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"Fünf Tage am Randes des Abgrunds"

Als vor vier Jahren das Atomkraftwerk von Fukushima explodierte, war Naoto Kan Regierungschef in Japan. Im Interview mit dem stern spricht er über die Stunden nahe der Apokalypse.

  Naoto Kan, 69, war 15 Monate Premierminister Japans. In seine Amtszeit fiel der GAU von Fukushima

Naoto Kan, 69, war 15 Monate Premierminister Japans. In seine Amtszeit fiel der GAU von Fukushima

Angesichts der unvorstellbaren Katastrophe von Fukushima von "einer Menge glücklicher Zufälle" zu sprechen, klingt gewagt - doch Naoto Kan tut es. Vermutlich sollte man ihm das auch glauben, denn Kan war vor vier Jahren, als ein Erdbeben und ein Tsunami die Reaktoren verwüstete, japanischer Ministerpräsident und damit politisch verantwortlich für die Folgen des GAUs. Und angesichts der Ereignisse mittlerweile ein erklärter Gegner der Atomkraft. Einer der glücklichen Zufälle etwa sei es gewesen, dass der Reaktor 1 nicht in die Luft flog, wie zu befürchten war, sagt er im Interview mit dem stern. Und doch: "Fünf Tage standen wir damals am Abgrund. Vielleicht hat uns Gott vor dem Schlimmsten bewahrt", so Kan.

Noch heute, vier Jahre nach der Katastrophe von Fukushima, ist Japans Ex-Regierungschef erschüttert, wenn er über die Tage am Rande der Apokalypse redet. Es gab damals keinen Plan, bis zu 50 Millionen Menschen im Großraum der japanischen Hauptstadt zu evakuieren. "Darüber konnte ich natürlich nicht offen sprechen", sagt Kan. Geholfen, das allerschlimmste zu verhindern, hatte am Ende der Chef des Kraftwerks, der sich, unüblich für die japanische Unternehmenskultur, über die Anordnungen seiner Chefs hinweggesetzt hatte. "Das war Teil seiner Verantwortung und entsprach seiner Persönlichkeit", so Kan.

"Bei Tepco herrschte Chaos"

In den Tagen als das Unglück seinen Lauf nahm, standen wegen der offenkundigen Schwierigkeiten, den GAU noch irgendwie zu verhindern, sowohl die Regierung in Tokio als auch die Betreiberfirma des Kraftwerks Tepco massiv in der Kritik. Naoto Kan sagt im Nachhinein, dass bis heute nicht klar sei, wer damals eigentlich für was verantwortlich gewesen sei. "Bei Tepco herrschte Chaos, die Leute vor Ort wussten selbst nicht unbedingt, wie es in den Reaktoren aussah." Als die den Kampf sogar aufgeben wollte, zwang der Ministerpräsident sie in einer dramatischen Nacht weiterzumachen.

Heute ist Kan darüber besorgt, dass die neue Regierung unter Premier Abe unverändert auf die Atomkraft setzt. "Im Fall von Tschernobyl hat die Katastrophe dazu beigetragen, den Niedergang des Systems zu beschleunigen. Zu meinem Bedauern sehe ich keine solche Entwicklung in Japan", sagt Kan. Und er macht dafür die enge Verbindung zwischen Atomindustrie und der regierenden liberaldemokratischen Partei von Premier Abe verantwortlich. "Mir selbst ist es nicht gelungen, den Menschen meine Lehren aus der Katastrophe zu vermitteln."

Lesen Sie das ganze Interview ...

... im neuen stern.

Hans-Hermann Klare
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