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Griechenland taugt nicht mal für die Ärmsten als Paradies

Die Regierung in Athen spricht von einer Invasion. Täglich strömen Hunderte von Flüchtlingen in das krisengeplagte Land. Sie suchen das Glück, um dann festzustellen: "Jetzt sind wir in der Hölle."

Von Niels Kruse

  Einmal ausreisen, bitte: Mit einem Großaufgebot versucht die Polizei illegalen Einwanderern auf die Spur zu kommen

Einmal ausreisen, bitte: Mit einem Großaufgebot versucht die Polizei illegalen Einwanderern auf die Spur zu kommen

Wenigstens 5000 Dollar kostet die Reise ins vermeintliche Paradies. Für so viel Geld schafft es zum Beispiel ein Afghane in die Festung Europa. Beliebter Übergang ins gelobte Land ist eine 206 Kilometer Grenze, die die reichen EU-Staaten vom armen Rest der Welt trennt. Eine Strecke, die kaum zu kontrollieren ist, was die unzähligen Schleuserbanden ausnutzen. Die Flüchtlinge, die den schamlosen Menschenhändlern nicht selten ihr gesamtes Vermögen für eine strapaziöse und gefährliche Reise in den Rachen werfen, hoffen auf etwas Arbeit und eine Zukunft. Um dann in Griechenland zu landen.

Gesicherte Zahlen gibt es nicht, die Dunkelziffer wagt keiner einzugrenzen. Aber allein im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der europäischen Grenzschutzagentur Frontex im EU-Sorgenstaat 100.000 illegale Einwanderer aufgegriffen. Dieses Jahr dürfte die Zahl in ähnlichen Bereichen liegen. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration wurden in den Monaten Mai bis Juli 30.000 illegale Flüchtlinge aufgegriffen.

Drei von vier Migranten, die es in die Europäische Union zieht, wählen die Route über Griechenland. In einem gerade veröffentlichten Bericht nennt die EU-Kommission das Gebiet zwischen der Türkei und Griechenland einen "Brennpunkt" und wirft der Athener Regierung "schwerwiegende Mängel" bei der Sicherung der Grenzen vor. Ausgerechnet das krisengeplagte Land am äußeren Rand des Schengenraums ist aufgrund seiner Lage erste Anlaufadresse für inoffizielle Migranten. Das Land ist mit dem Ansturm schlichtweg überfordert und fühlt sich vom Rest Europas mehr oder weniger allein gelassen.

"Griechenland geht unter"

Die EU-Kommission wiederum spricht von hausgemachten Problemen und fordert Griechenland auf, die Kontrollen der Land- und Seeaußengrenzen zu stärken. Brüssel bietet zugleich Hilfe an, "die vorhandenen EU-Mittel wirksam einzusetzen". Nikolaos Dendias, griechischer Minister für Bürgerschutz, hat zumindest mit Aktionismus reagiert: "Das Land geht unter. Wir sind mit einer Invasion konfrontiert", sagte er. Vor rund einer Woche hat Athen ein großes Aufgebot entsandt, um gegen illegale Einwanderer vorzugehen. Rund 1500 Polizisten waren am Wochenende allein in der Hauptstadt Athen unterwegs, um Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis zu kontrollieren. 1100 Mal wurden sie fündig, die Menschen wurden in ein Auffanglager gebracht. Auch an der Grenze zur Türkei werde nun verstärkt kontrolliert.

Der nicht enden wollende Flüchtlingsstrom beschäftigt die EU schon seit Jahren. Zuletzt hatte die Zahl der illegalen Einwanderer vor allem aus nordafrikanischen Ländern drastisch zugenommen. Grund waren die Unruhen während des arabischen Frühlings. Auch andere Länder waren und sind mit den Menschenmassen überfordert. So meldete Italien im Februar vergangenen Jahres den "humanitären Notstand", weil damals bis zu 4000 Flüchtlinge pro Tag auf den im südlichen Mittelmeer gelegenen Inseln eintrafen. Auch Malta war und ist beliebter Fluchtpunkt. Nur stehen der kleine Inselstaat und Italien nicht kurz vor der Pleite und haben keinen so rasanten Zuwachs an Armut zu verzeichnen wie das krisengebeutelte Hellas.

Eigentlich ist vorgesehen, dass Flüchtlinge und Asylbewerber bis zur Entscheidung über ihre Zukunft im "Ankunftsland" bleiben müssen. Doch wer einmal im Schengenraum ist, kann meist ungehindert durch alle EU-Mitgliedsländer reisen. Die Regierungen in Berlin und Paris hatten deshalb im April vorgeschlagen, dass in Ausnahmefällen die Grenzkontrollen wieder eingeführt werden dürfen. Eine europaweite Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.

"Illegale Einwanderung größer als das Finanzproblem"

Griechenlands Minister Dendias sagte, das Problem der illegalen Einwanderung sei "vielleicht größer als das Finanzproblem" und eine "Bombe für das Fundament von Staat und Gesellschaft". Zumindest für sein Land mag das stimmen. Denn der Staat ist so gut wie Pleite und die große Zahl an Flüchtlingen treibt viele Griechen in die Arme der Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte", die bei den letzten Wahlen fast sieben Prozent der Stimmen bekamen. Auch deshalb bemühte der jetzige Ministerpräsident Antonis Samaras im Wahlkampf martialische Versprechen: Er werde die "Invasion der illegalen Einwanderer stoppen und die Städte zurückerobern".

Aus einigen Problemvierteln von Athen werden mittlerweile täglich Übergriffe auf vermeintliche Ausländer gemeldet. Im berüchtigten Stadtteil Agios Panteleimonas wurden von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres 63 Vorfälle registriert. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil viele Opfer den Gang zur Polizei scheuen. Verantwortlich für das Unwesen sind selbsternannte, teilweise rechtsextrem gesinnte Bürgerwehren, die brutale Jagd auf Illegale machen. Nicht selten mit Unterstützung oder zumindest Billigung der dortigen Anwohner. Selbst Migranten wie etwa Albaner, die schon viele Jahre in Hellas wohnen, betrachten die Gewalt gegen die Flüchtlinge mit Wohlwollen. Sie sehen darin so etwas wie einen Beleg, dass sie nicht länger am unteren Ende der Nahrungskette stehen. Ein gewagter Schluss.

"Europa ist die Hölle"

Die latente Pogromstimmung in Griechenland vertreibt zunehmend die illegalen Einwanderer. Arbeit und damit Geld gibt es bei den Hellenen ohnehin immer weniger. In der "Stuttgarter Zeitung" erzählte ein Flüchtling jüngst, dass er gerne nach Italien weiter wolle. 2000 Euro würde ihn der Trip kosten, eine Summe, die er allerdings nie zusammenbekommen werde. Deshalb will er nun wieder zurück in seine Heimat Pakistan: "Wir dachten, Europa ist das Paradies", so der Mann, "und jetzt sind wir in der Hölle."

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