Barack Obama steht mit dem Rücken zur Wand: Vor vier Jahren war er mit Visionen eines besseren Amerikas angetreten - auf seiner gegenwärtigen Wahlkampftour wirkt er seltsam matt. Hat er schon resigniert?

Obama ist in den USA auf Wahlkampftour© Michael Reynolds/DPA
Der Wahlkampfbus, mit dem der US-Präsident dieser Tage durch die Gegend kurvt, ist ein monströses Gefährt. Schwarz in schwarz, riesig, ein Ungetüm, das einem überdimensionalen Leichenwagen ähnelt. Passt überhaupt nicht zu einem so jugendlichen Typen wie Barack Obama.
Jeder, der den Präsidenten von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, ist überrascht, wie jung der Mann noch immer wirkt. Sicherlich, das Haupthaar ist grau geworden, die Gesichtszüge sind ernster als vor vier Jahren. Auch das freie, das unbeschwerte Lachen von einst ist verschwunden. Aber die jungen und älteren Frauen, die ihn in diesem heißen Sommertagen auf Wahlkampftour begrüßen, sind immer noch hingerissen.
"Er sieht verdammt gut aus", schwärmt eine junge, schwarze Frau in Parma (Ohio), kaum dass der Präsident dem großen Bus entstiegen ist. Das ist der erste Eindruck.
Der zweite Eindruck: Barack Obama weiß, dass er mit dem Rücken zur Wand steht. Er muss bangen und zittern, dass er kein "one term president" wird, ein Präsident, der nicht wiedergewählt wird. Die Konjunktur, die nicht recht anspringt, die Arbeitslosigkeit, die partout nicht sinken will, und die Umfragen, die nichts Gutes verheißen - schlimmer könnte es kaum kommen. Obama ist in die Defensive geraten - und er macht keinen Hehl daraus.
"Ich bin ganz bestimmt kein perfekter Präsident", gesteht er freimütig bei einem Wahlkampf-Stop in Parma (Ohio) ein. "Wenn Ihr noch an mich glaubt", fährt er fort, "wenn ihr noch an mich glaubt... dann werden wir das zu Ende bringen, was wir vor vier Jahren angefangen haben". Das hört sich an wie Bitten und Flehen - Siegesgewissheit klingt anders.
Obama auf Wahlkampftour: Es geht ins ländliche Ohio und nach Pennsylvania. Sieben Auftritte in zwei Tagen. Die kleinen Ortschaften, die er besucht, haben Namen wie Maumee, Sandusky und Parma. Das Publikum besteht aus treuen demokratischen Wählern, Arbeiter mit groben Händen und in Turnschuhen, viele ältere und beleibte Männer und Frauen in kurzen Hosen. Es sind Heimspiele für den Präsidenten. Stundenlang warten die Menschen in brütender Hitze, lokale Politmatadoren versuchen, die Stimmung anzuheizen - so recht gelingen will das nicht.
Kaum ist der Präsident auf der Bühne, beginnen die Rufe. "Four more years, four more years". Das klingt brav und trotzig - doch echt mitreißend kann man das kaum nennen. Eher ein fader Abklatsch vom enthusiastischen "Yes we can" in Obamas erstem Präsidentenwahlkampf.
"Irgendetwas fehlt", muss selbst Greg Lockhurst, 38, zugeben, ein eingefleischter Obama-Helfer, der sonst nichts auf seinen Präsidenten kommen lässt. "Es ist schwer zu sagen, aber es ist anders als vor vier Jahren", windet sich der Mann. Ist es der Enthusiasmus, der fehlt, die Siegesgewissheit, die damals vor vier Jahren herrschte, oder die Vision und das Selbstbewusstsein, die Welt zum Besseren zu führen?
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Barack Obama versucht, die Amerikaner von seiner Wiederwahl zu überzeugen...