. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
30. September 2009, 17:21 Uhr

Irlands Hassliebe zu Europa

Der Ton ist rüde, die Stimmung aufgeheizt: Vor der erneuten Abstimmung über den EU-Reformvertrag von Lissabon ist in Irland um jede Stimme gekämpft worden - oft mit nicht ganz feinen Mitteln. Von Cornelia Fuchs, London

 
Irland, EU, Referendum, EU-Reformvertrag, Vertrag von Lissabon

Für die Iren ist der Lissabon-Vertrag eine Herzensangelegenheit, auch wenn das "Nein" bedeutet© Ben Stansall/AFP

Nur Verlierer sagen Nein, heißt es auf den Plakaten, die an den Laternenpfählen hängen. "Fuck off" steht neben dem Bild des beliebten und TV-Paters Father Ted. Der wünscht im Auftrag der Lissabon-Gegner alles, was mit der Europäischen Union zu tun hat, zur Hölle. Je näher in Irland der Tag der zweiten Abstimmung über den EU-Reformvertrag von Lissabon rückte, desto lauter und vor allem desto absurder wurden die Kampagnen.

Seit Freitag läuft das Referendum. Zum zweiten Mal innerhalb von 16 Monaten sind gut drei Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, über das EU-Reformwerk und damit über die politische Zukunft der Europäischen Union mit ihren rund 500 Millionen Einwohnern zu entscheiden.

Die meisten der Argumente, die auf tausenden Plakaten im ganzen Land prangen, kennen die Iren schon in- und auswendig. Vor anderthalb Jahren dominierten die Lissabon-Gegner mit diesen Argumenten die Debatte. Anstatt über den Sinn eines Vertrages zu diskutieren, der die Zusammenarbeit von 27 Ländern in der erweiterten EU regeln möchte, stritt sich Irland, ob Brüssel einen militärischen Superstaat aus der Taufe heben oder in Irland per Dekret die Euthanasie einführen wolle.

In Wahrheit findet sich nichts davon im Vertragswerk von Lissabon, wie die EU-Kommission und ihr Chef José Manuel Barroso immer wieder betonen. Diskutieren sollten die Iren über das Amt des neuen EU-Präsidenten, das mit Lissabon eingeführt werden wird, oder die neuen Abstimmungsrechte, die keinem Land mehr ein Vetorecht geben. Sie könnten auch debattieren über die Zusatzartikel, die Irland einen eigenen, ständigen EU-Kommissar zusichern sowie die Neutralität in allen globalen Konflikten. Auch Abtreibung und Schwulenehe, das wurde auf Wunsch der irischen Regierung nach dem letzten "Nein" in neuen Anhängen zum Vertrag festgelegt, müssen die Iren nicht einführen, egal, was Resteuropa entscheidet.

Doch wie im vorherigen Sommer wird die öffentliche Debatte von Desinformation dominiert. So beschwören die irischen Freunde des palästinensischen Volkes ihre Landsleute, den EU-Vertrag abzulehnen, weil Brüssel den israelischen Bombardemens im Libanon keinen Einhalt gebot. Eine Koalition aus Hardcore-Katholiken und Marxisten warnt auch diesmal, dass Irland mit dem Referendum die Abtreibung aufgezwungen werden solle und ein Mindestlohn von 1,84 Euro.

Doch etwas hat sich geändert im Gegensatz zum Juni 2008, als die irische Regierung lustlos ein paar Plakate klebte und ansonsten davon ausging, dass die Abstimmung schon in ihrem Sinne verlaufen werde: Die Befürworter des Vertrages haben sich besser formiert.

U2 wirbt für die Europa

Sie versammelten prominente Namen hinter sich, den Gitarristen The Edge der irischen Rockgruppe und Nationalhelden U2, zum Beispiel, oder den Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney. Heaney beschwört Europa als Ideal und nicht als Bürokratenmannschaft aus Brüssel. Ein Ideal, das Irland mit neuen Straßen, Brücken und Glasfaserkabeln versorgt hat, und so der Insel half, in den vergangenen drei Jahrzehnten von einem der ärmsten europäischen Staaten zu einem der reichsten zu werden.

Auch die irische Wirtschaftselite ist nach dem Nein im vergangenen Jahr aufgewacht und mit ihr der Großteil der Gewerkschaften. Sie wollen nicht, dass Irland sich aus dem Kern der Europäischen Gemeinschaft verabschiedet. Nicht zuletzt deswegen, weil die Europäischen Zentralbank die Staatspleite des vorher so selbstbewussten keltischen Tigers verhinderte. Irland wurde von der Kreditkrise in Europa am stärksten getroffen.

Und so hat sich auch Michael O'Leary, bekannt als großmäuliger Chef der Fluglinie Ryanair, ins Lager der EU-Befürworter gesellt und sorgt dort in den vergangenen Tagen für ordentlich Zunder. O'Leary hat eine durchaus schwierige Beziehung zu Brüssel. Dort wurden zum Beispiel seine Pläne durchkreuzt, sich die irische Fluglinie Aer Lingus einzuverleiben. Im vergangenen Jahr machte O'Leary keinen Hehl daraus, dass er mit "Nein" abstimmen werde. Heute nennt er die Nein-Fraktion "nutzlose fucking Vollidioten" und ihre prominentesten Fürsprecher "Verlierer".

Höhepunkt seines neuen Feldzugs war ein Fernsehduell mit dem bekanntesten Vertreter der EU-Gegner, dem Millionär Declan Ganley. Ganley war nach dem Erfolg seiner Nein-Kampagne im vergangenen Jahr mit der Gruppe "Libertas" bei den EU-Wahlen angetreten. Doch trotz einer Präsenz in vielen Ländern gewann er nur einen einzigen Sitz und kündigte daraufhin an, sich aus der Politik zurückzuziehen.

Viele noch unentschieden

Nun ist Ganley wieder mitten drin im Kampf ums Referendum, und Ryanair-Chef O'Leary konnte es sich beim Duell mit seinem Gegner vor den Fernsehkameras der beliebtesten Nachrichtensendung nicht verkneifen, ihn deswegen als Lügner zu beschimpfen. Die Auseinandersetzung wurde zum Youtube-Hit. Zur Aufklärung beigetragen hat sie allerdings wenig. Viele Iren sind zutiefst irritiert über die bösartigen Unterstellungen beider Seiten.

"Vielleicht ist es Wahnsinn, ein solch kompliziertes Vertragswerk in einem Referendum zur Abstimmung zu stellen", sagt John Fitzgerald, Wirtschaftswissenschaftler des Instituts für ökonomische und soziale Studien in Dublin, ESRI. "Viele Menschen haben im vergangenen Jahr "Nein" gestimmt, weil sie nicht wussten, über was sie da eigentlich abstimmen." Nach 16 Monaten Wahlkampf sollte diese Frage eigentlich geklärt sein. In Umfragen vor der Wahl gibt etwas über die Hälfte der Befragten an, mit "Ja" stimmen zu wollen. Bis zu 20 Prozent sagen allerdings, dass sie immer noch unentschieden seien. Die Stimmen werden erst am Samstag ausgezählt, mit dem Ergebnis wird für Samstagnachmittag gerechnet.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
UR63 (02.10.2009, 19:24 Uhr)
In der
Diktatur EU wird solange gewählt bis das Ergebnis gefällt!
Demokratie nennen die sowas!
Hoffentlich halten die Iren dagegen!
In Deutschland wird das Volk garnicht gefragt!
rynaldo (02.10.2009, 12:52 Uhr)
Irland war ein bitterarmes Land
bevor es der EU beitrat. Das haben die meisten schon vergessen. Jetzt kommt die 2. Phase: Weil es mit dem Land, dank der Wirtschaftskrise wieder bergab geht, geht's husch, husch zurück ins Körbchen, weil man könnte ja ganz schnell einige Zuschüsse für den bankrotten Staatshaushalt verpassen.
Swissmiss (02.10.2009, 11:34 Uhr)
Mehr Demokratie - aber wo bleibt sie?
Aha, mit der EU gibts mehr Demokratie. Und damits das Volk auch ja nicht vermasselt mit der Demokratie, entschieden in den meisten Ländern nur die Politiker über eine Mitgliedschaft. Und damits die Iren auch noch merken, wie EU-Demokratie funktioniert und auch ganz sicher zum Wohle der gossen Nationen ? äh pardon ? aller Macht abgeben (Abschaffung Vetostimmrecht), dürfen sie sogar noch ein zweites Mal abstimmen (beim ersten Mal haben sie ja nicht gewusst, worum es geht). Ironie Ende.
Swissmiss (02.10.2009, 11:15 Uhr)
Denn sie wissen, was sie tun
Immer wird bei einem Nein angeführt, das Volk habe doch gar nicht gewusst, über was es abstimme - das ist blanker unsinn. Die Iren haben letztes Mal sehr wohl gewusst, um was es geht. Man muss dazu den Vertrag gar nicht im Detail kennen. Freiwillig für die Abschaffung des Vetostimmrechts zu stimmen, ist ja schon absoluter Schwachsinn: Man gibt als Volk (anders als Politiker manchmal) doch nicht einfach so ohne massive Gegenleistung Macht ab? Ausserdem macht es im Abstimmungskampf durchaus Sinn, auch Dinge aufzugreifen, die gar nicht im Vertrag geregelt sind. Die EU hat in der Vergangenheit ja zur Genüge gezeigt, dass sie sich notfalls einfach immer mehr Kompetenzen selbst (ohne konkretes Mandat) zuschaufelt. Somit spielen solche Argumente im Zusammenhang mit der EU sehr wohl eine Rolle. Man merkt, der Journalistin fehlt es an Erfahrung, wie Volksabstimmungen ablaufen, da sie sich über solche Dinge wundern kann, die bei Volksabstimmungen ganz normal sind. Das Volk entscheidet letzten Endes trotz (oder gerade wegen) der Konzentration auf vermeintliche Details oftmals klüger als es Regierungen und Parlamente oft tun. Der eigentliche Skandal ist doch eher, dass sich die irische Regierung selbst so stark in den Wahlkampf einmischt und selbst Abstimmungskampagnen unterhält!
GrundlRoland (02.10.2009, 10:40 Uhr)
Irland lazarus
Stimmt genau, mit Irland will man sicherlich von Seiten der Wirtschaft und des Kapitals eine Nische erhalten zur Gewinnoptimierung durch Steuersparen. Den Iren selbst wird mit EURO den Weg gepflastert die Journalisten sollten einmal recherchieren wieviel und wer dafür bezahlt, aber davon werden Sie die Finger lassen es könnte ja Ärger bringen. Und der Bürokratenmoloch in Brüssel wird weiter wachsen und auch das unkontrollierte Verschwinden von Geldern.
Medienhistorie (02.10.2009, 10:36 Uhr)
Also Politiker können es kaum besser verpacken!!
Zitat: Hier geht es langperspektivisch darum, die große europiäische Idee weiterzuentwickeln: ein Europa ohne Grenzen, ohne Kriege, ein Europa dass sich der Freiheit und den Menschenrechten verpflichtet fühlt, der Demokratie. Mit einem großen Markt, der Wohlstand und Arbeitsplätze schafft.....

In welcher politischen Partei sind Sie tätig ??? Tagträumer !! wenn es soweit ist, läßt man dein Europa wie ein Kartoffelsackfallen zugunsten der neuen größeren Union !!

Dann wirst du aufwachen und dich fragen wo der dir zuvor jahrelang vorgekaugeklter Wohlstand, Freiheit und Demokratie geblieben sind..!?!

heute naiv morgen Sklave!!

hää??

NWO is on the way !!
BiffBoffo (02.10.2009, 09:57 Uhr)
Lustig
Das ein einzelnes Land alles blockieren kann. Die wissen doch noch nichmal um was es geht, wie es aussieht und was sie davon haben. Die Engländer entschuldigung Iren, warn schon immer irgendwie Bäuerlich und so werden sie auch bleiben :)
lazarus06 (02.10.2009, 09:50 Uhr)
@RDUKE7777777 Frau Simonis ...
sie hats vorgemacht ,waehlen bis zum gewuenschten Ergebniss ..dann Ruecktritt auf Oeffentlichen Druck.
RDUKE7777777 (02.10.2009, 09:37 Uhr)
Wenigstens wurden die Iren gefragt
Und als das Ergebnis nicht passte, wurde einfach NOCHMAL abgestimmt.

DAS ist die Sauerei.
lazarus06 (02.10.2009, 09:26 Uhr)
Wenn ich die Kommentare hier Stellenweise lese
Glaube ich hier posten nur Vorstandsvorsitzende oder Multimillionaere. Die Wichtigkeit der EU und Bruessel wird deutlich wenn man sieht wehn italienischen Stattsmaenner da unterbringen wollen.Der ganze Verein ist ein Elefantenfriedhof fuer abgehalfterte Politiker. Fuer den Normalbuerger bringt der ganze Zauber ausser schlechter werdende Arbeitsbedingungen und Steuererhoehungen zur Finanzierung gar nichts. Sicher fuer die Stroeme des Kapitals ist das sehr nuetzlich und rentabel..wohin das die Globale Freiheit des Kapitals ohne Regulierung fuehrt spueren wir ja nun grade.Also N E I N zu dem Kaspertheater
Very British

Die wöchentliche Kolumne von Cornelia Fuchs

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
Lissabon-Vertrag Europa macht Iren das Ja leichter

Die Staats- und Regierungschefs der EU wollen es Irlands Regierung leichter machen, doch noch die Zustimmung der irischen Bürger zum Vertrag von Lissabon zu gewinnen. Ihr Kompromiss sieht eine erneute Abstimmung in Irland im Herbst 2009 vor - und kommt den Iren einige Schritte entgegen. mehr...

EU-Reform Irlands "Nein" lässt Schäuble kalt

Nicht überbewerten - dazu rät Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Sachen irisches EU-Referendum. "Ein paar Millionen Iren" könnten ja kaum die Entscheidung für Europa treffen, meint Schäuble. Die Briten sehen das ganz anders. mehr...