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Wird er zum Retter Europas? Der unglaubliche Aufstieg des Emmanuel Macron

Optimistisch und weltoffen – so gewann der Quereinsteiger Emmanuel Macron die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahl. Nun ruht die Hoffnung auf ihm, in der Stichwahl die Rechtspopulistin Marine Le Pen zu schlagen und Europa vor dem Zerfall zu retten.

Emmanuel Macron lässt sich feiern

Emmanuel Macron mit Frankreich- und Europaflaggen: Er lässt sich nach dem Sieg im ersten Wahlgang feiern

Ein Samstagvormittag in einer Messehalle in Bordeaux. Frankreichs Mittelstand präsentiert seine Betriebe, Mähdrescher dröhnen, monströse Trecker, dazu Hunderte von Schülern. Emmanuel Macron, der an diesem Sonntag Frankreichs Präsident werden will, besichtigt die Maschinen wie ein Reeder das Unterdeck eines Frachters. Aha, so sieht das also alles aus. Er will Hände schütteln, aber dann müssen die Männer erst ihre Schutzhandschuhe ausziehen. Irgendwann streichelt er ein Schaf. Es wirkt genau so fehl am Platz wie er.

Wenn man Emmanuel Macron so sieht, ohne Bühne und ohne Ton, kann man sich kaum vorstellen, dass dieser adrett gescheitelte junge Mann gerade dabei ist, ein Land zu erobern.

Vor Publikum allerdings – als ob ein Schalter umgelegt würde: Seine Auftritte sind Verkaufsveranstaltungen, euphorisch und voller Inbrunst. Die weit ausgestreckten Arme gehören zu seinen Lieblingsgesten. Wie Jesus am Kreuz.

Macron wäre auch ein guter Schauspieler geworden

Macron Président – ein Jahr lang haben er und sein Team darauf hingearbeitet. Und jetzt steht er mit seiner Bewegung "En Marche!" tatsächlich vor dem Einzug in den Élysée-Palast. Es ist der Sieg eines Quereinsteigers über die etablierten Parteien. Und es ist der Sieg einer Kampagne für Europa, für ein weltoffenes Frankreich. Das Gegenbild zu den Untergangsszenarien Marine Le Pens. Als Zweitplatzierte der ersten Runde wird sie am 7. Mai ebenfalls in der Stichwahl antreten – vermutlich chancenlos.

Um kurz nach zehn tritt Emmanuel Macron am Abend seines Wahlsiegs auf die Bühne. Es ist eine für seine Verhältnisse stille, fast schlichte Rede: Er werde der Präsident der Patrioten sein, die sich gegen die nationalistische Bedrohung stellen, sagt er mit einem Seitenhieb gegen den Front National. Die letzten Wochen waren hart, aber auch jetzt, am Ende dieser ersten Runde, steht er so frisch und gebügelt auf dem Podium, als hätte man ihn gerade aus der Reinigung geholt.

Wenn man während des Wahlkampfs eine Weile mit ihm durchs Land gereist ist, fragt man sich, wie das geht. Wie ein Mensch von morgens bis abends so sein kann. So zackig, so aufgeladen, so beflissen. Und das alles, ohne angestrengt zu wirken – im Gegenteil, je hektischer es um ihn herum zugeht, desto empathischer wird er. Scherzt mit seinen jungen Mitarbeitern wie der nette Lehrer auf Klassenfahrt; Schulterklopfen, Augenzwinkern, hey, wir sind ein Team. Um dann im nächsten Moment mit eindringlichem Blick die Hand einer Zuschauerin zu ergreifen. "Je vous écoute, Madame." Ich höre Ihnen zu.


Als Emmanuel Macron im November 2016 seine Kandidatur für das Präsidentenamt bekannt gab, wussten die meisten Franzosen überhaupt nicht, wer er ist. Und wenn doch, hatten sie ihn nicht in besonders guter Erinnerung: Von 2014 bis 2016 war er François Hollandes Wirtschaftsminister gewesen und hatte mit seiner "Loi Macron" ein Reformpaket vorgelegt, gegen das wochenlang protestiert wurde. Hinzu kam seine Vergangenheit als Investmentbanker. Das Image des neoliberalen Finanzpolitikers musste er so schnell wie möglich loswerden.

Schon damals half, dass er ein guter Geschichtenerzähler ist. Dass er Publikum mag. Und genau weiß, wie er wirkt. Er kann in Sekundenschnelle Begeisterung hervorrufen und dabei auch noch auf die Reaktion seines Gegenübers eingehen. Diese Gabe hat seinen Aufstieg beflügelt. Es gibt viele, die sagen, er wäre auch ein guter Schauspieler geworden. Zum Beispiel seine Frau.

Die Liebesgeschichte von Emmanuel und Brigitte Macron ist so schön wie ein französischer Liebesfilm. Sie handelt von Leidenschaft, Hingabe und Drama, akzentuiert durch das hinreißende Detail, dass Brigitte Macron 24 Jahre älter ist als ihr Mann. Kennengelernt haben sie sich 1993 in Amiens, ihrer beider Heimatstadt nördlich von Paris. Ein gutbürgerliches Idyll mit gepflegten Häusern, vielleicht ein bisschen spießig. Brigitte Auzière, wie sie damals noch hieß, gut betuchte Tochter der stadtbekannten Kuchenbäckerdynastie Trogneux, ist Französischlehrerin am ehrenwerten Jesuiten-Lyzeum Providence. Außerdem leitet sie dort die Theatergruppe. Emmanuel Macron, zu der Zeit 15 Jahre alt, debütiert in der Rolle einer Vogelscheuche.

Schon damals half, dass er ein guter Geschichtenerzähler ist

Der brillante und an Literatur interessierte Schüler, so sagt seine Lehrerin später, habe sich voller Begeisterung in die Arbeit gestürzt. Nach der Aufführung treffen sie sich monatelang freitags, um zusammen ein Theaterstück zu schreiben – es ist ihr erstes gemeinsames Projekt.

Bis heute erzählen sie gern, wie alles anfing. Wie aus ihrer intellektuellen Komplizenschaft allmählich Nähe wurde, so innig, als hätten sie sich schon immer gekannt. Mit einem Heiratsantrag und dem Versprechen, sie niemals aufzugeben, verlässt Emmanuel Macron das Lycée und die Stadt; es hatte wohl Gerede gegeben. Er macht Abitur in Paris, studiert an der Elitehochschule ENA. Den Kontakt zueinander verlieren sie nicht. Brigitte Auzière trennt sich von ihrem Ehemann und zieht nach Paris. Ihren drei Kindern erklärt sie behutsam, dass sie zu einem anderen gehört. 2007 heiraten die beiden in Amiens, und zwar so, als wollten sie ein großes Ausrufezeichen hinter ihre Beziehung setzen: ein glamouröses Fest, auf dem auch gefeiert wird, dass sie "ein nicht ganz normales Paar" sind, wie der Bräutigam es formuliert.

Wenn Emmanuel Macron an diesem Sonntag gewinnt, wäre er nicht nur der jüngste Präsident in der Geschichte Frankreichs. Er brächte auch eine bemerkenswerte Familienkonstellation mit: Stiefvater dreier Kinder, die zum Teil älter sind als er selbst; dazu siebenfacher Stief-Opa. Und das alles mit 39 Jahren.

Seine Frau – mehr als nur Dekor

Brigitte Macron ist wichtig für seinen Erfolg – vor allem bei den Wählerinnen. Freundschaftlich und mit dem ihr eigenen natürlichen Selbstbewusstsein begleitet sie ihren Mann, man kann regelrecht sehen, wie die Herzen ihr zufliegen, nicht nur auf Facebook. Eine Ehefrau wie sie hat es in der französischen Politik lange nicht gegeben. Sie ist keine Dekoration an seiner Seite. Aber auch keine Überfliegerin im Businesskostüm. Einfach eine Lehrerin im Ruhestand, die gern enge Lederhosen trägt und sich einen Spaß daraus macht, Unausgesprochenes auf den Tisch zu bringen. "Natürlich hoffe ich, dass Emmanuel jetzt gewinnt", sagt sie eines Abends zu einem Journalisten. "Stellen Sie sich doch mal vor, wie mein Gesicht in ein paar Jahren aussehen wird!"

Emmanuel Macron, der immer ein bisschen aufpassen muss, dass er nicht zu glatt wirkt, wird durch ihre leutselige Beherztheit geerdet. Ist doch cool, dass er sich diese Frau ausgesucht hat – ein Satz, den man in seinem Umfeld häufig hört.

Zu Beginn des Wahlkampfes ließen sich die Macrons von einem Kamerateam begleiten. Man sieht, wie Brigitte seine Redemanuskripte verbessert, wie sie seine Intonation korrigiert und an seiner Rhetorik feilt. Ein Paar auf Augenhöhe, das ist der Subtext dieser Szene. Und auch: Emmanuel Macron ist ein Politiker, der Ratschläge annimmt. Der im Team arbeitet. Ein wichtiges Signal. Das Wort "Wir" ist der Schlüsselbegriff seiner Kampagne. Der Gründungsmythos von "En Marche!". Inzwischen haben sich über 200 000 Menschen Macrons Gruppe angeschlossen. Sie hat mehr Mitglieder als die Sozialistische Partei.

Seine Pläne: Er will den Unternehmergeist der Franzosen anstacheln. Das Arbeitsrecht reformieren, um Firmengründungen zu erleichtern. Er will eine Arbeitslosenversicherung für alle Beschäftigten – auch Selbstständige – einrichten. Die allerdings soll dann vom Staat verwaltet werden, nicht mehr von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Wer seinen Job verliert, soll weitergebildet werden, das sei besser, als nicht mehr zeitgemäße Arbeitsplätze zu erhalten. Und überhaupt: Alles muss schneller und beweglicher werden, das Land, der Apparat, die Menschen!

Der "Uber-Mensch"

Wenn man ihm wohlgesinnt ist, sieht man darin ein Mobilisierungsprogramm für die Mitte. Wenn nicht: die Vision eines ehemaligen Bankers, der mit hübscher Verpackung die Idee einer neoliberalen "start-up nation" verkaufen will. Und da ist man in Frankreich äußerst empfindlich. "UberMensch" wird Macron von seinen Kritikern genannt. Weil seine Politik – wie der Taxikonkurrent Uber – einzig auf Wettbewerb und Effizienz ausgerichtet sei. Die Franzosen lassen sich ihren Sozialstaat nicht so einfach wegnehmen. Sie betrachten ihn nicht als Privileg, sondern als Recht. Das weiß natürlich auch Macron.

Wirtschaftlichen Aufschwung erhofft er sich unter anderem durch Investitionen in der Eurozone, für die er einen eigenen Haushalt vorschlägt. Wenn Europa wieder stärker zusammenrückt, wird es am Ende allen besser gehen: Das ist ein Teil seiner Botschaft – Deutschland und Italien sind für ihn dabei die wichtigsten Partner.

Tatsächlich hat Emmanuel Macron sich mit "En Marche!" ein Experten-Netzwerk zusammengebaut. Er will Ideen von links und rechts aufgreifen, um daraus etwas Neues zu machen. Dahinter steckt jedoch nicht nur die Ungeduld eines Überfliegers, dem eine Parteikarriere zu lange gedauert hätte. Sondern die Überzeugung, dass die französischen Großparteien ein Problem haben: Die gemäßigten rechten und linken Flügel haben miteinander mehr Gemeinsamkeiten als mit den Außenflügeln ihrer Partei.

In seiner Zeit als Wirtschaftsminister empfand Macron die Grabenkämpfe in der Regierung Hollande als Dauerblockade. Reformen gingen ihm nicht schnell genug, Ideen kamen nicht voran. Einmal soll er seinen Kollegen per SMS ein Foto geschickt haben. Ein Schild mit der Aufschrift: "Internationales Institut für Prokrastination. Bitte kommen Sie morgen wieder."

Vielleicht überlegte er damals schon, wie man die Sache anders angehen könnte. Emmanuel Macron, der Mann mit den vielen Talenten, nimmt gern Abkürzungen. Als Quereinsteiger ist er in die Politik gekommen. Und von dort soll es nun direkt nach oben gehen.

Natürlich haben sie ihm Verrat vorgeworfen

Die Eroberung des Präsidentenpalastes ist das wohl größte Gemeinschaftsprojekt des Ehepaars Macron. Erkennbar wird es erstmals am 30. August 2016. Die Kameras des in Frankreich dauerpräsenten Fernsehsenders BFMTV filmen, wie Emmanuel Macron, damals noch Wirtschaftsminister, vor seinem Amtssitz in Bercy in ein Boot springt. Hektisch löst die Besatzung die Leinen, das Boot düst die Seine entlang, Richtung Élysée. Dort informiert Macron Präsident Hollande über seinen Rücktritt. Es ist der spektakuläre Auftakt dessen, was folgen wird: Emmanuel Macron Président. Seine Bewegung "En Marche!" ist zu diesem Zeitpunkt bereits stabil. Zehn Wochen nach seiner Amtsniederlegung gibt Macron seine Kandidatur bekannt.

Natürlich haben sie ihm Verrat vorgeworfen. Der Emporkömmling, der seinem Gönner in den Rücken fällt, fast wie bei Shakespeare. Mit dem Unterschied, dass Hollande zu diesem Zeitpunkt kein strahlender Herrscher ist, sondern der unbeliebteste Präsident aller Zeiten.

Vielleicht hat Emmanuel Macron genau gespürt, wie weit sich die Politik von der Welt entfernt hat. Vielleicht ist er wirklich ein Überzeugungstäter. Vielleicht ein intellektueller Populist. Frankreich ist so schön, wenn Emmanuel Macron von ihm erzählt. Mit Macron haben die Franzosen Optimismus gewählt.

Sollte er nun Präsident werden, scheint es gut möglich, dass sie "En Marche!" auch bei den Parlamentswahlen im Juni mit der Regierungsverantwortung betrauen werden – Nicolas Sarkozy und Francois Hollande wurden als frisch gekürte Präsidenten ebenfalls mit soliden Mehrheiten gestärkt. Macron hat angekündigt, in allen Wahlkreisen Kandidaten aufzustellen. Aber bislang ist "En Marche!" vor allem ein großes Versprechen.

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