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18. Mai 2007, 12:38 Uhr

Scharfe Worte an der Wolga

Heftige Turbulenzen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin auf dem EU-Russland-Gipfel: Auf einer Pressekonferenz brach sich angestauter Ärger über russische Demokratiedefizite und die Ausgrenzung Polens durch Moskau Bahn.

Händeschütteln reicht nicht: Wladimir Putin und Angela Merkel beim Gipfel in Samara© Anatoly Maltsev/DPA

Dennoch wollen EU und Russland ihre strategische Partnerschaft vertiefen. Merkel kritisierte das Anreiseverbot für Oppositionsführer Garry Kasparow, der in Moskau festgehalten wurde. Sie sagte, sie habe jedes Verständnis für die Festnahme von Gewalttätern. "Aber wenn jemand nichts gemacht hat, sondern nur auf dem Weg zu einer Demonstration ist, ist das aus meiner Sicht nochmal eine andere Sache," fügte sie hinzu. Der russische Präsident Wladimir Putin wies die Kritik zurück, außerdem bemängelte er die Qualität polnischer Lieferungen. Der ehemalige Schachweltmeister Kasparow erklärte in einem Radiointerview, Sicherheitsorgane hätten ihm am Flughafen von Moskau Pass und das Flugticket ohne Begründung "gestohlen".

Auch etwa ein weiteres Dutzend führender Köpfe der Opposition durfte nicht wie geplant in die Stadt an der Wolga fliegen. Nach der Abreise Merkels fand auf einem Platz in Samara fern des Tagungsorts des Gipfels eine Demonstration von mehr als 100 Menschen statt. Ihre Losungen waren "Russland ohne Putin" und "Wir brauchen ein anderes Russland". Zuvor hatte die Polizei vier Demonstrationen von Dissidenten auseinandergetrieben. Putin verteidigte diese Politik und wies auf die Razzia gegen Globalisierungsgegner in Hamburg hin. Viele Demonstranten provozieren nach seinen Worten die Polizei, damit diese Gewalt einsetze. In Hamburg habe die Polizei sogar 147 Personen festgenommen. In Anspielungen auf westliche Kritik an Gewalteinsätzen estnischer Polizisten während des Denkmalstreits in Tallinn erklärte er, ein prorussischer Demonstrant sei "vorsätzlich" durch unterlassene Hilfeleistung getötet worden.

Putin reagierte empfindlich auf Nachfragen nach Morden

Emotional reagierte Putin auch auf Nachfragen nach den Morden an der Journalistin Anna Politkowskaja und dem Ex-Spion Alexander Litvinenko und wie sich diese mit dem Wunsch nach einer strategischen Partnerschaft mit der EU verbinde. Er sagte, die Morde seien Sache der Justiz. Die Partnerschaft mit den USA wolle auch niemand in Europa in Frage stellen, obwohl es dort die Probleme Guantanamo und Todesstrafe gebe. Russland werde sich nicht an den Pranger stellen lassen. Merkel und Putin sprachen sich auch für baldige Verhandlungen über das von Polen blockierte neue Partnerschaftsabkommen zwischen EU und Russland aus. Die Kanzlerin räumte ein, dass Probleme im Verhältnis Russlands zu Polen die Europäische Union insgesamt angingen. Polen verhindert mit einem Veto die Aufnahme der Verhandlungen, weil Russland seit über einem Jahr Fleischimporte aus Polen wegen angeblicher hygienischer Bedenken untersagt.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sagte, für das russische Importverbot gebe es keinen Grund. Putin warf Polen vor, sich seit einem Jahr jedem Gespräch zu verweigern. Überdies müssten russische Erzeuger geschützt werden, die von Agrarsubventionen, wie sie in der EU gezahlt würden, nur träumen könnten. Merkel räumte ein, dass auf dem Gipfel "aufgehäufte Probleme" angestanden hätten. Fortschritte seien aber möglich, wenn diese ehrlich und offen erörtert würden. Zusammenarbeit in den Bereichen Energie und Klimaschutz seien vereinbart. Auch ein Frühwarnsystem für den Fall von Lieferengpässen bei Gas und Öl wolle aufgebaut werden.

EU-Kommissionspräsident Barroso sah die Rufe aus einigen EU-Mitgliedsländern nach einer Verschiebung des Gipfels als widerlegt an. "Es war richtig, dass wir den Gipfel abgehalten haben", betonte der Portugiese. Eine engere Zusammenarbeit vereinbarten beide Seiten bei der Energie, beim Klimaschutz, in der Forschung und bei der Bewältigung internationaler Konflikte. Ausdrücklich hob Barroso die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten in den Ländern Europas hervor. "Und zu diesen Ländern zähle ich auch Russland", fügte Barroso hinzu.

Kritik an Festnahmen Oppositioneller

Merkel äußerte sich konkret zu den Festnahmen vor der genehmigten Oppositionskundgebung in Samara. "Ich hoffe, dass die, die in Samara demonstrieren wollen, dies auch tun können", sagte die Kanzlerin. Mehrere Oppositionspolitiker, unter ihnen der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow, waren auf einem Moskauer Flughafen von der Polizei festgenommen worden. Damit sollte die Teilnahme der Putin-Gegner an der Demonstration in Samara verhindert werden. Putin konterte, auch in Deutschland werde die Vorbeugehaft im Vorfeld des G8-Gipfeltreffens in Heiligendamm angewendet. "Wir werden aber nicht mit dem Finger auf andere zeigen", fügte Putin hinzu.

Putin gestand auf Nachfrage ein, dass bei dem Einsatz der Polizei gegen Demonstranten auf nicht genehmigten Oppositionskundgebungen in Moskau und St. Petersburg Fehler gemacht worden seien. Mitte April hatten die Beamten friedliche Oppositionsanhänger niedergeprügelt und hunderte Menschen vorübergehend festgenommen. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte sei "nicht immer gerechtfertigt" gewesen, sagte Putin. Die Opposition spiele in seinem Land aber keine Rolle. "Das sind politische Randgruppen. Mich stören die nicht weiter."

Fortschritte bei Visafreiheit

Der Kremlchef bekräftigte die Absicht seines Landes, die wirtschaftlichen Beziehungen zur EU als dem mit Abstand wichtigsten russischen Handelspartner auszubauen. Dafür seien bei dem Treffen konkrete Absprachen getroffen worden. So sollten ein neues Gremium für die Investitionen geschaffen und die Grenzkontrollen vereinfacht werden. Auch bei der angestrebten Visafreiheit habe es Fortschritte gegeben. Beide Seiten erörtern zudem ein Frühwarnsystem für Schwierigkeiten bei Energielieferungen. Auslöser sind die Energiekonflikte Moskaus mit den Transitländern Ukraine und Weißrussland, deren Folgen im Vorjahr auch vorübergehend die Kunden in West- und Mitteleuropa zu spüren bekamen.

AP
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Salzsteuer (19.05.2007, 10:39 Uhr)
Vor der eigenen Tür kehren
sollten diese Herrschaften. Zu diesem Zwecke schenke ich Herrn Wladimir Putin gerne einen Handfeger sammt Kehrschaufel. Für Merkel und Schäuble habe ich an einen einen Radlader gedacht.
some1 (19.05.2007, 10:28 Uhr)
Frau Merkel...
Demokratieabbau, Ämtermissbrauch, Korruption, Machtmissbrauch in Deutschland -- Frau Merkel hätte sicher in D genug zu tun.
Aber es ist natürlich einfacher mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen!
some1
dpolg (18.05.2007, 22:35 Uhr)
G8, Russland=EU=Deutschland
Ich finde es sehr schade das man in der Allgemeinheit nur die Meinungen von den Opositionellen hört. Es geht schon garnicht mehr darum, dass Vorteile enstehen, nein es geht ganz allein darum, dass man immer schön die Negativen dinge aufzählt.
Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass es mal einen Artikel über die Konflikte D, EU => R gab? Da ging es darum, wer wem etwas vorzuschreiben hat. Angeblich schreiben die EU-Bürger den Russen mehr vor, als Russland den EU-Bürgern. Das ist ja auch völlig korrekt! Denn jetztendlich geht es ja darum, dass die Russen tagtäglich Lügen, und das auch noch professionell!
Ich denke nicht das Deutschland sehr erfreut wäre, wenn die Polen eine Sicherheitsstation errichten würde, zum Schutze vor der BRD. Da würden die Deutschen auch meutern und so ist es Vergleichbar mit den Russen.
Und die Sicherheit steht an allererster Stelle. Ich wohne in Rostock und weiß wovon ich erzählen kann! Es ist wichtig z.B. das Demostrationsverbot zu errichten, damit es nicht zu größeren Krawallen kommt. Auch ist es wichtig, dass es immense Sicherheitsvorkehrungen gibt, so auch massiver Polizeieinsatz. Denn ich habe keine Lust, dass die G8-Demostranten unsere kleine schöne Stadt in Schutt und Asche schlägt. Wer soll denn das alles bezahlen? Unsere Stadt hat nunmal schon 85 mio. € Schulden, da kann Sie das nicht auch noch tragen.
Das Schlimme ist nur, dass einige in den Westlichen und Südlicheren Gebieten der Meinung sind, sich überall einzumischen wenn Sie gar keine Ahnung haben, wie das hier oben Abläuft.
spoetnik (18.05.2007, 18:26 Uhr)
Angelas Heuchelei
In Deutschland wird die Grenze dicht gemacht, es werden Inhaftierungen vorbereitet, friedliche Demonstranten vorab zu Terroristen erklärt, alles wegen G8. Die Staatssicherheit, jetzt Schäuble genannt, schnüffelt in PC´s, im Telefon und Handy, in Wohnungen und auf der Autobahn. Liebe Angela, wo sind deine scharfen Worte hierzu?
starmax (18.05.2007, 18:13 Uhr)
Der arme Bush
muß ja nun auch mit Merkels Verdikt zu Guantanamo rechnen... oder nicht ?
Rußland sperrt Regimegegner ein - die USA foltern sie noch ein wenig zusätzlich.
starmax (18.05.2007, 18:09 Uhr)
die eigene Nase
sollte denn auch mal angefaßt werden, Frau Merkel: Wie weit sind wir denn in D von Demokratie- und Machtmißbrauch aus angeblichem Terrorschutz entfernt? Wir sollten uns a) um unsere dinge kümmern, statt andere zu belehren,
b) dafür sorgen, daß Polen nicht aus der EU-Reihe tanzt .
Und schon sieht die Welt besser aus, ohn am deutschen Wesen zu genesen...
FlyingDutchman (18.05.2007, 14:46 Uhr)
Da bin ich ja 'mal gespannt ...
... ob wir die folgenden minimal abgewandelten Worte aus Frau Merkels Mund in ein paar Tagen hören werden:
"Ich sage ganz offen, dass ich mir wünsche, dass heute Nachmittag die, die in Heiligendamm demonstrieren wollen ..., das auch tun können, und bin etwas besorgt, dass manch einer Schwierigkeiten hatte beim Anreisen",
kk2kk22008 (18.05.2007, 13:29 Uhr)
Zum "polnischen" Fleisch
Ich lese und höre eigentlich viel zu oft Nachrichten, aber zum "polnischen" Fleisch habe ich genau drei mal in den letzten Monaten genaueres gehört:
1. Heute: Angeblich geht es jetzt um Hygienefragen.
2. Die erste gehörte Erklärung: Die Papiere seien nicht in Ordnung.
3. Die Papiere sind gefälscht, da dass Fleisch in Wirklichkeit aus den USA gekommen sein soll.
´
Es wäre schön, wenn endlich mal zu diesem Thema der Hintergrund gesendet und geschrieben wird: Welche der drei Erklärungen trifft denn nun zu?
´
Ich sag nur "Hormonfleisch" und wahrscheinlich auch Verkauf daraus hergestellter Produkte auch in der EU: Der Hauptabsatzmarkt für Export "polnischen" Fleisches dürfte nämlich Deutschland sein.
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