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Das Tagebuch der Not

Eine deutsch-libysche Familie flüchtet vor dem Krieg aus Tripolis nach Tunesien - und wird zum Spielball großer Politik. Das Tagebuch der Maike Tekbali.

Von Manuela Pfohl

Wenn sie nur wüsste, was mit den drei Schwägerinnen ist. Die sind mit ihren Kindern und den Enkeln noch immer in Tripolis und die Nachrichten verheißen nichts Gutes. Das libysche Staatsfernsehen berichtete am Montag, die Nato habe Luftangriffe auf militärische und zivile Ziele in zwei Stadtteilen der libyschen Hauptstadt geflogen. Mindestens 13 schwere Detonationen seien zu hören gewesen. Es habe Tote gegeben. Maike Tekbali die vor dem Fernseher in ihrer Unterkunft im tunesischen Djerba sitzt, hätte am liebsten losgeheult. Sie sorgt sich um die Familie und das Zuhause, das da gerade untergeht.

2009 zieht sie mit ihrem Mann, einem Libyer, von Deutschland nach Libyen. Mit viel Mühe und der Hilfe der ganzen Familie, die in Tripolis eine Bäckerei betreibt, bauen sie sich in der Hauptstadt ein Haus, mit einem hübschen Garten drum herum für die Kinder. Dazu ein paar Hunde, Katzen, Schafe, Hasen. Ein kleines Idyll, das ihr Mann Fouad Ali mit einer eigenen Handelsvertretung für eine Edelstahlbaufirma finanziell absichern will. Doch als es am 24. Februar losgehen soll, kommt die Revolution dazwischen. Mit heftigen Kämpfen zwischen den Gaddafigegnern aus dem Osten Libyens und seinen Anhängern rund um Tripolis, die von Woche zu Woche zunehmen.

Flucht mit dem Netbook unterm Rock versteckt

Ende März wird die Situation immer dramatischer. Fast 340.000 Menschen sind laut UN auf der Flucht, etwa 9000 sitzen an den Grenzen nach Ägypten und Tunesien fest. Die Rebellen rücken näher an Tripolis heran. Die westlichen Alliierten sichern Unterstützung zu. US-Kampfjets donnern über die libysche Hauptstadt hinweg. Als die Nato schließlich am 14. April Tripolis bombardiert und es dabei auch eine heftige Explosion nahe einer Residenz Gaddafis gibt, ist das für Maike Tekbali und ihre Familie ein Alarmsignal.

Hastig packen sie das Allernötigste zusammen, um mit den drei kleinen Kindern aus Tripolis zu flüchten. Ihr Mann Fouad Ali hat einen Fahrer besorgt, der sie unauffällig außer Landes bringen soll. Im Gepäck: Windeln für das acht Monate alte Baby, Kleidung für die zwei- und siebenjährigen Kinder, Lebensmittel, ein paar Dinar, mit denen notfalls die Polizisten an der tunesischen Grenze "überredet" werden könnten, sie durchzulassen - und das Tagebuch, das Maike Tekbali seit einiger Zeit führt.

Sie wollen nur weg von den Schießereien und den Raketen, die immer näher kommen und zuletzt keine fünf Minuten vom Haus der Tekbalis entfernt einschlugen. Maike Tekbali hat eilig den Schleier umgelegt, das Netbook unterm Rock versteckt, und inständig zu Allah gebetet, dass keiner der Gaddafi-treuen Soldaten an den Checkpoints es findet samt der gespeicherten Bilder von den Gewalttaten, die sich seit Wochen auf den Straßen Libyens abspielen. Ihr Ziel ist die tunesische Insel Djerba. Im Nachbarland, kurz hinter der Grenze hofft die Familie auf Sicherheit - und auf eine baldige Rückkehr nach Tripolis.

Es ist Krieg und Maike Tekbali ist mittendrin

Und nun? Die 33-Jährige sitzt in ihrem kleinen Büro auf Djerba und weiß nicht wo ihr der Kopf steht. Seit ein paar Wochen sammelt sie von hier aus Hilfsgüter, verteilt Spendengelder, vermittelt Unterkünfte und gibt Lebensmittel und Medikamente an Bedürftige weiter. Kaum glaubt sie, etwas erledigt zu haben, gibt es wieder Schwierigkeiten. Mal klappt die Telefonverbindung nach Libyen oder den Rest der Welt nicht. Dann wieder bleiben die Lebensmittellieferungen irgendwo hängen, oder die Straßen sind verstopft. Es ist Krieg in Nordafrika. Und Maike Tekbali ist noch immer mittendrin.

Erst wurde es nichts mit der schnellen Rückkehr und dann war da plötzlich dieses Gefühl, dass sie sich nicht einfach so davon machen dürften. "Hier ist soviel unbeschreibliches Elend unter den Flüchtlingen, dass wir gar nicht anders konnten. Wir mussten bleiben, um zu helfen", sagt die junge Frau.

Die Großmutter in Deutschland bezahlt eine Zeitlang die Miniunterkunft, in der die Familie seitdem wohnt. Ein "Basislager" von dem aus Maike Tekbali und ihr Mann zunächst Hilfe für Verletzte organisieren und Hilferufe nach Deutschland senden. Freunde aus der alten Heimat in Niedersachsen, wo Maike Tekbali aufgewachsen ist, eine muslimische Hilfsorganisation und Frauen, die Maike Tekbali aus einem Mütter-Chatroom kannte, fragen, was gebraucht wird. "Man müsste sich um die Kleinen kümmern, die während der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden", antwortet Maike Tekbali - und versucht, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: Ein Kinderheim für die Flüchtlingskinder. Bis zu 40 Waisen sollen hier Unterschlupf finden.

Erste Hilfe für das Kinderheim

Der Bedarf ist riesig, notiert sie am 13. Mai in ihrem Tagebuch: "Eine Frau, schwanger, mit 7 Jahre altem Sohn hat heute Tunesien erreicht, ihr Mann starb im Krieg, wir werden sie mit aufnehmen...2 weitere Frauen sind mit insgesamt 4 Kindern unter denen, die wir aufnehmen werden. So werde ich niemanden extra beschäftigen brauchen und die Kinder haben bekannte Gesichter um sich herum, die auch nachts da sind. ...und Kinder im Alter von 1 Jahr bis 7 Jahren, die sich jetzt noch in den Flüchtlingslagern befinden...in den nächsten Tagen werden weitere 8 Kinder aus den Bergregionen in dieses Lager gebracht, die niemanden mehr haben, sie sind zwischen 3 und 9 Jahre alt...wir werden sie abholen, sobald das Haus vorbereitet ist."

Ende Mai treffen auf Djerba die ersten Spenden für die Flüchtlinge und das künftige Kinderheim ein. Kisten, Karton, Säcke stapeln sich in der Unterkunft. Eine niedersächsische Kirchgemeinde sagt Unterstützung zu, Künstler planen eine Auktion zugunsten des Projektes, eine Anwaltskanzlei unterstützt das Vorhaben. Pakete werden kostenlos versandt. Maike Tekbali arbeitet 16 Stunden am Tag und versucht "nebenbei" auch noch den Familienalltag zu managen: "…hier wasche ich die Wäsche von 5 Personen, jeden Tag!! mit der Hand in 3 großen Plastikschalen auf meinen Knien im Bad...ich habe ein kleines Plastikkörbchen (man kann es für Brot und Obst verwenden oder für Besteck)...ich drehe es verkehrt herum und verwende die unebene Unterseite als "Waschbrett", so sehr ich auch schrubbe und schäume...richtig sauber ist die Wäsche nicht...aber sie riecht gut..."

Ein Überfall, Wut und Besuch von Al Jazeera

Am 20. Juni melden die Nachrichten, dass Nato-Kampfflugzeuge bei ihren Angriffen das Anwesen eines Gaddafi-Vertrauten bombardiert und dabei mehr als 13 Zivilisten getötet haben. Die Alliierten weisen die Vorwürfe als Unterstellung umgehend zurück. Auch Maike Tekbali kämpft - mit ihrer Wut. "Am 20. Juni, abends um 22 Uhr kamen libysche Regimeanhänger und verwüsteten mit 50 Mann mit Macheten und Pistolen bewaffnet das Büro. Sie verletzten drei unbewaffnete Mitarbeiter zum Teil schwer", schreibt sie in einer Rundmail an ihre Freunde und Unterstützer. Die sind entsetzt, als sie lesen, dass "die tunesische Polizei nicht eingriff, weil es angeblich eine Anweisung gibt, sich bei Auseinandersetzungen unter Libyern herauszuhalten". Der arabische Nachrichtensender Al Jazeera erfährt von dem Vorfall, berichtet darüber und will von den Tekbalis ein Statement. Später wird Fouad Ali deswegen einigen Ärger mit der Polizei bekommen.

Maike Tekbali will sich dem Gefühl der Machtlosigkeit, das sie nach dem Überfall beschleicht, nicht ergeben. Ein neues Büro wird organisiert. Fouad Ali und sein Freund Abdul Basut Sintani kümmern sich um die Ausgestaltung. Sie nennen es "ahrar tarabulus". Mitte Juli ist auch die Einrichtung des Kinderheims fast fertig. Demnächst soll es öffnen. In Tunis muss eine Hilfslieferung aus Deutschland abgeholt werden, ehe sie von korrupten Beamten auf dem Marktplatz meistbietend versteigert wird - Maike Tekbali kümmert sich. Die Behörden machen Ärger, die Frachtpapiere einer Spende aus Deutschland seien nicht korrekt, es müsse nachgezahlt werden. Viel Geld, das Maike Tekbali nicht hat. Die minderjährige Tochter einer ebenfalls deutschen Nachbarin wird über Nacht von der Polizei auf Djerba festgehalten und geschlagen - Maike Tekbali diskutiert mit der Polizei. Dann wieder erzählt jemand, dass eine hochschwangere Frau im Nachbarort sitzt und keine Hilfe bekommt - Maike Tekbali will hin und Hilfe organisieren. Übers Telefon melden sich Bekannte und sagen, da sei jemand, der brauche dringend einen Arzt, der kostenlos behandelt - Maike Tekbali soll es richten.

Das Auswärtige Amt kann nichts tun

Am 8. Juli wendet sie sich an das Auswärtige Amt und bittet um Unterstützung für ihr Projekt und die Menschen, die ohne Hilfe sind: "An den Grenzen kommt es regelmäßig zu Übergriffen von Regimeanhängern auf Gegner... es hat bereits Tote gegeben...an vielen Orten stehen zerstörte Autos, von Bingerdan bis Djerba bis nach Sfax kann man das sehen...sie wurden von Regimeanhängern zerstört...niemand hält sie auf...niemand will darüber berichten... Raketen schlagen in den Regionen um die Camps ein, daher werden einige Gebiete abgesperrt, es war uns nicht möglich, die Waisenkinder zu erreichen. Es gibt eine regelrechte Menschenjagd...die Regimeanhänger werden über die Grenzen gelassen und mischen sich unter die Menschen...dann streikt die Polizei regelmäßig...so das man selbst für seine Sicherheit sorgen muss..."

Die Antwort, die sie vier Tage später in den Händen hält, ist nüchtern. Ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Tunesien teilt ihr am 12. Juli mit: "Leider konnten wir keine weiteren Informationen über die von Ihnen beschriebenen Vorgänge erhalten." Er empfiehlt ihr die "regelmäßige Einsicht der Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes" und verweist mit freundlichen Grüßen an den tunesischen Honorarkonsul. Maike Tekbali ist fassungslos. "Die Nachrichten sind voll mit Berichten über die Zustände hier, kann es wirklich sein, dass die deutschen Behörden in Tunesien nichts davon mitbekommen?"

Auf Anfrage von stern.de bestätigt das Auswärtige Amt, "mehrfach Kontakt zu Frau Tekbali gehabt" zu haben. Konkrete Angaben zu den Schilderungen der Situation auf Djerba könnten derzeit allerdings nicht gemacht werden.

Kein Pass wegen des Engagements für Flüchtlinge?

Am vergangenen Sonntag, 17. Juli, schreibt Maike Tekbali in ihr Tagebuch: "...der Pass meines Mannes ist nicht verlängert worden, die Libysche Botschaft in Tunesien hat es abgelehnt...weil er wegen der Vorfälle im Fernsehen gesehen wurde. Sein Engagement für die Flüchtlinge ist ihnen zu politisch..."wir können nichts mehr für Sie tun..."

Am Dienstag bekräftigen die USA erneut ihre Rücktrittsforderungen gegenüber Muammar al Gaddafi. Doch der libysche Staatschef gibt sich wie immer unbeeindruckt. "Ich werde niemals das Land meiner Vorfahren verlassen und das Volk, das sich für mich opfert."

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