Wer auch immer die Präsidentschaftswahl am 22. April für sich entscheidet, ändern wird sich in Frankreich kaum etwas. Denn das Volk ist zwar unzufrieden, wehrt sich aber gegen jede Neuerung. Von Tilman Müller

Nicolas Sarkozy, Ségolène Royal und François Bayrou (v.l.)© stern-Montage; Fotos: Emmanuel FRADIN (2); BOB EDME/AP
Frankreich ist ein traumatisiertes Land, welches das Bett hüten muss und dem man, nachdem es fein zugedeckt ist, Schlaflieder vorsingen muss, damit es einschlummert, sonst könnte es am Ende noch Streit mit seinen Regierenden anfangen.
Franz-Olivier Giesbert, Herausgeber des Pariser Magazins "Le Point"
Sie nehmen zweimal am Tag warme Speisen zu sich, schätzen Weine bereits zu Mittag und leisten sich schon seit Jahren die 35-Stunden-Woche. Ihre Kinder sind von morgens bis abends in Krippen untergebracht, ihre Familien zwei Monate im Sommerurlaub. Unübertrefflich ihre Kosmetika und ihre 350 Käsesorten, berauschend ihr Dom Pérignon und ihre Dessous, und bei alledem sprechen sie noch von der "exception française". Von der Besonderheit ihres außergewöhnlichen Lebensentwurfs, der bei knappen Staatskassen zwar auf der Kippe steht, aber noch immer soziale Besitzstände bietet, die geradezu einzigartig sind.
In der Grande Nation lebt man gut. "Agréable", sagen die Franzosen, muss das Leben sein - angenehm und erfreulich, sonst macht es keinen Spaß. Eine Weisheit, der sich kein Politiker verschließen kann im Mutterland der Aufklärung, das mit großer Fanfare seit 1789 Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verheißt. Vor Kurzem erst schloss Präsidentschaftskandidat François Bayrou eine zweistündige Rede mit einem Ausruf, der bei uns nur Kopfschütteln hervorrufen würde, in Frankreich hingegen tausendfachen Jubel auslöste: "Vive la vie" - es lebe das Leben.

Clochard de luxe - Clement Abraham hat sich an einer Straßenkreuzung in Paris mit Sessel und TV eingerichtet© Emmanuel Fradin und Peter Rigaud
So manche Annehmlichkeit, mit der die Franzosen durchs Leben gleiten, ist indes zwiespältig. Ihr gigantischer Pillenkonsum etwa, 2,7 Milliarden Schachteln Medikamente im Jahr - Europarekord. Auch was die Anzahl ihrer "sondages" betrifft, die Umfragen zu allen möglichen Problemen, ist die Republik führend. Wie ein bettlägeriger Patient wird das 60-Millionen-Volk Tag und Nacht observiert; die Zeitungen sind voll mit den Bulletins der Meinungsforscher über die Länge der Babypause, die Häufigkeit des Oralverkehrs oder die Höhe zu erwartender Rentenbudgets.
Doch nun, wo es um die Thronfolge im Elysée-Palast geht, donnert das Umfragegewitter erst richtig los. Täglich neue Zahlen, jede Kandidatenaussage zieht unweigerlich neue Umfrageresultate und oft abenteuerliche Kehrtwendungen der Politiker nach sich. Der konservative Innenminister und Kandidat Nicolas Sarkozy etwa hatte lange und lautstark die "rupture" gefordert, den Bruch mit dem aufwendigen Sozialsystem. Doch als Umfragen ergaben, dass drei von vier Franzosen die "rupture" ablehnen, sprach der Favorit der Wahlen am 22. April zuerst von "rupture tranquille", einem sanften Bruch, dann verschwand das Schlagwort komplett aus seinem Vokabular.
Die Umfragemanie hat das ganze Land erfasst, die renommierte Zeitung "Le Monde" spricht bereits von einer "harten Droge, die frei verkäuflich ist". Denn jeder vierte Franzose gilt as unentschieden. Profitiert von dieser Gier hat zuallererst die "Madonna der Prognosen", die Sozialistin Ségolène Royal. Aus dem Nichts stieg ihr Stern über Monate, dann sackte sie plötzlich ab, kam wieder zurück und liegt derzeit deutlich hinter Sarkozy. Nur dürftig überspielt das allgegenwärtige Zahlen-Jo-Jo jedoch die tiefe Kluft zwischen Frankreichs Führungskaste und ihren rebellischen Untertanen. Seit der Revolution von 1789 stehen sich Bürger und Staat praktisch ohne Zwischeninstanz gegenüber. Parlament und Parteien haben in dem zentralistisch verfassten Land wenig Gewicht; der Präsident trifft alle wesentlichen Entscheidungen allein. Doch wehe, das Staatsoberhaupt beschneidet die sozialen Besitzstände - dann geht das Volk sofort auf die Barrikaden. Wie vor einem Jahr, als Millionen so lange gegen eine Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufseinsteiger bis 26 Jahre demonstrierten, bis die Regierung klein beigab. "Wir lassen uns nicht wegwerfen wie ein Kleenex-Tuch", riefen die Demonstranten zwischen Nantes und Nizza, auch wenn dort weit weniger befristete Arbeitsverträge abgeschlossen werden als etwa in Deutschland. Der "angelsächsische Liberalismus" ist ihr Schreckgespenst, obwohl französische Arbeitsgerichte meist zugunsten der Arbeitnehmer entscheiden. Lediglich 36 Prozent der Bürger, halb so viele wie in Deutschland, bejahen in Frankreich die freie Marktwirtschaft. In keinem Industriestaat der Welt ist der Kapitalismus dermaßen unbeliebt.
So oft schon hat sich Frankreichs Hofstaat dem Druck der Straße gebeugt, dass das Land inzwischen als nicht reformierbar gilt. Und seine Bevölkerung als weitgehend nicht regierbar. Ihr Unruhepotenzial zeigte sich im Herbst 2005, als die Vorstädte brannten. Der Protest gärt nicht nur unter den rund acht Millionen Franzosen, die an oder unter der Armutsgrenze leben - er hat auch Teile der Mittelschicht erfasst, weil sie immer weniger im Portemonnaie hat. Viel Spielraum für neue Programme bleibt da in Frankreichs blockierter Gesellschaft keinem der drei aussichtsreichsten Anwärter für den Elysée. Gewinnen wird, wer die Wähler am besten verführen kann. "Es geht darum", so der Kommentator Phillippe Labro, "mit wem man demnächst ins Bett geht, wenn um 20 Uhr die Abendnachrichten beginnen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2007