Der Iran wählt, doch kaum einer macht mit. Im Interview mit stern.de sagt die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi warum sie selber nicht wählt, wieso die Mullahs nicht an allem Schuld sind und wieso es den Frauen im Land immer besser geht.

Ebadi auf der "Yes To Peace, No To War"-Konfernez in Teheran: "Der Westen vergisst vor lauter Atom-Streit die Menschenrechte"© Morteza Nikoubazl/Reuters
Nein. Ich bin seit der islamischen Revolution noch nie zur Wahl gegangen.
Bei uns müssen sich Kandidaten, die an einer Wahl teilnehmen wollen, erst eine Genehmigung vom Wächterrat besorgen. Solange das so bleibt, gehe ich nicht zur Wahl.
Die Erfahrung der letzten 30 Jahre zeigt: Der Wächterrat schließt immer die von der Wahl aus, die die Regierung kritisieren. Dieses Mal sind viele Kandidaten sogar ohne Angabe von Gründen disqualifiziert worden. Und nach der Wahl müssen alle Gesetze, die das Parlament verabschiedet, erst vom Wächterrat genehmigt werden, bevor sie in Kraft treten.
Genau. So geschah es mit der internationalen Anti-Folter-Konvention, die das Parlament vor einigen Jahren ratifiziert hatte und mit vielen anderen Gesetzesvorhaben. Ich frage mich: Wozu braucht man denn ein Parlament, wenn der Wächterrat in allen Dingen das letzte Wort hat?
Nein. Auch die Regierung hat sich nicht korrekt verhalten: Sie hat im Wahlkampf nicht allen Kandidaten gleichmäßigen Zugang zu Fernsehen und Radio gewährt. Und das obwohl der Iran alle maßgeblichen internationalen Abkommen unterschrieben hat, die festlegen, wie freie und faire Wahlen auszusehen haben. Außerdem gibt es im Iran immer noch Gesetze, die diesen Abkommen zuwider laufen.
Das Gesetz, das festlegt, dass die religiösen Minderheiten wie die Juden oder die Zarathustrier nur einen einzigen Vertreter im Parlament haben dürfen. Und dass sie nur für Angehörige ihrer eigenen Religion stimmen dürfen. Und dass Muslime nur für Muslime stimmen dürfen.
Keine Ahnung. Ich bin Anwältin und Menschrechtsaktivistin, keine Soziologin.
Solche Dinge passieren, wenn eine Regierung nicht auf die rechtmäßigen Forderungen ihrer Bürger hören will.
Nein. Die Frauen sind heute stärker, als jemals zuvor.
Sie sind besser ausgebildet und kennen ihre Rechte besser. 65 Prozent der Universitätsabsolventen im Iran sind heute Frauen. Sie lassen sich nicht mehr von diskriminierenden Gesetzen einschüchtern.
Die Politiker im Westen haben vor lauter Atom-Streit die Menschenrechte im Iran vergessen. Sie täten gut daran, sich mehr für Demokratie und Menschenrechte im Iran einzusetzen, statt sich zu sehr auf die Atom-Frage zu konzentrieren.
Zur Person Die Menschenrechtsaktivistin Ebadi wurde als erste Frau im Iran zur Richterin ernannt und war von 1975 bis Die 61-Jährige Shirin Ebadi übernahm 1979 als erste Frau Vorsitzende das Teheraner Stadtgericht. Mit dem Sturz des Schah-Regimes musste sie ihres Geschlechts wegen das Richteramt aufgeben. Seither arbeitet sie als Anwältin und setzt sich unter anderem für politische Gefangene, benachteiligte Frauen und Kinder ein. 2003 wurde sie mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet. Ihre 2002 gegründete Menschenrechtsorganisation wurde von den Behörden verboten worden.