden

Sarkozy wäre an der Spitze der Euro-Staats- und Regierungschefs de facto der ständige EU-Präsident, den es nach dem irischen Nein zum Reformvertrag auf absehbare Zeit formal nicht geben kann. "Ich bleibe überzeugt, dass Europa eine stabile Präsidentschaft braucht", sagt Sarkozy. "Wir können nicht so weiterarbeiten und alle sechs Monate den Vorsitz wechseln." Selbst wenn nicht er den Posten kriegt, sondern Juncker oder ein anderer Euro-Regierungschef, wäre das aus Pariser Sicht immer noch ein Erfolg. Denn die Wirtschaftsregierung wäre einen riesigen Schritt vorangekommen. Für einige EU-Staaten eher eine beängstigende Vision: Die Bundesregierung misstraut Sarkozys Konzept zutiefst, weil sie die Unabhängigkeit der EZB in Gefahr sieht. EU-Staaten, die nicht zur Währungsunion gehören, fürchten eine Spaltung Europas und verstehen den Vorstoß des Franzosen als Putschversuch gegen das europäische Machtgefüge. Tschechien etwa, das ab Januar 2009 für sechs Monate den Ratsvorsitz führt, fühlt sich um seinen Ratsvorsitz betrogen. "Niemand kann der Tschechischen Republik die Präsidentschaft wegnehmen", warnt Vizepremier Alexandr Vondra.

Doch trotz dieser Zwischenrufe ist längst klar, dass Sarkozy zum Meinungsführer unter den EU-Staaten geworden ist. Vergessen ist sind die ersten Monate im Élysée-Palast, in denen der Präsident wegen seiner protzigen Art und seinem zur Schau gestellten Privatleben in den Hauptstädten als politischer Zappelphilipp und neurotischer Großkotz belächelt wurde. Noch heute schütteln Pariser Hauptstadtkorrespondenten den Kopf, wenn sie sich an die Pressekonferenz erinnern, bei der Sarkozy über seine damals beginnende Beziehung mit seiner heutigen Frau Carla Bruni sprach. "Das mit Carla, das ist was Ernstes", gestand der Präsident damals dem Pressekorps im Tonfall eines pubertierenden Jugendlichen.

Die Ausgangslage für Sarkozy ist günstig

Heute lacht niemand mehr. Der Staatschef hat sich gefangen. Ehrgeizige Berater drängen Sarkozy dazu, vom Ratsvorsitz und der Krise zu profitieren. Der Präsident müsse die Führungsrolle in Europa zurückerobern, die sein Amtsvorgänger Jacques Chirac an Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel verloren habe. Sarkozys einflussreicher Sonderberater Henri Guaino will vor allem die wirtschaftspolitischen Koordinaten in der EU verschieben. Der gaullistische Vertraute des Staatschefs will die Verunsicherung in Europa nutzen, um die liberalen Ökonomiegrundsätze der EU - freier Wettbewerb, offene Märkte und Defizitabbau - zu ersetzen durch Staatsfonds zum Schutz europäischer Firmen, eine laxere Haushaltspolitik und Gegenseitigkeit in der Handelspolitik. "Wir brauchen wieder mehr Politik in Europa", fordert Guaino.

Die Ausgangslage für Sarkozy ist günstig. Diplomaten berichten, dass Staatsmänner wie Italiens Premier Silvio Berlusconi, Spaniens Ministerpräsident José Luis Zapatero oder Kommissionschef Barroso Krach mit dem Franzosen scheuen. "Die Herren gehen lieber zur Bundeskanzlerin und bitten sie, Sarkozy die eine oder andere Idee auszureden", heißt bei EU-Gipfelteilnehmern. Merkel geht Streit nicht aus dem Weg. "Die Kanzlerin hört zu und sagt dann freundlich, aber bestimmt: Nicolas, ich verstehe deine Argumente, aber ich bin anderer Meinung", berichtet einer, der diesen Gesprächen beigewohnt hat.

Doch was sind solche Einwände gegen den Rückhalt, den Sarkozy in diesen Tagen rund um den Globus erhält? Beim Gipfel in Peking ist zeitweise unklar, wer eigentlich der Gastgeber ist. Vor dem monumentalen Gemälde einer Flusslandschaft schüttelt Sarkozy die Hände der Staats- und Regierungschefs. Chinesen, Inder, Südkoreaner - er weiß sie alle auf seiner Seite. Die gemeinsame Position der 43 Teilnehmer gilt als großer diplomatischer Erfolg. Der kleine Mann aus Paris ist wieder einen großen Schritt weiter.

So viel Gipfel war noch nie Wie auch immer die Bilanz des französischen EU-Ratsvorsitzenden Nicolas Sarkozy sonst ausfällt: Schon heute steht fest, dass die Europäer unter seiner Führung mehr Gipfeltreffen veranstaltet haben als je zuvor. Schon zwei Wochen nach dem Start im Juli bat der Franzose zu einem Gipfeltreffen zur Gründung der Mittelmeerunion nach Paris. Die Antwort auf den russisch-georgischen Krieg war ein Georgien-Sondergipfel Anfang September. Die Finanzkrise führten allein im Oktober zu drei Gipfeltreffen: Zuerst kamen die europäischen G8-Staaten zusammen, dann setzte Sarkozy ein bislang beispielloses Treffen der Euro-Staats- und Regierungschefs auf die Agenda, dem das planmäßige Gipfeltreffen aller 27 Mitgliedsländer folgte. Dort forderten die Europäer einen Weltfinanzgipfel, der nun am 15. November in Washington stattfinden wird. Um diesen Gipfel vorzubereiten, werden alle EU-Staats- und Regierungschefs zu einem Sondergipfel am 7. November zusammenkommen. Ein weiteres Treffen steht schon jetzt auf der Agenda: der reguläre EU-Gipfel Mitte Dezember zum Abschluss von Sarkozys Präsidentschaft. Doch wer weiß: In den restlichen zwei Monaten seines Ratsvorsitzes findet der gipfelfreudige Franzose sicher noch genug Gründe für weitere Zusammenkünfte.

Wolfgang Proissl

Von Wolfgang Proissl, Brüssel
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Franzoesin (28.10.2008, 08:21 Uhr)
BeatDaddy, h-p-t, ,usw.
Sie können sich ruhig an der französischen Eiche schrubben !!! Der Inhalt Ihrer Frust-Kommentare zeigt, dass ich Recht habe bzgl. der BRD - sparen wir uns die Tinte!! oder wird hier etwa ein Zwergenaufstand geprobt ? Wie denn ? wo denn , womit denn ? dürfen Sie das denn überhaupt - haben Sie denn dafür die Genehmigung aus Washington, Israel und Warschau ?
traldors (28.10.2008, 08:17 Uhr)
Immer schön ruhig (...)
bleiben. Sarkozy hat durchaus seine Erfolge als Politiker in jüngster Vergangenheit vorzuweisen und verleiht der EU ein markantes, politisches Profil, an dem sich auch andere Länder erstmals außerhalb der Union inhaltlich orientieren.
Nationalismus in Frankreich und ein bischen auf "die Tonne hauen" können die nebenbei auch noch recht gut, bei uns entsteht blnaker Neid, denn wenn wir es versuchen, kommt garantiert ein "Gutmensch" um die Ecke gesprungen und faselt was von "schrecklicher Vergangenheit". Nicht das sie es nicht gegegen hätte aber zur eigenen Identität und Gelassenheit scheint es nach all den Jahren für uns immer noch nicht zu reichen, die Beiträge hier offenbaren das klägliche Ausmaß.
Wir, mit unserer Kampf-FDJ'lern an vorderster Front, die nur matronenhaft daher kommt und absolut "schwammig" in allem bleibt und keinerlei Erfolge vorzuweisen hat sind nicht gerade die Büttel, die einen "neurotischen" Sarkozy "bashen" sollten.
Fassen wir uns an die "eigene Nase" und beklagen den Verfall der hiersigen politischen Sitten und all der "Lügenmeiers" die uns täglich aufzeigen wie billig wir "verladen" werden.
BeatDaddy (28.10.2008, 06:31 Uhr)
das ich nicht lache...
"Frankreich wird weltweit bewundert, gefürchtet und geachtet."
Wieder mal ein sehr gutes Beispiel für die Überheblichkeit dieser Westfranken...wofür wird es bewundert? Für die Kultur, die nachweislich durch K. von Medici nach Frankreich gebracht wurde ? Weltweit gefürchtet ? Wegen der paar Mennecken in der Fremdenlegion (Übrigens, nahezu alle Kommandierenden dort sind Deutsche, die gesungenen Kampflieder sind Deutsch!)? Und für was wird Frankreich geachtet? Für seine Kreditblase, die alsbald platzen wird? Das Gros der Franzosen lebt seit Jahrzehnten nur von Krediten, das kann einfach nicht gut gehen, auch nicht (oder gerade nicht) mit Sarkozy. Denn große aussenpolitische Worte schwingen kann nahezu jeder, bin mal gespannt, wenn die Krise Franzenland erreicht, was dann passiert, ob nur Autos oder gleich ganze Städte brennen...
Und genau an dieser extremen Selbstüberschätzung leidet auch dieser kleine Neurotiker. Es ist zwar toll, daß er sich so anstrengt, aber die Krise wird wenn, dann von den Bürgern aller Länder bewältigt und nicht von einem Mann und seinen Schminkspiegelvisionen. Und Gott bewahre Europa vor solch einem Führer!!!! Solche Wichtigtuer gab es schon einmal und die kamen auch immer genau in den schlechten Zeiten, na so ein Zufall aber auch.....
Zitat:"Und die BRD ? - sparen wir uns die Tinte."

Ja, dann zieh doch Leine, verdiene Dein Geld in Französisch Guyana und belaste keine deutschen Server mit Deinem französischen Größenwahngesabbel....
Albert_Wittine (28.10.2008, 00:04 Uhr)
In welcher Realitaet leben Sie?
Ich meine den Autor dieses Artikels. In der gleichen wie Sarkozy. Frankreich ist fast so pleite wie die USA. Der Versuch, diese Tatsache zu vertuschen, wird nicht gelingen. Schon gar nicht mit deutschem Geld.
h-p-t (27.10.2008, 23:54 Uhr)
Sarkozy ist ein Clown,...
@französin: "Frankreich wird weltweit bewundert, gefürchtet und geachtet."
HAHAHAHAHA !!!! selten so gelacht.... :D
Franzoesin (27.10.2008, 20:39 Uhr)
Frankreich und die BRD
Frankreich ist ein souveräner Staat, der seine Kultur verteidigt und weltweit intensiv fördert, der weltweit agiert-auch mit Gewalt ( siehe Piraten vor Somalia), seine Interessen durchsetzt, und dabei auch den Amis auf die Füße tritt - Frankreich wird weltweit bewundert, gefürchtet und geachtet.
Und die BRD ? - sparen wir uns die Tinte.
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