Erste Ergebnisse des G20-Gipfels zeichnen sich ab. Doch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger bleibt skeptisch: Die wichtigsten Maßnahmen zur Lösung der Krise sei man noch nicht angegangen, sagt er im Interview mit stern.de. Europa solle sich die USA zum Vorbild nehmen.

Ringen um Kompromisse: Staats- und Regierungschefs beim G20-Gipfel in London© Eric Feferberg/AFP
Wirtschaft hat viel mit Psychologie zu tun. Deswegen ist es am wichtigsten, dass die G20 nun ein klares Signal aussenden: "Gemeinsam tun wir alles dafür, die Weltwirtschaft zu stützen." Der Gipfel muss der Weltbevölkerung wieder Vertrauen einflößen, dass man gemeinsam die Krise löst.
Man sollte ausreichende konjunkturelle Impulse beschließen und sich auf gemeinsame Verfahren einigen, wie die Banken weltweit stabilisiert werden.
Bankgeheimnis und Hedgefonds waren nicht der Hauptverursacher der Krise. Eine zentrale Rolle dagegen haben die privaten Rating-Agenturen gespielt. Die sind in der Regel zu optimistisch in ihren Bewertungen, weil sie dafür keinerlei Haftung übernehmen müssen. Man sollte überlegen, ob man nicht eine öffentliche europäische Rating-Agentur installiert, als Konkurrent zu den privaten. Wichtig wäre es auch, den anarchischen Zustand des Währungssystems zu beenden. Wir müssen die Währungen weltweit wieder besser überwachen.
Die Amerikaner haben absolut recht. Deutschlands Konjunkturprogramme reichen zwar vorerst aus, aber die von Europa insgesamt sind unzureichend.
Die Amerikaner machen weitgehend alles richtig. Vor allem Deutschland sollte über die sehr expansive US-Finanzpolitik froh und dankbar sein, denn die Krise der Weltwirtschaft trifft uns wegen der Exportabhängigkeit stärker als andere.
Ich bin da skeptisch. Ich hoffe sehr, dass die G20 ein klares, starkes Signal an die Welt aussenden. Ansonsten wird man den Gipfel im nachhinein als eine verpasste historische Chance betrachten.
Interview: Sönke Wiese
Zur Person Peter Bofinger ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage und damit einer der fünf Wirtschaftsweisen. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg.