Seit Jahren tobt ein Streit um die Ostseepipeline. Nun stockt das Megaprojekt, das Deutschland zuverlässig mit russischem Gas versorgen soll. Die Gegner blockieren, wo sie können - und treiben ihre eigenen Pläne voran. Von W. Proissl, C. Hecking und H. Wetzel

Babajew:Teilstück der zukünftigen Ostseepipeline von Russland nach Deutschland. Wann die Pipeline kommt, bleibt ungewiss© DDP
Detlef Unger hat einiges gesehen in zehn Jahren als Funkoffizier auf hoher See: Fischschwärme vor Westafrika, gewaltige Schneestürme in der Barentssee, meterdicke Eisschichten auf dem Deck seines Trawlers. Doch kein Naturphänomen hat den Marketingchef des Fährhafens Sassnitz-Mukran je so beeindruckt wie die Wälle aus Metall, die sich rund um sein Bürogebäude auftürmen. "Wir sind stolz und glücklich, dass sie hier sind", sagt der 55-Jährige.
Sie, das sind 22.000 Rohre: je zwölf Meter lang, 1,15 Meter dick und zehn bis zwölf Tonnen schwer, die sich zurzeit in und um Rügens größten Hafen stapeln. 240.000.000 Kilogramm Edelstahl, die darauf warten, mit einer Antikorrosionsschicht ummantelt und zusammengeschweißt zu werden - zur Ostseepipeline, dem kontroversesten Bauvorhaben Europas. Jener Erdgasleitung von Russland nach Deutschland, über welche die Mächtigen in Brüssel und Berlin seit so vielen Jahren streiten.
In Mukran herrscht Ruhe. Ein Lkw-Fahrer mit rotgeränderten Augen harrt der Fähre nach Schweden, Möwen kreisen über der Fischfabrik im Hafen. An den stählernen Scheiterhaufen daneben rührt sich gar nichts. "Vor ein paar Wochen kamen täglich zwei oder drei Güterzüge voller Rohre an", sagt Unger, "jetzt kommt an manchen Tagen keiner mehr." Hinter seinem Büro werkeln ein paar Arbeiter am Dach des Ummantelungswerks. Die Fabrik sollte im November die Produktion aufnehmen; nun geht es frühestens im März los. Aber eilig hat es offenbar niemand. "In dem Projekt ist gerade kein Druck", sagt Unger. "Es ist ja nicht so, dass vor der Küste ein Verlegeschiff dringend auf die Rohre wartet."
Dabei sollten jene Spezialschiffe längst durch die Ostsee kreuzen, die Segmente auf dem Meeresgrund verlegen. Für den Sommer 2008 hatte das Betreiberkonsortium Nord Stream um den russischen Staatsmonopolisten Gazprom, Eon Ruhrgas und Wintershall den Baustart anvisiert. Und danach Stück für Stück aufgeschoben. Nun soll es Anfang 2010 losgehen, damit Ende 2011 Gas strömen kann: 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sollen es einmal sein, fast 60 Prozent des deutschen Verbrauchs. Doch derzeit scheint selbst 2010 illusorisch.
Der Ostseepipeline drohen neue Verzögerungen. Innerhalb der EU tobt ein Glaubenskampf. Der jüngste Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine hat keinen Konsens für das Megaprojekt geschaffen - im Gegenteil: Der Streit in Brüssel eskaliert. Seit Beginn der Planungen erhitzen sich die Gemüter an der 1220 Kilometer langen Röhre, die Transitländer wie die Ukraine oder Polen umgehen soll. Vor allem Polen fühlt sich übergangen. Außenminister Radek Sikorski verglich das deutsch-russische Vorhaben sogar mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Gerhard Schröder und Wladimir Putin trieben es trotzdem mit Verve voran. "Es kann nicht angehen, dass Deutsche ihre Energieinteressen nicht selbstbewusst vertreten können", röhrte der Kanzler bei Vertragsunterzeichnung im September 2005. Drei Monate später, nach verlorener Wahl, wurde Schröder Pipeline-Oberlobbyist. Putin machte ihn zum Aufsichtsratschef von Nord Stream, für 250.000 Euro Jahressalär.
Im neuen Gaskrieg sah Schröder seine Stunde gekommen. Kaum hatten die Russen die Lieferungen an die Ukraine gestoppt, kaum ließ im bitterkalten Januar der Druck in den Leitungen nach Mitteleuropa nach, trommelte er in der "Bild"-Zeitung: "Wer mehr Versorgungssicherheit will, muss Leitungen bauen, die unabhängig sind von staatlicher Einflussnahme." Die Ostseepipeline müsse baldmöglichst realisiert werden, "im Interesse Europas". Auch seine Nachfolgerin warb nun für das Projekt. Die Gaskrise habe gezeigt, "dass die EU in ihrer Energieversorgung unabhängiger und krisenresistenter werden muss", schrieb Angela Merkel in einem Brief an Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie den tschechischen Ratsvorsitzenden Mirek Topolanek. Und forderte die Brüsseler Spitzen auf, die Pipeline endlich politisch zu unterstützen.
Doch die gewünschte Reaktion ist ausgeblieben. Für viele EU-Staaten, gerade in Osteuropa, trägt Russland die Schuld an der Gaskrise. Sie wollen keine neuen Lieferwege, sie wollen neue Lieferanten. "Die Ostseepipeline verbessert Europas Energieversorgungssicherheit nicht", sagt Polens Europaminister Mikolaj Dowgielewicz. "Sie macht uns noch abhängiger von russischem Gas." Im Umfeld der tschechischen Ratspräsidentschaft mutmaßt man gar, Russland habe den Konflikt bewusst geschürt, um die Chancen der Ostsee-Röhre zu befördern.
Die einstigen Satellitenstaaten der Sowjetunion misstrauen der alten Großmacht im Osten. Sie fühlen sich übergangen von Berlin und Moskau. Und sie haben ihr eigenes Projekt: Nabucco, eine Leitung, durch die Gas aus dem kaspischen Raum nach Europa strömen soll, vorbei an Russland.