Putin, Depardieu und der Weltuntergang

20. Dezember 2012, 13:13 Uhr

Die Welt geht morgen nicht unter, Gérard Depardieu ist ein guter Freund und Russland kein autoritärer Staat. Wladimir Putin nutzte seine erste große Pressekonferenz seit Jahren zur Selbstinszenierung.

Ich mache mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt " - die Zeile aus dem Pippi-Langstrumpf-Lied wäre eine hervorragende Einmarschmelodie für Wladimir Putin. Der russische Präsident hat eine seiner seltenen Pressekonferenzen gegeben. Ohne Zeitbegrenzung und thematische Vorgaben. Dafür mit viel Raum für die Inszenierung seiner Person und die Darlegung seiner Weltanschauung.

Es ist die große Bühne für Putin. Der Saal gefüllt mit hunderten Reportern. Er sitzt ganz allein an einem riesigen Schreibtisch. Die Wand hinter ihm leuchtet blau. Ab und an nippt er an seiner Teetasse. Begierig recken sich ihm Reporterarme entgegen. Wie brave Schüler melden sich die Journalisten. Jeder möchte seine Frage loswerden. Und Putin beantwortet die in epischer Breite, die er gut findet. Unangenehme schmettert er ab.

Über Rücken redet er nicht

Zu seinem Gesundheitszustand wollte er keine Auskunft geben. Gespräche über die Gesundheit seien Versuche, den Zustand der Macht infrage zu stellen, sagte Putin. "Warten Sie erst gar nicht darauf. Nutzen hätten die politischen Gegner, die versuchen, die Legitimität und die Leistungsfähigkeit der Macht in Zweifel zu ziehen." Zuletzt hatten Medien immer wieder über Rückenbeschwerden des Präsidenten berichtet. Der Kreml hatte stets beteuert, Putin sei gesund. Vielleicht auch deshalb jetzt die erste große Presserunde seit 2008 und ein bestens aufgelegter Präsident.

Auch auf der Agenda: die international umstrittene Haftstrafe für Putins schärfsten Kritiker Michail Chodorkowski. "Ich habe die Tätigkeit der Rechtsorgane überhaupt nicht beeinflusst", sagte der frühere Geheimdienstchef. Alles verlaufe gesetzeskonform. Ein Moskauer Gericht senkte am selben Tag die Strafe für Chodorkowski und dessen Ex-Geschäftspartner Platon Lebedew überraschend um zwei auf elf Jahre. Putin hatte den früheren Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos wiederholt als "Dieb" bezeichnet.

Seine Kumpel Depardieu und Assad

Vor dem Weltuntergang hat der 60-jährige Putin keine Angst. "Ich weiß, wann das Ende der Welt kommt - in etwa viereinhalb Milliarden Jahren, wenn ich mich richtig an den Lebenszyklus unserer Sonne erinnere." Jovial äußerte er sich auch zu der Frage, ob Gérard Depardieu, der derzeit in Belgien auf einen Pass wartet, um den französischen Steuern zu entgehen, die russische Staatsbürgerschaft bekäme. "Falls Gérard wirklich eine russische Aufenthaltsgenehmigung oder einen russischen Pass will, so ist diese Frage bereits positiv entschieden", sagte der Präsident. Allerdings fühle sich Depardieu als Europäer. "Er liebt sein Land und dessen Kultur sehr, er lebt sie." Depardieu mache gerade harte Zeiten durch. Putin betonte, er habe enge freundschaftliche Beziehungen mit dem Schauspieler - "obwohl wir uns wenig sehen".

Auch die Unterstützung des syrischen Präsidenten Baschar al Assad sicherte Putin zu. Er warnte vor dem Erfolg seiner Gegner. Es sei völlig unklar, was in diesem Falle passieren werde, sagte der russische Staatschef. "Wir wollen nicht, dass die heutige Opposition, einmal an der Macht, den Kampf mit der heutigen Regierung fortsetzt und dass das für immer so weitergeht", sagte Putin. Der Präsident kritisierte, dass zunächst alles zerstört und erst dann überlegt werde, wie es weitergehe. Eine Einigung auf Grundlage eines militärischen Sieges einer Seite sei "ineffektiv".

Erneut betonte Putin, dass die Syrer selbst die Krise lösen müssten. "Zunächst müssen sich die Menschen darauf einigen, wie sie weiter leben wollen und wie sie ihre Sicherheit sowie die Teilnahme an der Staatsverwaltung sicherstellen wollen, und dann kann erst die vorhandene Ordnung gemäß diesen Vereinbarungen verändert werden", sagte der Präsident. "Und natürlich interessiert uns die Position Russlands in dieser Region."

Menschenrechtsverletzung bei uns?

Weniger auskunftsfreudig, aber durchaus angriffslustig reagierte Putin auf innenpolitische Fragen. So verteidigte er das geplante Adoptionsverbot für russische Kinder durch US-Familien. Misshandlungen würden in den USA nicht verfolgt, deshalb sei das Gesetz richtig, so der Kremelchef. Die USA lebten in der Vergangenheit, wenn sie ein anti-russisches Gesetz gegen ein anderes austauschten. Auch die USA würden Menschenrechte verletzen, etwa auf Kuba im Lager Guantánamo. "Stellen Sie sich vor, bei uns gäbe es das", sagte Putin.

Und den Vorwurf, dass Russland ein autoritärer Staat sei, entkräftete Putin für sich überzeugend. "Der beste Beweis ist meine Entscheidung, meinen Posten nach zwei Amtszeiten zu verlassen." Hätte er den Weg des Autoritarismus gewählt, hätte er die Verfassung geändert. "Das wäre leicht gewesen." Putin hatte 2008 nach zwei Amtszeiten als Präsident nicht erneut antreten können. In einer Abmachung überließ er Ministerpräsident Dmitri Medwedew die Präsidentschaft. Nach dem Ende von dessen Amtszeit trat Putin dann dieses Jahr erneut zur Präsidentenwahl an, während Medwedew zurück auf den Posten des Regierungschefs wechselte. Der Opposition warf Putin vor, sie sei nur daran interessiert, das bestehende System zu zerstören.

Putin und die Journalisten

Blanker Hohn war Putins Reaktion auf die Arbeitsbedingungen für Journalisten in Russland. Immer wieder werden Reporter bedroht oder ermordet. Auch einer der bekanntesten Morde an der kremlkritischen Reporterin Anna Politkowskaja 2006 ist noch immer nicht vollständig aufgeklärt. Der Staat tue alles, um sie zu schützen, sagte Putin. "Aber man kann nicht neben jeden einen Leibwächter stellen." Glücklicherweise ließen sich die Journalisten von derartigen Taten nicht abschrecken: "Ziel ist es, Angst zu verbreiten. Aber das klappt nicht." Und daher plauderte Putin über Stunden ganz ungezwungen mit den Journalisten.

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