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Sie wollen nur weg - und wenn es ihr Leben kostet

Sie vegetieren in Libyen vor sich hin, ihre Zahl geht in die Tausende und sie haben nur ein Ziel: Europa. Im stern erzählen sechs Flüchtlinge, warum sie für ihre Flucht ihr Leben riskieren.

Von Mirco Keilberth und Raphael Geiger

Auf diesem Schlauchboot befanden sich sage und schreibe 108 Menschen, als es im Mittelmeer aufgegriffen wurde

Auf diesem Schlauchboot befanden sich sage und schreibe 108 Menschen, als es im Mittelmeer aufgegriffen wurde

Libyen ist ein Wrack. Ein zertrümmertes Stück Ex-Staat, dessen international anerkannte Regierung nur noch über Teilgebiete herrscht, der Rest wird von Rebellen und den Kämpfern des Islamischen Staats kontrolliert. Wer hier als Flüchtling gelandet ist, will nur eines: raus aus Chaos, Krieg und Armut. Libyen ist die ideale Sprungstelle für Flüchtlinge aus Afrika, und Lampedusa, die kleine italienische Insel, liegt nur wenige hundert Kilometer von der Küste entfernt.

Der stern war vor Ort in dem zerfallenen Land und hat die Menschen getroffen, deren letzte Hoffnung ein überfülltes Schlauchboot ist, das sie nach bringen soll.

Etwa zehn Kilometer östlich von Misrata liegt der Kontrollpunkt al Kararim. Rund um die 500.000 Einwohner Stadt schützt ein Radius von Kontrollstellen vor Selbstmordattentätern des IS oder verfeindeten Milizen. Wenige Gehminuten vom Checkpoint entfernt liegt die Kararim Schule, die letztes Jahr zu einem Gefängnis für umgebaut wurde.

Jede Woche steigt die Zahl der Insassen, zurzeit sind es rund 900. Wegen der angespannten Sicherheitslage sind die 33 Wachen unterbesetzt und völlig überfordert mit der Masse der Menschen. Kein Arzt, kein Krankenwagen stehen zur Verfügung, das Wasser wird täglich ab 17 Uhr abgestellt. Es gibt viele Fälle von Hepatitis und anderen Krankheiten. Die Stimmung ist angespannt. Auch Frauen und 20 Kinder sind unter den Insassen. Und wie in anderen Lagern auch, gibt es immer wieder Konflikte die sich entlang ethnischer Unterschiede entladen.

Sechs Flüchtlinge erzählen aus ihrem Leben, von ihren Träumen und warum sie einfach nur weg wollen

Charles Tano: "Ich wäre gerne zu Hause geblieben"

Charles Tano: "Ich wäre gerne zu Hause geblieben"

  • Charles Tano aus Nigeria
    "Wir leiden hier jeden Tag. Schauen sie ich einmal die Toiletten an, zwei Toiletten für über Tausend Gefangene. Die Vereinten Nationen müssen eine Lösung für uns finden. Ich bin wegen Boko Haram nach Libyen geflohen, was hätte ich auch sonst hier verloren. Ich wäre gerne zu Hause geblieben. Hier in Libyen geht es mir noch schlechter, daher will ich weiter nach Europa."
  • Issiad Ibrahim aus Nigeria
    "Mein Land bietet mir nichts. Keinen Job, keine Chance, eine Familie zu gründen. Ich werde es wieder versuchen, sollten sie mich abschieben. Ich bin gegangen, weil ich zu Hause einfach nichts habe, nichts, nichts."
  • Ibrahim Issa Konem aus Liberia
    "Ich komme aus Liberia, was gleichbedeutend mit 42 Jahren Krieg ist. Es gibt immer noch Friedenstruppen und Unsicherheit. Ich bin mit meinem Bruder hier und es sind noch viele die ich persönliche kenne unterwegs nach Europa. Wir gehen, um unser Leben zu retten, denn in meinem Land gibt es auch Ebola. Wir wollen weg aus Libyen, denn hier werden wir wie Tiere behandelt."
Selbstermahnungen von Flüchtlingen: "Ich darf nicht laufen" und: "Rennen ist das beste, aber wohin laufen wir? Es ist sehr gefährlich, weil wir in der Wüste sind."

Selbstermahnungen von Flüchtlingen: "Ich darf nicht laufen" und: "Rennen ist das beste, aber wohin laufen wir? Es ist sehr gefährlich, weil wir in der Wüste sind."

  • Odyssey Oda, Student aus Ghana
    "Die Botschaften kümmern sich nicht um uns. Die Wachen wollen bei den Besuchen von Journalisten, dass man nichts Schlechtes über die Situation sagt. Ich habe drei Mal 1000 Euro bezahlt, bis ich hier war. Ich werde wieder versuchen, nach Italien zu gelangen, für ein besseres Leben, um überhaupt ein Leben zu haben.
  • Ali Konte aus Sierra Leone
    "Ich habe meine Eltern verloren und habe keine Chance auf irgendeine Zukunft in meinem Land. Ich kann nicht nach Hause zurück. Bitte, sie müssen uns helfen, denn hier in dem Lager sind viele krank. Die Vereinten Nationen müssen etwas unternehmen, bevor Leute sterben."
  • Mohamed Konte aus Sierra Leone
    "Ich war auf dem Weg nach Lampedusa und wurde an einem Checkpoint bei der Stadt Gharian verhaftet. Seit einer Woche bin ich hier. Wir haben hier Kinder und schwangere Frauen unter uns. Jeder hier leidet. Gestern haben sie mich geschlagen, weil ich meine Sachen gewaschen habe. Ich habe seitdem ständig Schmerzen. Die Toiletten sind gefährlich, Krankheiten breiten sich aus. Wir werden nicht wie Menschen behandelt. Die Vereinten Nationen müssen uns dringend helfen, bevor es Tote gibt. Die meisten aus Sierra Leone, die sich auf den Weg gemacht haben, sind Waisen und werden nicht zurückgehen."

Lesen Sie die Reportage aus Libyen ...

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