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4. September 2006, 14:37 Uhr

Auf einer Nussschale ins Paradies

In klapprigen Holzbooten riskieren sie ihr Leben: Allein in den vergangen drei Tagen sind rund 1500 afrikanische Flüchtlinge auf den Kanarischen Inseln gelandet. Die spanischen Behörden sind hilflos.

Ein Flüchtling aus Afrika, gehüllt in eine Decke,© MANUEL LERIDA/DPA

Am Samstag waren es 674. Am Sonntag 759. Und am Montag wurden noch vor Sonnenaufgang mindestens 227 weitere gezählt: Der Zustrom afrikanischer Bootsflüchtlinge auf die Kanarischen Inseln hat seit dem Wochenende nie da gewesene Ausmaße erreicht. Angesichts der dramatischen Zahlen schlug die spanische Regierung Alarm. Madrid werde nicht zulassen, dass der Ansturm illegaler Immigranten weiter anhält und die Ursprungsländer die Rückführungsabkommen weiter ignorieren, warnte Vizeregierungschefin María Teresa Fernàndez de la Vega am Montag in Madrid. "Wir werden hart durchgreifen."

Der Unmut wächst

Doch die Drohung klingt eher hilflos als entschlossen. Denn bislang zeigten sämtliche Bemühungen Madrids kaum Wirkung. Dies gilt für die mühevoll ausgehandelten Rücknahmeabkommen mit afrikanischen Ländern ebenso wie die von der Europäischen Union erreichte Hilfe. Auf den Kanaren wächst derweil der Unmut. Die mangelnde Unterstützung aus Brüssel etwa treibt den Verantwortlichen auf der spanischen Inselgruppe die Zornesröte ins Gesicht. "Die wollen uns wohl auf den Arm nehmen!", entfuhr es kürzlich dem Chef der kanarischen Regierungspartei CC, Paulino Rivero, als es um die Seepatrouillen der EU vor der westafrikanischen Küste ging.

Denn die groß angekündigte "Flotte" entpuppte sich als eine Hand voll Schiffe, von denen eines auch noch eine Havarie hatte, bevor es überhaupt zum Einsatz kommen konnte. "Es ist lächerlich, auf diese Weise Hunderte Kilometer westafrikanische Küste kontrollieren zu wollen", wetterte Rivero. Dass Brüssel sich jetzt großzügig bereit erklärte, die ohnehin zögerlich angelaufene Aktion bis Dezember zu verlängern, empfindet er geradezu als Hohn.

Madrid bemüht sich indes darum, dass das Problem der illegalen Zuwanderung als gesamteuropäisches Problem begriffen und entsprechend angegangen wird. Auch deshalb hat die spanische Regierung für September eine Konferenz der EU-Mittelmeeranrainer plus Portugal einberaumt. Doch Kritiker bezweifeln, dass diese erneute "diplomatische Offensive" kurzfristig Früchte trägt. So wirft die Opposition der sozialistischen Regierung vor, die Krise selbst heraufbeschworen zu haben: Die Legalisierung von rund 600.000 illegal in Spanien lebenden Ausländern im vergangenen Jahr habe nur weitere Immigranten in der Hoffnung angelockt, früher oder später ebenfalls eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.

Seit Januar 20.000 Flüchtlinge

Von Januar bis August sind bereits rund 20.000 Armutsflüchtlinge in wenig seetüchtigen Holzbooten auf die Kanaren gelangt. Das sind vier Mal mehr als im gesamten Vorjahr. Den Traum von einer besseren Zukunft in Europa bezahlten etwa 600 von ihnen mit dem Leben - offiziellen Zahlen zufolge. Hilfsorganisationen gehen von bis zu 3000 Toten aus.

Wenn er diese Zahlen hört, fährt es Alejandro Santana kalt über den Rücken. Er ist Totengräber auf dem Gemeindefriedhof Santa Lastenia in Santa Cruz auf Teneriffa, wo Dutzende der Opfer in namenlosen Gräbern liegen. Ihre Leichen hat nie jemand identifiziert, geschweige denn für ein Begräbnis in der Heimat beansprucht. "Welchem Menschen tut es bei diesem Anblick nicht in der Seele weh?", fragt er. Eines schmerzt ihn besonders, sagte er der Zeitung "El País": "Niemand weint bei der Beerdigung hier um sie."

DPA
 
 
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