Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Israel frisst seine Kinder

Israels Premier Netanjahu erklärt regierungskritischen Bürgern den Krieg. Nicht alle geben Ruhe. Ex-Soldaten stellen Fotos ihrer Einsätze in den besetzten Gebieten aus. Es ist ein stiller Protest.

Von Sophie Albers

Israel steckt in einer schweren innenpolitischen Krise. So tief, dass die Demokratie Schaden nimmt. So tief, dass eine ganze junge, politisch engagierte Generation im Aufbruch scheint, die hart erkämpfte Heimat zu verlassen. Weil sie sich nicht mehr wiedererkennen im Weltbild der Regierung um Benjamin Netanjahu. Weil neue Gesetze die Freiheit anfressen. Weil es an Putins Russland erinnert, wenn Medien und Schulbücher zensiert, die Arbeit von NGOs boykottiert und kritische Stimmen im eigenen Land als "anti-israelisch" und "terroristisch" abgestempelt werden. Wenn Überwachungsausrüstung, die normalerweise an Israels Grenzen eingesetzt wird, plötzlich im Herzen Tel Avivs die Teilnehmer von Sozialprotesten observiert. Seit vergangenem Jahr fordern zig Tausendelauthals ein besseres Israel, das über die Hysterie um die "Sicherheit" nicht das Wohl der eigenen Bevölkerung vergisst. Proteste, die mittlerweile schlicht unterdrückt werden.

Die Ausstellung "Breaking The Silence" einer gleichnamigen Organisation israelischer Ex-Soldaten, die noch bis zum 29. September 2012 im Willy-Brandt-Haus in Berlin zu sehen ist, erzählt genau von dieser Ignoranz. Weil in Israel immer weniger Menschen zuhören wollen, sind die rund 800 Mitglieder von "Breaking the Silence" froh, dass die Exponate anderswo ein Publikum finden. Und sei es in Deutschland, dem Land, das am wenigsten geeignet ist, Israel einen Spiegel vorzuhalten.

"Dann verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse"

Rund 60 Fotos hängen an den weißen Wänden. Amateuraufnahmen, die männliche und weibliche Soldaten zur eigenen Erinnerung geschossen haben, während sie ihren Militärdienst, den jeder Israeli leisten muss, in den besetzten Gebieten absolvierten. Frauen zwei, Männer drei Jahre. Knapp zehn Prozent der Soldaten landen in Gaza oder West Bank. Sie können den Ort der Stationierung nicht beeinflussen. Die Mitglieder von "Breaking the Silence" waren vor allem in Hebron stationiert, der größten palästinensischen Stadt im Westjordanland und der einzigen, in der jüdische Siedler leben, um "heiliges Land zurückzuerobern". 800 Siedler, Männer, Frauen, Kinder harren hier aus, und israelische Soldaten müssen sie "beschützen".

Was das bedeutet, zeigen die Bilder, die in Kombination mit Aussagen der Ex-Soldaten einen Blick ermöglichen ins Hirn derer, die die Besatzung ausführen: Graffitis ("Araber in die Gaskammern"), Bewohner Hebrons, die mit verbundenen Augen und gefesselten Händen auf der Straße sitzen, Soldaten, die neben einem getöteten Terroristen posieren.

Er sei mit 19 in die Armee gekommen, sagt der 24-jährige Nadav Bigelman, einer der Ex-Soldaten, die durch die Ausstellung führen. "Es war mir wichtig, meiner Gesellschaft etwas zurückzugeben." Dann kam er nach Hebron. Als Sohn linkspolitischer Eltern hat er sich sicher gefühlt in seinem Weltbild. Was gut, was böse ist, wie Menschen miteinander umzugehen haben. "Nach ungefähr zwei Wochen in Hebron verschwimmt die Grenze zwischen Gut und Böse", sagt Bigelman, der noch wie ein Kind aussieht. Er führt von Bild zu Bild, ein Publikum von rund 15 Besuchern folgt ihm - jung, alt, deutsch und auch israelisch.

"Wenn du das erste Mal jemanden checkst, das heißt seine Papiere kontrollierst und den Körper abtastest, ist es dir unangenehm, du hast Angst. Aber nach dem zehnten Mal hast du dich daran gewöhnt", sagt Bigelman. "Dann checkst du einfach jeden. Ohne dass du es merkst, überschreitest du eine Grenze." Und manche werden süchtig danach, Menschen zu kontrollieren, wie unter einem Bild zu lesen steht. Nach dem "Checken" kommt das Durchsuchen von Häusern, Auseinandersetzungen mit den Siedlern, wenn die illegal Häuser einnehmen wollen oder Zusammenstöße mit Bewohnern von Hebron, die sich gegen die ständige Kontrolle zu wehren versuchen. 600 Soldaten und Grenzpolizisten für 800 Siedler gegen mehr als 200.000 Menschen, die hier leben.

"Wir nehmen ihnen den Schlüssel zur Freiheit

Aufgabe der Soldaten sei es, "Präsenz zu zeigen", was bedeute, die Menschen jeden Tag daran zu erinnern, dass sie kontrolliert werden, so Bigelman. Ein schreckliches Zeichen dafür hängt in der Mitte des Raumes: ein etwa drei Meter langes Brett voller Schlüssel, die israelische Soldaten innerhalb eines Monats Palästinensern abgenommen haben. Zur Strafe, weil Ausgangssperren gebrochen wurden. Autoschlüssel sollen es sein, doch an Metallringen und Bändern hängen auch Wohnungs- oder Briefkastenschlüssel, "ein ganzes Leben", sagt Nadav Weiman, 26, der mit Bigelman zusammen die Besucher durch die Ausstellung führt. Der Schlüssel hat in palästinensischen Familien eine hohe symbolische Bedeutung: Er ist das Zeichen der Rückkehr in das eigene Haus, aus dem man einst vertrieben wurde. "Wir nehmen ihnen den Schlüssel zur Freiheit", so Weiman.

Die Spirale dreht weiter, und als nächstes stehen die Besucher vor Bildern eines Toten: Ein bewaffneter Terrorist wurde an der Grenze zu Gaza getötet. Soldaten posieren mit dem Leichnam. Einer hat sogar Photoshop zu Hilfe genommen, um als alleiniger "Sieger" im Bild zu sein. "Übergeschnappt", nennt Bigelman das, weit jenseits der Grenze der Menschlichkeit. Als im August 2010 solche "Sieger-Souvenirs" einer Soldatin über Facebook bekannt wurden, die sich neben gefangenen Palästinensern in Szene setzte, nannte die israelische Armee sie einen Einzelfall. "Jeder macht das!", widerspricht Bigelman, "seit 45 Jahren Besatzung sind diese Bilder die Regel. Und so lange die Besatzung besteht, wird es diese Bilder geben."

Am Ende der Ausstellungsrunde wird ein kurzer Film gezeigt: Die Armee wollte zu Trainingszwecken ein Video drehen über den Alltag am meistfrequentierten Checkpoint in West Bank: Huwara. Bald erkannten die Macher, dass sie eine unerträgliche Realität abfilmten, die brutale Kontrolle anderer Menschen, und das Material wurde zerstört. 15 Minuten fanden jedoch den Weg in die Presse und in diese Ausstellung. "Wenn sie uns nicht fürchten, werden sie uns angreifen", ist der Satz, der nach den wackeligen Bildern in Erinnerung bleibt.

"Es gibt kein Schweigen zu brechen"

"Vor zwei Jahren wurden wir mit unserer Ausstellung ins israelische Parlament eingeladen", erzählt Bigelman. Damals habe es endlich Gespräche gegeben darüber, was der Einsatz in den besetzten Gebieten mit den jungen Menschen macht. Eltern haben zum ersten Mal erfahren, warum ihre Kinder nicht darüber sprechen, warum sie zuhause "so gestresst" sind. Heute beschimpft Außenminister Avigdor Liebermann "Breaking The Silence" als "Terrorvereinigung". Regierungschef Netanjahu hat sich empört, dass es kein Schweigen zu brechen gebe. Dass die Ex-Soldaten gefälligst über die Machenschaften der Feinde Israels berichten sollten. Ausländische Unterstützung für "solche" Organisationen soll verboten werden.

Will "Breaking the Silence" Israel schaden? Ein klares, lautes "Nein" kommt von Weiman. "Wir wollen das Ende der Besatzung. Wir wollen Frieden. Die Ausstellung hierher zu bringen, gibt uns Hoffnung, weil die Menschen auf die Bilder anders reagieren. In Israel zuckt man mit den Schultern, hier weinen die Menschen, weil sie es nicht ertragen. Wir wollen, dass in Israel darüber diskutiert wird." Anders als Tausende junger Israelis, die das Land verlassen, will er seine Heimat nicht aufgeben - weil er sie liebt.

"Breaking the Silence" - Ausstellung bis zum 29. September 2012 im Willy-Brandt-Haus, Berlin

Das Buch: "Breaking the Silence - Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten" im Econ-Verlag

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools