Einer, der hautnah miterlebte, wie die Vereinigten Staaten unter George W. Bush zum Folterstaat wurden, ist Torin Nelson, Vernehmer der US Army. Dem stern berichtet er, wie Gefangenen-Missbrauch Tür und Tor geöffnet wurde und wie er vom Zeugen zum "Täter" wurde. Von Jan Christoph Wiechmann, New York

Eines von vielen Fotos aus Abu Ghreib, die zum Symbol für die Menschenrechtsverletzungen der USA wurden© EPA
Er hätte einfach schweigen sollen. Hätte als Zeuge nicht aussagen sollen, so wie alle anderen Soldaten in Abu Ghreib. Er hätte den Corpsgeist nicht brechen, die Taten nicht beichten, den Skandal nicht ans Licht bringen sollen. So denkt er. Manchmal.
Und dann denkt er: Es war gut zu reden. Über die Misshandlungen in Abu Ghreib. Die Misshandlungen in Guantanamo. Die Fehler im System. Und die Befehle von oben. Es war gut zu reden. Gut für den Staat. Für die Ehre Amerikas. Für das eigene Gewissen.
Torin Nelson, 40, sitzt in einer kleinen Wohnung in Utah und schaut auf sein Leben mit einer Mischung aus Trotz und Traurigkeit. Er hatte mal eine Familie. Einen guten Job beim Militär. Ein großes Haus. Ein intaktes Leben. Das ist vorbei. Die Familie ist weg. Das Haus verloren. Sein Ruf ist beschädigt. Selbst sein Name ein anderer. Obwohl er doch alles richtig machte. Sagt er sich. Oder etwa doch nicht?
Nelson wurde als Vernehmer der US Army nach Guantanamo geschickt, ins dortige Gefangenenlager. Das war im August 2002, ein Jahr nach den Terror-Anschlägen von New York. Er hatte bereits zehn Jahre Erfahrung in diesem Job hinter sich, zwölf Entsendungen in Kriegsgebiete, er war gut darin, sehr gut sogar. Er baute stets ein Verhältnis zu den Gefangenen auf, er machte das, was er intelligentes Verhören nennt: Vertrauen gewinnen, Anreize schaffen, zuhören, plaudern, auch mal drohen, aber stets im Rahmen.
Alles lief normal, bis der neue Kommandant, Major General Geoffrey Miller, nach Guantanamo kam. Schon bei seinem ersten Treffen gab er die neue Richtung vor: "Welche Rechte haben diese Gefangenen?" fragte Miller. Die Offiziere antworten: "Sie haben Rechte gemäß der Genfer Konvention." Darauf Miller: "Das einzige Recht, das sie haben, ist es, uns Informationen zu liefern." "Die Botschaft war: Nur Resultate zählen", erinnert sich Nelson. "Wie du sie erlangst, spielt keine Rolle."
Bald erfuhr Nelson von den Verhören des Gefangenen Nr. 63, Mohammed al Khatani, der vermeintliche 20. Mittäter der Anschläge vom 11. September: 18-Stunden-Verhöre, Stress-Positionen, Einsatz von Hunden, von extremer Kälte und Hitze, alles abgesegnet von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich. "Ich dachte, was für ein gigantischer Fehler. Wir bauen über Monate ein Verhältnis zu dem Gefangenen auf, und dann zerstören wir alles mit einem Schlag. Das Kardinalproblem war: Die politische Führung bekam nicht schnell genug die Resultate, die sie wollte. Sie übte Druck aus. Damit waren dem Gefangenen-Missbrauch alle Türen geöffnet."
Was Nelson nicht wusste: Die Misshandlung der Gefangenen war damals längst von oben gebilligt. Im Justizministerium hatten Juristen schon im August 2002 eine Folter-Memo geschrieben, in denen sie die Bedingungen minutiös festhielten: Wenn dem Opfer Schmerzen zugefügt würden, handele es sich nur dann um Folter, wenn diese "zum Tod, Organversagen oder zur dauerhaften Schädigung einer wichtigen Körperfunktion" führten. Und bei seelischen Schmerzen, wenn sie "zu wesentlichen Schäden von beträchtlicher Dauer führen", "Monate oder Jahre anhalten".
Im Pentagon hatte Rumsfeld persönlich dafür gesorgt, diese für die CIA bestimmten "verbesserten Verhörmethoden" auch im Militär anwenden zu können. Damit war schon im August 2002 die Folter legalisiert und fand ihren Weg aus den Schreibstuben Washingtons nach Guantanamo, Bagram und Abu Ghreib. Doch Folter nannte es die Bush-Regierung nicht. Sie verfuhr nach dem Motto: Folter ist keine Folter, wenn wir sie anders definieren.
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Amerikas Sündenfall Wie Bush & Co die USA in einen Folterstaat verwandelten.
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