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"Anti-Amerikanismus ist salonfähig"

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 erlebten die USA eine Welle der weltweiten Sympathie - im Krieg gegen den Terror schlug die Stimmung um. Im stern.de-Interview erläutert der Politologe Andrei S. Markovits, was es mit der vermeintlich amerikafeindlichen Haltung der Europäer auf sich hat.

Herr Markovits, das "Time-Magazin" schreibt in einer Titelgeschichte vom Ende des Anti-Amerikanismus in Europa. Stimmen Sie dieser These zu?

Natürlich gibt es einen Sinneswandel auf Regierungsebene, vor allem in Deutschland und Frankreich. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy denken anders über Amerika als ihre Vorgänger Gerhard Schröder und Jacques Chirac. Frau Merkel ist als Ostdeutsche schon allein durch ihre Herkunft nicht anti-amerikanisch. Das gilt auch für Sarkozy. Er ist ein Outsider der sehr amerika-kritischen französischen Elite. Er macht Urlaub in New Hampshire, was vielen Franzosen überhaupt nicht gefallen hat. Das zeigt den allgemeinen Anti-Amerikanismus der Franzosen und Europäer. Niemand hätte sich aufgeregt, wenn Sarkozy Sommerurlaub in Deutschland, Neuseeland oder Japan gemacht hätte

Einen pro-amerikanischen Trend gibt es also nur auf höchster politischer Ebene?

Ja, deshalb ist dieser Artikel oberflächlich. Denn die These, dass der Anti-Amerikanismus generell verschwindet, ist albern. Millionen Deutsche und Millionen Franzosen werden mit einer anderen Regierung nicht sofort ihre Meinung über Amerika ändern.

Regierungen haben keinen Einfluss auf die Stimmung in der Bevölkerung?

Sie sprechen es an: In Deutschland haben derzeit nur 30 Prozent der Bürger eine gute Meinung von Amerika, in Frankreich ist die Stimmung ähnlich.

War das Amerika-Bild in Europa jemals so schlecht?

Ja, in Frankreich gab es etwa Anfang der 50er einen massiven Anti-Amerikanismus und in Deutschland war er in den 70er während des Vietnam-Krieges sehr stark. Aber so konstant und vor allem übergreifend über alle soziale Gruppen und Klassen hinweg wie jetzt, war die amerika-feindliche Stimmung damals nicht.

Am derzeit schlechten Amerika-Bild hat ein Mann großen Anteil: Was wird sich nach dem baldigen Abgang von George W. Bush ändern?

Sicher wird der Anti-Amerikanismus etwas abebben, da dieses wunderbare Hassobjekt fehlen wird. Bush ist ein dankbares Opfer, wer kann ihn nicht hassen. Aber anti-amerikanisch zu sein ist das letzte absolut salonfähige Vorurteil unter den europäischen Eliten und das wird sich sicherlich nach dem Abgang von Bush nicht grundsätzlich ändern.

Auch nicht, wenn Hillary Clinton, immerhin die Frau eines in Europa beliebten Ex-Präsidenten, in Zukunft im Weißen Haus sitzt oder mit Barack Obama ein Schwarzer?

Natürlich werden sich die Leute über Clinton oder Obama weniger lustig machen, etwa wie sie Englisch sprechen. Ein demokratischer Präsident würde vielleicht eine kleine Schonfrist bekommen. Bei Obama kommt hinzu, dass es nicht so salonfähig sein wird, ihn als Angehörigen einer Minderheit zu dämonisieren. Aber bei der ersten ernsthaften politischen Auseinandersetzung wird auch dies vergessen sein. Obama hat kürzlich ankündigt, mit militärischen Mittel in Pakistan anzugreifen, wenn bin Laden dort gefunden wird. Wenn er so etwas zweimal sagt, wird auch ihm der Anti-Amerikanismus entgegenschlagen.

Anti-Amerikanismus hat also nichts mit Anti-Bushismus zu tun?

Nein. Natürlich ist Bush die Spitze des Eisberges. Aber Anti-Amerikanismus gibt es seit dem 18. Jahrhundert, und es gab ihn selbst unter dem heute in Europa so beliebten Bill Clinton. Es wird oft vergessen, wie unbeliebt Clinton vorher war, insbesondere in Frankreich. Anti-Amerikanismus ist nichts Neues. Nur mit Bush ist es sehr extrem geworden und mischt sich mit der total berechtigten Kritik an diesem Präsidenten.

Diese können Sie nachvollziehen?

Natürlich kann ich das. Aber Kritik an Bush ist kein Anti-Amerikanismus. Da muss man ganz klar differenzieren. Leute, die Anti-Bush sind, sind nicht zwangsläufig Anti-Amerikaner.

Aber auch Kritik an Amerika darf erlaubt sein?

Wenn ich schon diese Frage höre. Nach meinem Empfinden soll alles erlaubt sein. Nicht jede Kritik an dem, was Amerika tut, ist anti-amerikanisch. Wenn man es aber in eine essentialistischen Sprache bettet, also in der Art 'Die tun das, weil sie so sind', ist es anti-amerikanisch. Viele Leute bemühen sich nicht mehr um ein differenziertes Urteil. Es ist natürlich auch einfach, den Großen zu hassen. Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich auch im Sport erkennen läst. Wer, außer den Fans von Bayern München, liebt es nicht, auf diesem Verein rumzuhacken. Uns in den USA geht es so mit dem erfolgreichsten Baseball-Team, den New York Yankees. Die Leute lieben es, wenn die Großen eines aufs Dach bekommen. Und das gilt auch für den Anti-Amerikanismus.

Sie machen nur die Europäer für das schlechte Amerika-Bild verantwortlich. Müssen sich die USA aber nicht auch an die eigene Nase fassen?

Ich mache die Europäer für überhaupt nichts verantwortlich. Ich analysiere meine Beobachtungen und Erfahrungen in dieser Weise. Wie ich schon sagte: Ich prangere die Taten jeglicher amerikanischer Regierung an, wenn ich sie für falsch halte. Aber das hat nichts damit zu tun, dass für Westeuropäer Amerikaner a priori blöd, dick, dumm, falsch, verlogen gefährlich und einfach minderwertig sind. Das war so vor Bush und wird danach auch so bleiben.

Eine sehr verallgemeinernde Kritik an den Europäern.

Es gilt aber für eine Mehrheit der Westeuropäer. Anti-Amerikanismus ist das beliebteste Vorurteil für Leute, die sich rühmen, vorurteilslos zu sein.

Interview: Malte Arnsperger

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