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14. Juni 2008, 10:21 Uhr

"Ein groteskes, absurdes Verfahren"

Die Iren haben mit dem Nein zum neuen EU-Vertrag die Europäische Union in eine neue schwere Krise gestürzt. Selbst schuld, sagt Gerald Häfner, Vorstandssprecher des für Volksabstimmungen streitenden Vereins "Mehr Demokratie!" Im stern.de-Interview erklärt er, wie sich der europäische Scherbenhaufen zusammenfegen lässt.

Gerald Häfner kritisiert das Abstimmungskonzept des EU-Vertrags© Mehr Demokratie

Herr Häfner, das EU-Vertrags-Referendum in Irland ist gescheitert - ist das ein guter oder ein schlechter Tag für Europa?

Beides. Auf den ersten Blick ist es natürlich ein schlechter Tag, weil das große gemeinsame Projekt Europa ins Stocken gerät. Letztlich aber und auf lange Sicht wird es sich als ein guter Tag erweisen, weil darin für Europa eine große Chance liegt. Allerdings nur, wenn man die Konsequenzen aus der Abstimmung in Irland zieht und Europa nun endlich demokratischer gestaltet.

Mit dem Nein entscheiden weniger als ein Prozent der EU-Bürger über das Schicksal der gut 490 Millionen anderen. Außerdem wird die Entscheidung von inzwischen 18 Landesparlamenten für den Vertrag hinfällig. Wie demokratisch ist das noch?

Das ist tatsächlich ein absurdes, groteskes Verfahren. Das liegt aber daran, dass die Staats- und Regierungschefs nicht bereit waren, ein demokratisches Verfahren zu wählen, das allen Europäern die Mitwirkung an diesem Grundlagenvertrag ermöglicht. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte man die Bürger komplett umgangen. Nur in Irland konnte man das Referendum nicht verhindern, weil die irische Verfassung einen Volksentscheid gebietet.

Das ist zuviel verlangt?

Eindeutig ja! Der Text war einfach nicht aus sich selbst heraus verständlich. Für einen so grundlegenden Vertrag, der eine neue Basis für die Europäische Union darstellt, ist das wirklich nicht angemessen.

Die EU-Politiker sind also eigentlich selbst schuld an dem Abstimmungsergebnis in Irland?

Ich fürchte, ja. Sie haben die Bürger verloren. Sie machen Politik ohne den Souverän, die Bürger. Sie müssen aus diesem Nein endlich lernen, dass die Bürger der Souverän sind. Sie müssen die EU transparenter, demokratischer, bürgernäher und bürgerfreundlicher gestalten.

Kann das denn überhaupt klappen?

Die Mehrheit ist nicht gegen Europa. Aber sie empfinden es als bürokratisch, zentralistisch und sehr weit von ihnen weg. Und vor allem: Sie müssen die EU-Entscheidungen einhalten, haben aber selbst keinen wirklichen Einfluss auf das, was geschieht. Das ärgert sie - und das führt dazu, dass die Bürger der Europäischen Union einen Schuss vor den Bug geben, wenn man sie denn mal beteiligt.

Wie soll das anders werden?

Jetzt muss man begreifen, was man eigentlich schon vor zwei oder drei Jahren hätte begreifen können: Die Staats- und Regierungschefs sind ungeeignet, die Frage zu beantworten, wie der Vertrag für ein demokratisches Europa aussehen soll.

Warum?

Allein schon wegen der Gewaltenteilung. Das wissen wir eigentlich seit 200 Jahren: Die, die gegenwärtig die Macht ausüben, sind völlig inkompetent in der Frage, wie diese Macht geregelt werden soll. Sie können nicht selbst entscheiden, wo ihre Aufgaben und ihre Grenzen sind und wie sie kontrolliert werden sollen. Diese Frage kann nur von den Bürgern entschieden werden.

Die Iren scheinen besonders widerborstig zu sein, schon 2001 stimmten sie zunächst gegen den Vertrag von Nizza. Sind die Iren die letzten, die die Demokratie hochhalten in Europa?

Der vorherige EU-Verfassungsvertrag ist ja auch in Frankreich und den Niederlanden in Volksabstimmungen gescheitert. Insofern sind die Iren nicht die einzigen, die kritisch sind, nur die einzigen, die entscheiden konnten. Mir scheint allerdings der Vertrag selbst, den man hier präsentiert hat, schon die extreme Unlust zu zeigen, sich den Bürgern zu stellen.

Warum das?

Der Vertrag war außerordentlich unverständlich. Das alleine trägt schon nicht dazu bei, dass die Bürger die Kerngedanken dieses Vertrages verstehen und unterstützen.

Sehr viele Wähler und sogar irische Politiker haben vor der Abstimmung gesagt, sie hätten den Vertrag überhaupt nicht gelesen oder nicht verstanden. Dann ist so eine Abstimmung doch eigentlich ein Witz, oder?

Der Vertrag war tatsächlich unlesbar, und zwar selbst für Politiker, Juristen und Fachleute. Man hat nämlich nicht wie zuvor beim Verfassungsvertrag einen einheitlichen Vertragstext vorgelegt, sondern man hat einen Text vorgelegt, in dem stand: ‚In Paragraf soundso wird Absatz eins ersetzt durch ..." Man musste sich also den Ursprungsvertrag rausholen, musste verschiedene Texte nebeneinander legen, um zu verstehen, was die Veränderung überhaupt bedeutet.

Wie soll das geschehen? Was wir brauchen, ist ein demokratisch von den Bürgern gewählter Konvent, also nicht ein von Institutionen eingesetzter. Dieser Konvent erhält von den Bürgern den Auftrag, eine Verfassung oder einen Grundlagenvertrag auszuarbeiten. Dafür muss er genügend Zeit bekommen und auch tatsächlich frei über seinen Entwurf bestimmen können. Das war beim Verfassungskonvent 2003 nicht so. Am Schluss steht ein Entwurf, der in ganz Europa intensiv öffentlich diskutiert werden kann. Anschließend wird er dann in Volksabstimmungen in allen europäischen Mitgliedstaaten den Bürgern vorgelegt. Das ist die einzige Rettung für die EU? Es gibt keine Alternative. Europa braucht die Bürger, braucht ihre Zustimmung. Ein Europa ohne Bürger wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Im Zeitalter der Demokratie kann man so etwas nicht hinter dem Rücken der Bürger gestalten. Zum Glück, übrigens! Gibt es für die Bundesregierung oder den Deutschen Bundestag jetzt noch etwas zu tun? Ja, natürlich. Man darf nicht die Scherben herumliegen lassen. Man muss sie zusammenkehren und so schnell wie möglichen einen neuen Vorschlag machen. Deutschland war damals das Land, das diesen Konventsprozess vorgeschlagen hat. Das war sinnvoll, blieb aber stecken. Deutschland könnte jetzt zusammen mit Frankreich einen Vorschlag machen, wie man aus dem Schlamassel herauskommt - durch Ernstnehmen und Beteiligen der Bürger von Anfang an.

Wie groß sind denn die Chancen, dass Deutschland diese Initiative ergreift?

Im Moment noch sehr gering. Das liegt auch daran, dass niemand ein Nein in Irland ins Kalkül gezogen hat. Europa funktioniert seit langem immer nach der Methode "Basta! Augen zu und durch!" Immer wenn ich nach einem Plan für den Fall des Scheiterns gefragt habe, wurde mir gesagt, es gebe keinen, weil man nicht mit einer Ablehnung rechne. Das war weder klug noch verantwortungsvoll.

Geht die große Idee Europa gerade unter?

Ich glaube nicht. Aber sie durchläuft seit Jahren eine sehr tiefe Krise. Diese ist durch das Nein in Irland nur noch offensichtlicher geworden. Europa ist ein Projekt, das von Eliten gestartet wurde und nicht die Kurve gekriegt hat, demokratisch zu werden. Das wäre aber nötig, weil Europa heute längst den größeren Teil der Entscheidungen trifft, die unser Leben betreffen. Deshalb muss es demokratisch gestaltet werden. Anderenfalls wäre die fortschreitende Europäisierung der Politik gleichbedeutend mit dem Abschied von der Demokratie. Das darf nicht sein.

Interview: Marcus Müller

Zur Person Gerald Häfner ist Vorstandssprecher der Initiative "Mehr Demokratie!" Der überparteiliche Verein mit rund 4.500 Mitgliedern setzt sich seit 1988 für Volksabstimmungen in Kommunen, Ländern, im Bund und in der EU ein.

 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
Eisenbaer (15.06.2008, 12:37 Uhr)
@kosherpork
Farewell Ireland; and god bless the potatoes!
Preussin (15.06.2008, 12:36 Uhr)
Detailgetreu
Wenn man das Näschen seiner Braut durch ein Vergrößerungsglas beschaut , zeigen sich haarige Berge , dass einem Graut .Alles Zerpflücken statt sich Nähernd zu Rücken.
Eisenbaer (15.06.2008, 12:34 Uhr)
Der verein würde eigentlich nur erreichen...
...das die letzte verbliebene "Freie Presse" von den großen Meinungs-machenden Zeitungskonzern geschluckt werden würde. Und wie ein Volk abstimmt, das keine Plattform besitzt auf der es seine eigene Meinung zu vertreten vermag, mag sich jeder selbst ausmalen.
Kinnal (15.06.2008, 02:34 Uhr)
Eliten vs Bürger
Zwei passende Links zum Artikel:
http://www.newropeans-magazine.org/content/view/8003/270/
http://www.mehr-demokratie.de/europa.html
Kinnal
cologne237 (14.06.2008, 22:04 Uhr)
@Stregdastar
Vielen Dank für Dein Angebot, aber ich komme klar.Kohl hat sich als Architekt der Einheit bezeichnet.Unsere aktuellen Politiker wollen ein Europa nach ihren Vorstellungen bauen.Die Einheit hatte statische Fehler und Europa wird es auch haben. Bei jedem
Bau kommt es auf das Fundament an.Für Dich gebildeten Mensch der Hinweis, aus Geschichte kann man zwar lernen, sie aber nicht mehr ändern. Guck mal nach rechts und links und dann nach vorne.
AH.Maurer (14.06.2008, 21:10 Uhr)
100% AKN@Kosherpork...
3rd opinion is always helpful ! Falls jetzt jemand meckert, daß dieses auf Englisch geschrieben wurde, biete ich gerne eine Übersetzung an.
Kommentator21 (14.06.2008, 20:46 Uhr)
@seelenflieger
Politischer Mainstream ist kein Verdienst ,sondern ganz einfach, seine Fahne nach dem Winde zu hängen, wenn er nicht diesen Mainstream bedient steigt er noch mehr in meiner Achtung. Kriecher und Lakaien die in jedem x-beliebigen Regimes wie Fett oben schwimmen, mag ich eh nicht, das er nicht dazu gehört ehrt ihn und ist mir eh klar.
kosherpork (14.06.2008, 20:32 Uhr)
Ireland
Well, at least they were asked - unlike you idiotic Germans: you have been forbidden to be asked - by your own stupid "constitution" aka Grundgesetz. Europe yes. EU NO! Sod those damn corrupt, inefficient, stupid, arrogant bEUrocrats. Democracy is no free gift, men died for it in thousands and Germany must learn that democracy is dear, comes with a high price and was not installed by themselves. The EU is not democracy. God bless Ireland.
seelenflieger (14.06.2008, 20:18 Uhr)
@Kommentator21
Ich will den "politischen Gegner" (wen denn?) nicht der "Lächerlichkeit" preisgeben, ich will Sie darauf hinweisen, wo Sie mit ihrer Argumentation stehen: Schachtschneider steht wahrlich nicht für "juristisches Mainstream". Und wenn ich mich nicht irre, dann werden auch heute noch Entscheidungen in Gerichten von Juristen gefällt. (Könnte mich aber auch irren, mein Studium liegt schon ein paar Jahre zurück.)
a2d2 (14.06.2008, 19:52 Uhr)
...den Iren sei Dank, god bless ireland...
...dass Sie so entschieden haben. Es würden europaweit vermutlich viele im selben Tenor gewählt haben, wenn man sie nur ließe.
Demokratie sollte nicht von oben kommen - und vor allem nicht bei solchen großen und wichtigen Themen.
Wer nur, um jeden Preis, immer mehr Mitglieder haben will, aber die eigentlichen europäischen Ursprünge dabei ad adsurdum erklärt, muss sich über diese Ergebnisse nicht wundern.
Westeuropa ist EU, aber nicht noch mit dem halben ehemaligen Ostblock, dazu und der vordere Orient passt da auch nicht rein.
Glänzend war die Auffassung des, ach so gescholtenen Monsieur Sarkozy, der wenigstens die Realität feststellte - enttäuschend dagegen der Herr Steinmeier, der die lieben Iren ins Abseits setzen möchte oder zum Nachsitzen bringen will, mit nochmaligen Wahlen.
Wer seinen Blick schon so getrübt hat, der hat nicht nur europäische Tomaten auf den Augen, sondern auch schon asiatische Bohnen in den Ohren...
Weiter so in Dublin und Umgebung...Ihr habt mehr Freunde, wie Ihr denkt...
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