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13. Juni 2008, 13:04 Uhr

Gestrandet unter den Brücken Manilas

Nur Armut und Überlebenswillen im Gepäck: Jährlich kommen tausende Menschen aus den philippinischen Provinzen in die Hauptstadt Manila. Doch viele stranden in Behausungen unter den Brücken der Millionenstadt - ohne Geld, ohne Hoffnung und ohne eine Chance. Von Carsten Stormer, Manila

Vor den Kindern der Fledermausmenschen liegt eine ähnlich düstere Zukunft wie die ihrer Eltern© Carsten Stormer

Mit einem sanften Plopp tauchte Luna am Abend des dritten Tages wieder auf. Direkt vor den Augen ihrer Mutter. Drei Tage hatte sie gemeinsam mit der gesamten Nachbarschaft die Gegend abgesucht, den Fischereihafen abgeklappert, die Müllberge durchkämmt, gesucht, gerufen, und geweint. Nichts. Mit jeder verflossenen Stunde sank die Hoffnung. Gerüchte machten die Runde; das Mädchen sei nur weggelaufen, sagten die einen, um sie zu beruhigen. "Keine Panik, Corazon, bald kommt deine Tochter zurück." Andere wollen fremde Männer herumlungern gesehen haben. Organmafia? Alles schien möglich.

"Und plötzlich war Luna wieder da", sagt Corazon de Jesus. Plopp. Ein fahles Gesicht, knapp unterhalb der Wasseroberfläche, ein lebloser Körper, mit der Flut nach oben gespült. Ein Fuß noch immer verharkt in dem Drahtgestell, das sie am Grund des Flusses festhielt. Luna war beim Spielen durch ein Loch im Boden gefallen. So banal, so tragisch. Das war vor drei Jahren, und die Tragödie schaffte es sogar in die Hauptstadtgazetten. Corazon de Jesus, 34, sitzt in ihrer acht Quadratmetern kleinen Nische unter der Brücke, die sie ihr Zuhause nennt und starrt auf das Loch, durch das ihre Tochter fiel, ein Ventilator verquirlt heiße Luft. Sie spult zurück in ihre Vergangenheit, ihre Augen blitzen wie Opale und sie weint stumm in sich hinein.

Der Dickdarm der Hauptstadt

Über den Navotas, in Metro Manila, spannt sich eine hundert Meter lange Brücke. Auf der Oberfläche des Flusses schwappt eine wabbelige Masse, die an glänzend schwarze Müllsäcke erinnert. Es stinkt, im Wasser treiben Unrat, Plastik, Essensreste, Fäkalien. Manilas Flüsse sind der Dickdarm der Hauptstadt, darin wird alles verdaut, was niemand mehr braucht. Unter der Brücke wohnen etwa dreihundert Familien; in Verschlägen aus Plastikplanen und Sperrholz, übereinander, nebeneinander. Wellblech an Wellblech, Pappe an Pappe; die de Jesus, die de la Costas, die Salvacioles, die Gaquits, die Santos, die Zapatas haben dahinter ihre Schlafplätze und Kochnischen. Eine illegale Siedlung nur wenige Zentimeter oberhalb der stinkenden Brühe. Behausungen, die sich wie Fledermäuse in den Beton gekrallt haben. So bekamen die Bewohner ihren Namen: "bat people", Fledermausmenschen.

Ginge es nach der Regierung, hätte man sie schon längst aus der Stadt geworfen. Weggewischt wie einen Schmutzfleck.150.000 Familien sollen so unter den Brücken leben, die sich über die Kanäle und Flussarme der philippinischen Metropole ziehen. Ein Dasein hinter Wellblech und Pappe. Adressen oder gar Briefkästen gibt es nicht. Eigentlich fehlt alles, welches die Identität eines Menschen nachverfolgen lässt. Ein Netz in der Gesellschaft, das Leute wie sie auffängt, gibt es nicht. Was zählt ist, dass sie hier überleben können. Um viel mehr geht es nicht. Denn Manila hat ein Problem, ein sehr großes, schnell wachsendes: Platzmangel. Elf Millionen Einwohner leben in der Hauptstadt, die erste und dritte Welt in einem ist. Mehr als die Hälfte von ihnen lebt unterhalb der Armutsgrenze. So wie die Familie de Jesus.

Als Referenz nur Armut und Überlebenswillen

Ein Name wie eine Prophezeiung: Corazon de Jesus, das Herz Jesu. Während sie in ihrer Vergangenheit kramt, brausen auf der Brücke Sattelschlepper und Überlandbusse über den Asphalt, Autos hupen im Akkord. Sie bringen die Brücke zum Beben, der Beton erzittert und die Verschläge wackeln. Ihre Geschichte klingt wie die vieler unter der Brücke über den Navotas. Deren Suche nach einem besseren Leben irgendwo in den Provinzen der 7100 Inseln des philippinischen Archipels begann, so weit entfernt von den Glaspalästen Manilas, seinen Einkaufspassagen und Luxusboutiquen wie die Rückseite des Mondes. Sie kamen in klapprigen Bussen und rostigen Fähren in die Hauptstadt - und ihr Weg endete unter einer Brücke. Als Referenz nur Armut im Gepäck, und Überlebenswillen. Damit lässt sich in Manila keine anständig bezahlte Arbeit finden. Sie schleppen Steine in den Baugruben oder Kisten mit Fischen im Hafen, arbeiten als Tagelöhner, verkaufen Obst oder Gemüse, schuften in Fabriken. Was es gerade zu tun gibt.

Corazon de Jesus' Ehemann Carlos hat Augen wie Tollkirschen und einen sprießenden Fünftagesbart. Er trägt ein himmelblaues Unterhemd mit einem Aufdruck, der wie ein Versprechen klingt: USA. Von sechs Uhr abends bis vier Uhr morgens verdingt er sich als Billiglöhner im nahen Fischereihafen. Tagsüber fährt er Jeepney, die bunt angemalten philippinischen Sammeltaxis. Sechzehn bis zwanzig Stunden Arbeit täglich - und wenn er Glück hat, kratzt er die 250 Pesos zusammen, die die Familie zum Überleben braucht. Umgerechnet vier Euro. Und manchmal, wenn ihm der Sinn seines Daseins rätselhaft vorkommt, flüchtet sich Carlos in die Nebelwelt, in die ihn eine billige Flasche Tanduay Rum schickt. Am Abend ist das Geld aufgebraucht, und der nächste Tag beginnt mit neuen 250 Pesos. Reis, Gemüse, ein bisschen Fisch. Seife, Gas für den Kocher, Trinkwasser; für mehr reicht es nicht. Den staatlich verordneten Mindestlohn von dreihundert Pesos zahlt kein Arbeitgeber. Warum auch? Es muckt ja keiner auf, es gibt genügend Arme, die Jobs suchen.

Kein Weg nach oben

Wenn die Sonne aufgeht, sich die Nische unter der Brücke noch nicht in einen Backofen verwandelt hat und der Gestank des Flusses noch halbwegs erträglich ist, legt sich Carlos hin und Corazon übernimmt, wäscht den dreijährigen Marvin, putzt, hängt Wäsche auf, kocht; begleitet vom Gurgeln des Flusses, dem Soundtrack ihres Lebens. Seit zwölf Jahren hausen sie unter der Brücke, man hat sich eingerichtet. Einen Weg nach oben haben sie bislang nicht gefunden.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie eine engagierte Frau versucht, den Familien am Rande der philippinischen Gesellschaft zu helfen.

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Armut Corazón Dickdarm Gepäck Pappe Referenz Wellblech
KOMMENTARE (6 von 6)
 
JimPanse (15.06.2008, 20:24 Uhr)
Thema Kinder
Sicherlich kann ich den Punkt nachvollziehen den Kommentator anspricht. Warum setzt man Kinder in die Welt wenn man selbst kaum über die Runden kommt? Welche Zukunft sollen die Kinder haben? Ist das nicht unverantwortlich? Dazu muss man die Kultur und die soz. Hintergründe dort verstehen. Diese Menschen verfügen nicht über die Bildung um mit unseren Masstäben zu messen, Weitsicht ist ein schönes Wort in einer Hölle in der es jeden Tag nur ums Überleben geht. Verhütung ist ein Fremdwort. Kinder ihr KAPITAL und zusätzliche Ernährer/Helfer der Familie. Ein Teufelskreis...
paulmaz (15.06.2008, 19:41 Uhr)
Kommentator 21
Wer hat denn behauptet, dass mir die
Kinder bei uns nichts wert sind. Im
Bericht oben werden Tatsachen be-
schrieben, wie sie wirklich sind und
wie ich sie noch viel schlimmer ge-
sehen habe. Darf man das in unserem
Wohlstandsland nicht? Es gibt be-
stimmt viele Menschen,zu denen Sie
wahrscheinlich gehören, den geht das alles am Hintern vorbei. Dass Sie
hier leben, ist nicht Ihr Verdienst
sondern Zufall. Wären Sie 10 000 Km
weiter östlich geboren und hätten Ihr
"HAUS" unter einer Brücke,würden Sie
mit Sicherheit anders denken.
jackiki (15.06.2008, 19:20 Uhr)
Kommentator21
Gehen wir mal davon aus, diese Menschen sind selbst schuld und damit handeln sie eigenverantwortlich, dem stimme ich zwar nicht zu, aber egal. Aber warum dann deren Kinder selbst schuld sein sollen, darauf gehen sie nicht ein. Ist ja auch egal. Diese Ansicht, undzwar ihre, kann ich nicht vertreten...
Kommentator21 (15.06.2008, 17:15 Uhr)
Illusion
wie richtig aus dem Artikel hervorgeht sind es Glücksritter die es nach Manila zieht - Landflucht- , obwohl diese genau wissen, das dort nichts zu holen gibt, also sind die selbst verantwortlich für ihr tun. Die Hauptbeschäftigung dieser Leute ist offensichtlich Kinder in die Welt setzen ,die die Leute nicht ernähren können. Es gibt auch Superreiche in Manila die einen weiten Bogen um diese Slums machen-
Kommentator21 (15.06.2008, 17:11 Uhr)
@Paulmaz
sind diese Kinder Ihnen mehr wert, als die Kinder die hier im Armut leben? Fahren Sie hin und tun was, als hier bequem im Sessel darüber senieren, wie schlecht die Welt ist.
paulmaz (15.06.2008, 16:59 Uhr)
Schreien
Das ist ein Bericht,dass man schreien
könnte. Habe das Gleiche in Neu Delhi
gesehen. Da bestanden die "Wohnungen"
unter den Brücken aus Steinen, die in
Rechtecke von ca. 1,5X 2 Meter gelegt
waren, ohne Lücken dazwischen, wie
"Reihenhäuser". Wer das einmal im
Leben gesehen hat, kommt als anderer
Mensch zurück und definiert "Armut"
anders, als wir es hier gewöhnt sind.
 
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