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20. März 2008, 10:38 Uhr

Bushs Speerspitze gegen Saddam

Er war der Mann, der Amerika 2003 in den Irak führte. Er war der Mann, der die Truppen auf den Feldzug einschwor. Und doch hatte General William S. Wallace Zweifel an der Strategie. Er sei zu zögerlich, schlug es ihm dafür aus dem Bush-Lager entgegen. Dem stern hat Wallace berichtet, wie er den Krieg heute sieht. Von Giuseppe Di Grazia

William S. Wallace schwört seine Truppen auf den Marsch auf Bagdad ein© Jason Reed/Reuters

Es gibt einen Gedanken, eine Frage, die ein General vor einem Krieg mit niemandem gerne bespricht. Es ist die Frage: Wie viele meiner Soldaten wird es erwischen? Jeder Einzelne ist einer zu viel, das versteht sich von selbst, aber darum geht es nicht, so zynisch sich das auch anhören mag. Ein General denkt anders, er muss anders denken: Wie viele Verluste sind akzeptabel, um das Ziel dieses Krieges zu erreichen?

General William S. Wallace sitzt in der Wüste Kuweits. Er hat weit weg von seinem Lager im Sand einen einfachen Stuhl und einen kleinen Holztisch aufgestellt. Wallace ist mit sich und der Wüste allein. Es ist der 19. März 2003, es ist der Tag vor dem Ausbruch des Krieges im Irak. Er denkt lange nach. Er hat am Ende keine Antwort, die ihn ruhiger oder gar sicherer macht. Er verspürt das Bedürfnis, zu den Soldaten zu sprechen. Er wird die Invasion der USA im Irak leiten.

Eine unvorbereitete Ansprache

Er geht zurück zu den Truppen. Er hat nichts vorbereitet für seine Ansprache. Er steigt auf die Ladefläche eines Militärtransporters. Die Soldaten hören auf zu reden. Es mögen so um die 3000 Soldaten sein, die sich dort unten versammelt haben. William fängt an zu sprechen. Er brüllt die Worte nicht heraus. Er spricht leise. Er möchte, dass sie ihm wirklich zuhören.

Er sagt: Mein Name ist William S. Wallace, und ich gebe niemals auf. Meine Vorfahren stammen aus Schottland, und die haben auch niemals aufgegeben. Ich bin der Kommandant des 5. Korps und ich habe die Ehre, euch alle anzuführen. Und wenn einige von euch zum ersten Mal in einen Krieg ziehen und besorgt sind und nervös, dann sage ich zu diesen Soldaten nur: Willkommen im Club! Denn, egal, wie viele Schlachten wir Alten schon geschlagen haben - wir sind jedes Mal besorgt und nervös.

Beitrag für eine sicherere Welt

General Wallace erzählt von Saddam Hussein. Er erzählt, wie sehr das Volk unter diesem Despoten zu leiden hätte. Ihm kommen Gedanken an 9/11, natürlich 9/11, die stürzenden Türme. Wie könnte er an so einem Tag nicht an 9/11 denken? Er sagt zu den Soldaten: Ich möchte nicht, dass meine Enkelkinder in einer Welt groß werden, in der sie ständig Angst haben müssen, ein Flugzeug zu besteigen. Oder mit dem Bus in die Schule zu fahren. Unser Einsatz hier ist unser Beitrag, die Welt ein wenig sicherer zu machen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir hier das Richtige tun.

General Wallace redet etwa 20 Minuten. Am Ende verspricht er den Soldaten: Ich werde versuchen, immer die beste Entscheidung für euch zu treffen. Es ist der einzige Satz, den Wallace herausbrüllt. Es ist der Moment, den der Fotograf auf diesem Bild festhält.

Er erzählt von Sorgen und Gefühlen

Das Foto liegt seit gut einer halben Stunde auf einem schweren, tiefen Holztisch in einem improvisierten Büro des Convetion Centers von Fort Lauderdale, Florida, wo die US Army gerade eine internationale Militärkonferenz abhält. General William Wallace, 57, hat das Foto zu Beginn des Gesprächs in die Hand genommen, seine randlose Brille aufgesetzt und nur einen kurzen Augenblick draufgeschaut. Fünf Jahre ist das nun schon her. Er hat sich sofort an alles erinnert. Für einen Militärmann hat Wallace eine überraschend angenehme Stimme und eine überraschende Gabe: Er hat nicht nur die Fakten in seinem Kopf gespeichert. Er erzählt auch von Stimmungen, Sorgen und Gefühlen.

Die Menge brach nach seiner Rede nicht in Jubel aus und auch nicht in Kampfgeschrei. Die Soldaten sprachen sich gegenseitig Mut zu für eine Sache, von der die meisten überzeugt waren. Aber die Männer, das wusste Wallace, fürchteten sich vor den Waffen, die der Feind einsetzen könnte. Chemische Waffen.

Vater, Lehrer und Kommandant

William S. Wallace wirkt nicht einschüchternd, wie man das von einem General erwartet, gerade von einem US-General. Er ist eher einer dieser Vorgesetzten, die man nicht enttäuschen möchte. Die Soldaten sagen über ihn, er sei Vater, Lehrer und Kommandant in einem. Sie vertrauen ihm. Und das ist einem wie Wallace wichtiger als das, was seine eigenen Vorgesetzen über ihn denken.

Der Krieg war noch nicht mal eine Woche alt, da sollte Wallace schon abgelöst werden. In wenigen Tagen war er mit seinen Truppen von Kuweit Richtung Bagdad gestürmt, es sah nach einem amerikanischen Triumph aus. Doch Wallace war beunruhigt. Die Amerikaner trafen nicht, wie sie erwartet hatten, auf irakische Soldaten. Sie mussten gegen kleine paramilitärische Gruppen, die Fedajin, kämpfen. Wallace war damals in Vietnam dabei gewesen, er weiß, dass die US Army sich immer schwer tut mit dieser Art des Krieges.

Beeindruckt und verstört

Die Fedajin, Krieger in Zivil, ausgerüstet mit Panzerfäusten und selbstgebastelten Minen, lockten die technisch hochüberlegenen Amerikaner in Hinterhalte. Wallace war beeindruckt und verstört zugleich, wie diese Männer sich ohne jegliche Absicherung in den Kampf warfen, als zähle ihr Leben nichts.

Viele der Fedajin versteckten sich in Städten und Dörfern, die von den US-Truppen bei ihrem Vormarsch auf Bagdad unberührt blieben. Wallace ahnte, welche Gefahr von ihnen ausgehen würde, wenn sie nicht sofort verfolgt würden. Sie würden ihre Angriffe nach dem Fall Bagdads fortsetzen und den Irak in ein Chaos stürzen und die Besatzer zur Verzweifelung bringen.

Ein anderer Feind als erwartet

Wallace schlug der Kriegsleitung vor, den Marsch auf Bagdad zu verzögern, um zuerst die Fedajin zu bekämpfen. Zu einem Reporter der "New York Times" sagte er: "Der Feind, gegen den wir kämpfen, ist ein anderer, als der, auf den wir uns in unseren Kriegsspielen vorbereitet haben."

Der Artikel verursachte einen "shit storm", wie Wallace es heute lächelnd nennt. General Tommy Franks, der Befehlshaber der US-Truppen am Persischen Golf, wollte Wallace entlassen. Er warf ihm eine zögerliche Haltung vor und Kritik an seinen Plänen - und denen von Verteidigungs-minister Donald Rumsfeld. Beide träumten ja von einer Art Blitzkrieg. Es war eine von vielen Fehleinschätzungen der beiden.

Viele Soldaten und Zivilisten mussten sterben

Die anderen Generäle bewahrten Wallace vor einer Ablösung. Er und seine Soldaten nahmen Bagdad sofort ein. Nach der Eroberung konnten die Besatzer das Chaos nicht verhindern, und sie bekamen es für mehrere Jahre nicht in den Griff. Viele amerikanische Soldaten und viele irakische Zivilisten mussten deshalb sterben.

Wallace wurde im Juli 2003 aus dem Irak abgezogen und zum Leiter des "Training and Doctrine Command" ernannt. Er ist nun so etwas wie einer der Vordenker des amerikanischen Militärs. An diesem Morgen in Fort Lauderdale hat er einen Vortrag gehalten und dabei seinen neuen Leitfaden für die US Army vorgestellt, das "Field Manual 3:0 - A blueprint for an uncertain future". In diesem Buch hat Wallace viele Lehren aus dem Irakkrieg verarbeitet. Eine der wichtigsten lautet: "Man sollte ein Problem genauestens kennen, bevor man hingeht, um es zu lösen." Es ist ein banaler Satz, aber für das alte, hochmütige Amerika ist es ein bemerkenswerter Satz.

Ein Exemplar des neuen Handbuches liegt auf dem Tisch neben dem Foto von 2003. Wallace schaut sich beides eine Weile an und sagt: "Ich bin heute ein viel besserer Kommandant als vor fünf Jahren. Ich habe viel gelernt im Irak."

Wenn Sie nun zurückblicken, General, war dieser Krieg richtig? Hat er sich gelohnt? Wallace zögert mit der Antwort, nach einer Weile sagt er: "Ja. Die Welt ist besser geworden. Das Leben für die Iraker ist besser geworden. Trotz allem."

Und die Verluste, die Tausenden von Toten, die zerstörten Familien, die verstörten Heimkehrer - waren sie akzeptabel?

Er schaut einen lange an. Er sagt dann doch noch was. Er sagt: "Wer kann das schon beantworten?"

Wenn das Amerika von heute, das sich selbst hinterfragende, das nicht mehr so große und selbstgerechte Amerika sprechen könnte, dann spräche es vermutlich wie General William S. Wallace.

Mehr dazu ...

Mehr dazu ... ... im aktuellen stern.

Von Giuseppe Di Grazia
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
H.Heine (20.03.2008, 15:47 Uhr)
Besser?
Herr Di Grazia sollte bei all seinen pathetischen Worten und "kritischen" Fragen nicht die Realität aus den Augen lassen. Die Welt ist kein bißchen besser geworden und Wallace hat weder vorher noch nachher einen nachhaltigen Beitrag dazu geleistet. Wallace sollte auch als Kommandeur erkennen, dass er nur ein kleines Rädchen in einem sehr großen Getriebe ist. Unter Saddam Hussein hat es Willkür, Folter, extralegale Hinrichtungen gegeben? Was genau ist denn jetzt anders, geschweige denn besser?
Wie gesagt Herr Di Grazia, wenn sie pathetische Worte in einem Nichtssagenden Artikel unterbringen wollen, brauchen sie nicht unbedingt einen Ex-Kommandeur zu interviewen.
DocS1977 (20.03.2008, 13:53 Uhr)
Was ein Vollidiot
Wenn er bei Saddam an 9/11 denkt, dann ist er nur ein weiterer Vollidiot der den Lügen aufgesessen ist. Es ist eine Tatsache, dass Saddam sich 1x mit Bin Laden getroffen hat, und danach Bin Laden als eine Gefahr für den Irak eingestuft hat. Al Quaida konnte erst nach Saddams Sturz im Irak Fuß fassen, dank Bush. Jetzt müssen die Amis sich dank dessen im Irak mit Al Quaida rumschlagen. Aber es gibt immer noch Amerikaner die bis heute nicht checken oder nicht checken wollen, dass sie belogen und betrogen worden sind.
shine (20.03.2008, 13:47 Uhr)
Von wegen besser geworden...
Die Welt ist überhaupt nicht besser geworden, es war auch kein "edler Auftrag" den die da unten ausgeführt haben, Al-Qaida ist -wenn es das überhaupt als Organisation gibt!- größer geworden und bekommt nach den Bildern aus dem Irak, Abu-Ghraib und Gunatanamo immer mehr Zuwachs. Mich wundert das nicht... Unsere Zukunft ist nicht sicherer, sondern noch ungewisser und gefährlicher geworden.
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