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Von der Anatomie Europas

Er ist Bassist der Erfolgs-Band "Wir sind Helden" und jemand, der sich Gedanken macht über die Zukunft Europas. In seinem Essay für stern.de hat der Musiker und Arzt Mark Tavassol aufgeschrieben, was er von Europa erwartet.

Von Mark Tavassol

Was könnte Europa im Jahre 2030 darstellen? Angesichts der Tatsache, dass es ebenso schwierig wäre einzuschätzen, wie die ganze Welt 2030 aussieht, ist die Frage nach Europas Zukunft kaum zu beantworten. Fangen wir besser damit an, uns zu fragen, was Europa heute ist. Ist es ein Kontinent? Eine Währung? Ein Land? Eine Mentalität? Ein Markt? Eine Grenze? Eine Chance? Die Antwort ist einfach: Ja, ja, nein, nein, ja, ja und jein.

Und wer sind seine Skeptiker und was treibt sie? Von nationalistisch motivierten Europa-Skeptikern halte ich nicht viel. Gerade in der Überwindung eines unnötigen Nationalstolzes sehe ich einen der größten Reize im Europabegriff.

Die Anatomie zweier weltpolitischer Walfische

Eine weiterer Reiz liegt natürlich auch in einem Gegengewicht zu den heutigen USA. Tatsächlich scheint Europa durch sein Bestreben, mit einer Stimme sprechen zu wollen, an Gewicht in der Weltpolitik zu gewinnen. Wobei sich diese Entwicklung bereits auf einem sehr hohen Niveau abspielt. Viele europäische Staaten hatten und haben ohnehin weltpolitisches Gewicht. Allerdings vermochte dieser Zustand nicht unbedingt US-amerikanische Entscheidungen zu beeinflussen. Genau in diesem empfindlichen Feld liegt der eigentlichen außenpolitische aber auch wirtschaftliche "Nutzen" eines gemeinsamen Europa.

Das außenpolitische Profil unseres Nachkriegseuropa macht mir zur Zeit weniger Sorgen. So setzt man hier etwa in Krisenregionen eher auf Verhandlung als auf bewaffnet geführte Konflikte. Darüber hinaus scheint ein europäischer Kurs in der Außerpolitik vielleicht behäbiger, aber sicherlich auch konstanter als der amerikanische Weg zu sein.

Dies liegt an der Anatomie dieser beiden weltpolitischen Walfische. Amerika, die Föderation mit einem starken Präsidentenamt, hat eine potenzielle "Kurswechselfrequenz", die an die Legislaturperiode und eben an den Präsidenten angelehnt ist. Somit kann die Weltordnung also nach einer nationalen Wahl durcheinander gewirbelt werden. In den europäischen Staaten gibt es auch Regierungswechsel. Nur hat dies weniger Gewicht in der Welt. Und dadurch, dass jedes Land gleichzeitig ein Teil Europas ist, wird sein innenpolitischer Kurs- und/oder Regierungswechsel in seiner Außenwirkung nochmals abgepuffert. Einfach formuliert, leben wir hier in einem System, in dem auf einen "Hansdampf" zwei besonnen Köpfe kommen.

An den Grenzen des "Fortress Europe" beginnt die Armut

Die Stimmung in Europa ist gemischt. Es gibt hier Gegner sowie Befürworter der europäischen Integration. Um auch das einfach darzustellen: Die einen glauben, dass Europa ihnen schadet, die anderen glauben das Gegenteil. Und vielleicht, ohne es zu wissen, haben sie alle eine große Gemeinsamkeit: Sie sorgen sich um sich selbst - lediglich ihre Prognosen unterscheiden sich.

Im Gegensatz dazu gibt es innereuropäisch kaum einen Diskurs über die moralische Frage des "Fortress Europe", der Festung Europa. Dabei ist es eigentlich ein logischer, sich aufzwängender Gedanke: Durch das Zusammenrücken einiger Staaten erreichen wir eine künstlich geschaffene Situation gerade in den (geografischen) Randbereichen. In fast allen Ländern gibt es ethnisch, kulturell, wirtschaftlich und famliär fließende Übergänge zum Nachbarstaat. Gerade im Osten Europas, dort wo das "Dabeisein" keine Selbstverständlichkeit ist, führt der Eintritt in die Europäische Union aber zu einem unnatürlich starken Kontrast zu den "ehemaligen" Nachbarn. Hier und genau ab hier beginnt die Armut. Diese tatsächliche Grenze ist der sichtbare Teil eines Phänomens, das weit über die Nachbarschaft hinaus geht und am besten mit "Wir" und "Ihr" beschrieben wird, "Fortress Europe" eben.

"Wir müssen unsere Verantwortung verstehen"

Dürfen wir das? Oder müssen wir das sogar? Oder können wir noch gar nicht wissen, ob wir das dürfen oder nicht? Der "globale Krieg" zwischen Arm und Reich wird immer mehr zur Realität der Zeit, in der wir heute Leben, auch wenn er nicht hier stattfindet. Ich bin weder Ökonom noch Religionswissenschaftler oder Historiker und kann und will daher auch nicht in einem kurzen Aufsatz schreiben, wie die Welt funktionieren könnte. Nur dass es am Ende immer wirtschaftliche Achsen sind, die große Entwicklungen tragen, das weiß auch ich. Und genau das dürfen "wir Europäer" nicht aus den Augen verlieren.

Wir haben gegenüber dem anderen Schwergewicht, Nordamerika, einen erheblichen Vorteil: Unsere (Rest-)Glaubwürdigkeit aus Sicht vieler Staaten, insbesondere derer im Nahen Osten. Nicht ohne Grund vermitteln etwa drei europäische Staaten zwischen den USA und dem Iran. Dieser Vorteil ist gleichzeitig eine immense Verantwortung. Wenn wir uns also aufmachen, Europa zu stärken, dann muss dies auch zum Wohle der Weltgemeinschaft geschehen. Und das wiederum geschieht nur, wenn dieses altruistische Ziel innerhalb der EU immer und immer wieder zur Sprache kommt, und wenn vor allem die Masse der EU-Bürger diese Verantwortung wirklich versteht. Leider fast eine Utopie.

"Unser Wohlstand ist nicht selbstverständlich"

Unser Wohlstand ist nicht selbstverständlich. Kein noch lebender Mensch hat erheblich dazu beigetragen, dass die Welt ökonomisch so aufgeteilt ist, wie sie ist. Es ist so gesehen ein Erbe, und kein Verdienst. Wir wurden alle in diese bereits existierende Struktur hinein geboren, also müssen wir akzeptieren können, dass finanzielle und strukturelle Hilfe dahin fließen muss, wo sie gebraucht wird. Wer sich jetzt als europäischer Politiker für solidarische und substituierende Hilfe für das außereuropäische Ausland stark macht, darf also nicht Gefahr laufen, umgehend wieder abgewählt zu werden, nur weil er oder sie nicht genug Autobahnen und Luftballons für das Inland verspricht. Und wenn die Wähler eben genau dies verstünden, entstünde ein Anstand in den Wahlen, der Raum ließe, für derart "unbequeme" Visionen. Sollte Europa diesen Punkt einmal erreicht haben, hat die europäische Stärke einen globalen Sinn bekommen.

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