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Erdogans kaltes Spiel mit den Flüchtlingen

Drei Milliarden Euro zahlt die EU der Türkei. Dafür soll sie sich um die Flüchtlinge aus Syrien kümmern. Präsident Recep Tayyip Erdogan nimmt die Rolle dankbar an - denn sie verschafft ihm das so dringend erhoffte Prestige.

Von Raphael Geiger, Ankara

Merkel bei Erdogan

Weder Merkel (M.l.) noch Erdogan (M.r.) sind sonderlich über den Syrien-Einsatz Russlands erfreut

"Es kann nicht sein, dass alle denken: die Türkei nimmt die Syrer schon auf", sagt der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu, als er in Ankara neben Kanzlerin Angela Merkel steht. Die Türkei solle sich offenbar um die Flüchtlinge kümmern, "während andere in Syrien ihre Luftangriffe fliegen." Wer damit gemeint ist, fügt Merkel hinzu: Sie sei "erschrocken und entsetzt" über die russischen Bombardements, die Zehntausende Syrer an die türkische Grenze trieben.

Syrer gehören zum Alltag

Merkel stellt sich an diesem Montag deutlich auf die Seite der Türkei, die mehr Syrer aufgenommen hat als irgendein anderes Land. "Die Türkei trägt am Syrien-Krieg keine Schuld", sagt Merkel. Allerdings lässt die Türkei eben diese Flüchtlinge, die seit Tagen am Grenzzaun warten, nicht ins Land. Zum ersten Mal bricht das Land mit ihrer Politik der offenen Tür. Mindestens 2,5 Millionen Syrer leben schon in der Türkei, inoffiziell dürften es mehr sein.


Es gibt hier Orte, viele Orte, an denen sich das Land mehr arabisch anfühlt als türkisch. So viele Syrer leben hier, dass in manchen Vierteln von Istanbul Arabisch zur Umgangssprache geworden ist. In ganzen Städten entlang der türkisch-syrischen Grenze ist es genauso. Syrische Ärzte, syrische Restaurants, syrische Nachbarn.

In Deutschland würde das wohl "Parallelgesellschaft" heißen, mit einem negativen Beiklang, aber in der Türkei hat sich ein Großteil damit abgefunden: Die Syrer leben hier, als Minderheit. Die meisten tun es auf Zeit - sie wollen irgendwann zurück, wenn es einmal Frieden geben sollte; oder sie wollen weiter nach Europa. Die Regierung hat lange Zeit alle Syrer ins Land gelassen, nicht nur aus Hilfsbereitschaft, auch in einer neo-osmanischen Tradition: Präsident Recep Tayyip Erdogan sah Syrien schon immer als irgendwie türkisches Einflussgebiet, er stellte sich von Anfang an auf die Seite der syrischen Rebellen gegen den Diktator Bashar al Assad.


Womöglich sah er in den Syrern auch seine Wähler der Zukunft, er weiß, dass er bei ihnen sehr beliebt ist. Vielleicht werden aus manchen von ihnen in einigen Jahren türkische Staatsbürger und Erdogan-Wähler.
Jetzt, unter dem Druck der EU, will auch die Türkei die Zahl der Flüchtlinge reduzieren. Sie benutzt sie als Pfand gegen bessere Beziehungen zu Europa. Drei Milliarden zahlen die Europäer den Türken zur Unterstützung - ob es noch mehr werden könnte, wurde Angela Merkel in Ankara gefragt. "Darüber reden wir, wenn das Geld alle ist", sagte sie. Die Türkei ist damit wieder im Fokus. So lange sich Syrer von türkischem Boden aus in Schlauchboote nach Griechenland setzen, wird sie gebraucht. Und präsentiert sich als Stabilitätsfaktor, als: verlässlicher Nato-Partner.

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