27. Juni 2010, 20:40 Uhr

Merkel zwischen Weltwirtschaft und Weltmeisterschaft

Mit gesunden Haushalten die Konjunktur ankurbeln - auch der zuerst skeptische US-Präsident Barack Obama stimmte beim G20-Gipfel zu. Doch die von Bundeskanzlerin Angela Merkel geforderte Reform des Weltfinanzsystems wurde vertagt.

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Gemeinsam mit dem britischen Premier Cameron verfolgte Merkel das Fußball-Duell Deutschland gegen England©

Die wichtigsten Volkswirtschaften (G20) der Erde läuten das Ende milliardenschwerer, auf Pump finanzierter Konjunkturprogramme ein. Im Jahr Zwei nach der schlimmen Wirtschaftskrise und dem Fast-Zusammenbruch des globalen Finanzsystems heißt das Motto jetzt: Wachstum durch Schuldenabbau.

Bis 2013 wollen die stärksten Industrieländer nun ihre Haushaltsdefizite halbieren. Der Anteil der Schulden an der Wirtschaftsleistung soll sich möglichst verringern. Rechtlich verbindlich sind die Ziele nicht. Da zur G20 auch aufstrebende Volkswirtschaften wie China, Indien und Brasilien gehören, nehmen die Vorgaben ausdrücklich Rücksicht auf die wirtschaftliche Ausgangslage eines jeden Landes.

Schuldenmachen gehört zum "American way of life"

Die Selbstverpflichtung, bis 2013 die Haushaltsdefizite zu halbieren, setzt kaum ein anderes Land derart unter Zugzwang wie die USA. Schließlich gehört Schuldenmachen zum "American way of life". 1,4 Billionen Dollar (1,1 Billionen Euro) Staatsschulden haben die USA angehäuft - das ist eine Zahl mit zwölf Nullen. Mehr Konsum bitte, mehr Staatshilfen, notfalls auch auf Pump, hatte der amerikanische Präsident Barack Obama gefordert. Doch am Ende musste er sich beim G8- und G20-Gipfel mit einem Formelkompromiss zufriedengeben. Obama blieb nichts anders übrig, als den Konflikt mit den Europäern diplomatisch schönzureden. "Es gibt unterschiedliche Ansätze zwischen beiden Ländern, aber wir zielen in die gleiche Richtung (...)." Ein Hauch von Resignation schwingt unüberhörbar mit.

Die Reform der Finanzmärkte ist dagegen auf den G20-Gipfel im November in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul verschoben. Hier lagen die Positionen der Staats- und Regierungschefs erwartungsgemäß weit auseinander. "Wichtige weitere Schritte werden wir in Seoul abschließen", kündigte die CDU-Chefin an. Obama suchte bei der Finanzmarktreform den Schulterschluss mit den europäischen Partnern. Wie auch Merkel will er eine Bankenabgabe durchsetzen. Kanada, Brasilien, Australien und andere G20-Mitglieder blockieren die Idee. Die deutsche Idee einer globalen Steuer auf Geldgeschäfte ist ganz vom Tisch.

Die Kanzlerin sieht die Finanzpolitik Deutschlands und Europas dennoch bestätigt. "Ehrlich gesagt, ist es mehr als ich erwartet habe", sagte Merkel. In Toronto sei eine Formel für "wachstumsfreundlichen Defizitabbau" gefunden worden. Das "entspricht eigentlich genau unserer Zeitachse."

Merkel zufrieden mit dem Gipfelmarathon

Am Sonntag stahl sich Merkel für eine Stunde aus der Sitzung, um begeistert das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England bei der Fußball-WM zu sehen. "Das war ein tolles Spiel und ein toller Sieg. Ich bin noch ganz bewegt", sagte die Kanzlerin danach.

Insgesamt zeigte sich Merkel zufrieden mit dem Gipfelmarathon; vor der G20 in Toronto hatte am Freitag und Samstag im 220 Kilometer entfernten Huntsville schon die kleinere G8-Runde getagt. Zu ihr gehören die sieben führenden Industriestaaten und Russland. Merkel hat sich wieder als außenpolitisch starke Kanzlerin präsentiert, auch wenn sie ihre Vorstellungen von einer seriösen Ausgabenpolitik und weltweit schärferen Regeln für die Finanzbranche und Spekulationsgeschäfte nicht durchsetzen konnte. Sie lenkte aber nicht ein und vertrat unbeirrt, auch gegen die USA, ihre Positionen.

Von Martin Romanczyk/DPA; Peer Meinert/DPA
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Papayu (29.06.2010, 08:55 Uhr)
Aladins Wunderlampe
Da versuchten erst 8, dann 20 an ihr zu reiben.
Nur sie rieben sich aneinander und da konnte ja nichts herauskommen.Und jeder tritt vor die TVs und erklaert, es sei toll gewesen. OMA Merkel und OBAMA, sehenswert wie er ihr alles erklaeren musste und sie nichts verstand.

Entweder ist Tempelhofer ein Satiriker oder sein Stammtischhoert ihm nicht mehr zu.

Und im Grunde genommen, war ja kein AMI in Toronto am Tisch. Nur Afrikaner und Europaeer, oder koennen sie einen Ureinwohner erkennen?
Um es anders zu sagen, die Europaeer vertraten sich selber. Vergessen, wie viele Deutsche vor Hunger ausgewandert sind?
Den anderen Iren, Italienern usw haben den gleichen "Hintergrund!'
Salve
LaoLu (28.06.2010, 11:39 Uhr)
Hey, Admins: Steht Tempelhofer jetzt unter Artenschutz?
Ok, Menschen, die an Angela Merkel vorwiegend Bewundernswertes finden, gehören wahrscheinlich zu einer aussterbenden Spezies.
Trotzdem sollte es zulässig sein, daß ich hier über einen heftigen Anfall von Fremdschämen schreibe.
Oder?
Farbenseher (28.06.2010, 08:57 Uhr)
"Gesunde Haushalte..."
Das kann wirklich nicht ernst gemeint sein. Als würde die von Deutschland aus ganz Europa aufoktruierte Totsparpolitik zu "gesunden Haushalten" führen.

Es gibt schon Gründe dafür, warum Ökonomen wir der Nobelpreisträger Krugman den deutschen Weg für Wahnsinn halten. Wir ändern NICHTS an der Verschuldung ZERSTÖREN aber nachhaltig die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die Binnenkonjunktur.

Es wird genauso laufen wie bei der Weltwirtschaftskrise: Jahrelang haben Leute wie Flassbeck, Lafontaine und andere davor gewarnt, dass es so kommen würde, sie wurden ignoriert und mit Häme überschüttet.

Jetzt stellt sich die Presse hinter die ökonomischen Laiendarsteller rund um Merkel. Dass wiederum keine Regulierung der Finanzmärkte erreicht wurde, scheint auch Niemanden zu interessieren... Es ist unfassbar. Stattdessen werden lieber Fonds eingerichtet, um die von Zockern in die Enge gedrängten EU-Mitglieder zu retten. Da stellt sich die Frage eigentlich nicht mehr, ob hier von Inkompetenz die Rede sein kann: Dieses Vorgehen hat System, der gößte Coup des Finanzsektors überhaupt. Und die Politiker der ganzen Welt machen mit.

Das dicke Ende kommt noch und dann wird es wirklich finster...
Johann58 (27.06.2010, 22:42 Uhr)
@Tempelhofer (27.06.2010, 21:45 Uhr)
you make my day! Erst gewinnt Deutschland gegen England und bekomme ich ueber den Stern.de Kommentar noch kostenlos Kabarett geliefert.
Heute finde ich es besonders spassig und ganz ehrlich, ich habe heute erstmalig den Eindruck sie wollen und aller veraeppeln, denn sie konnen garnicht ernsthaft selbst glauben was Sie das schreiben.

lesen Sie sich mal diesen Satz und ueberlegen Sie was der beinhaltet:

Die deutsche Idee einer globalen Steuer auf Geldgeschäfte ist ganz vom Tisch.

Das ist also der geniale Sieg von Frau Merkel, mit dem Sie in Kanada so geglaenzt hat.
Freifaller (27.06.2010, 22:14 Uhr)
1,4 Billionen Dollar Staatsschulden...
...haben die USA angehäuft...

Wie bitte? Die haben weniger Schulden als die BRD? Dann stehen die ja nochr ichtig gut da... *lach*

Das ist wohl eine Kommastelle falsch gesetzt worden....14 Billionen kommt da wohl eher hin.
Tempelhofer (27.06.2010, 21:57 Uhr)
@ RDUKE7777777
Ja, es ist schlimm, wie die Attac-Leute sich in Toronto wieder aufgeführt haben.
RDUKE7777777 (27.06.2010, 21:47 Uhr)
Berichte zu den Protesten
Leider kann man die Bilderstrecke zu den Protesten im Rahmen des G-20 Gipfels nicht kommentieren. Dort ist nur die rede von Krawall-Demonstranten und der überforderten Polizei.

Ein anderes Bild ergibt sich hier: Ein Journalist des "Guardian" wurde von der Polizei verprügelt, außerdem wurden auch friedliche Demonstranten verhaftet.

http://rawstory.com/rs/2010/0627/police-arrest-peaceful-protesters-g20/

Lieber Stern, der Link verstößt nicht gegen die Nutzungsbedingungen.
Tempelhofer (27.06.2010, 21:45 Uhr)
Das ist Merkels Tag !
Ein wunderschöner Erfolg unserer Bundeskanzlerin - Erst der Sieg ihrer Mannschaft gegen England, dann der Erfolg auf den Gipfel.

"Das war ein tolles Spiel und ein toller Sieg. Ich bin noch ganz bewegt", sagte die Kanzlerin danach.

Da stimmt ihr ganz Deutschland zu.
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