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20. November 2007, 11:44 Uhr

Die SPD lässt sich von Russland erpressen

Die SPD schadet mit ihrem permanenten Einsatz für Russland ihrem eigenen Land, meint Robert Amsterdam. Der Anwalt von Ex-Jukos-Chef Chodorkowski zweifelt an der moralischen Integrität der Sozialdemokraten. Von Robert Amsterdam

Der Energie zuliebe: Die SPD hört auf Russland

Es gibt nur wenige Parteien in der Europäischen Union, die sich so engagiert für die Interessen Russlands einsetzen wie die deutschen Sozialdemokraten. Dies zeigte sich erneut während des Lufthansa Cargo Streits um Überflugrechte in Russland. SPD-Parteichef Kurt Beck intervenierte bei seinem Parteikollegen Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, einen Landestopp für Aeroflot auf dem rheinland-pfälzischen Flughafen Hahn rückgängig zu machen, und verhinderte erfolgreich eine wirkungsvolle Reaktion auf die "ökonomische Erpressung" des Kremls.

Aufgrund der zahlreichen öffentlichen Äußerungen von gegenwärtigen und früheren SPD-Offiziellen, die auf eine nachgiebige Politik gegenüber Russland drängen - speziell die Energiebeziehungen betreffend - stellt sich nicht die Frage, ob der Kreml von der Partei Besitz ergriffen hat, sondern eher wie.

Das "Shtokman-Syndrom"

Eine Erklärungsvariante für den Kotau der SPD vor Moskau ist das, was ich als "Shtokman-Syndrom" bezeichne. Namentlich lehnt es sich an das Shtokman-Feld an, einem der größten bekannten Gasfelder, das im russischen Teil der Barentssee gelegen ist. Inhaltlich ist es mit dem bekannten Stockholm-Syndrom verwandt, das beschreibt, wie Geiseln ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen und mit ihnen kooperieren.

Stellen Sie sich ein hypothetisches deutsches Energieunternehmen vor, Germanco, das sich entscheidet, Investitionen in Russland zu tätigen. Nach einer kurzen unbeschwerten Flitterwochenperiode agiert die russische Regierung aggressiv und willkürlich gegen Germanco oder seine Tochterunternehmen. Daraufhin macht Germanco seinen beträchtlichen Einfluss in der deutschen Regierung geltend, um Zugeständnisse für Russland zu erwirken. Um ehrlich zu sein, eine brillante Art der Manipulation!

Etliche von Deutschlands führenden Energieunternehmen (und auch der Finanzinstitutionen) leiden am "Shtokman-Syndrom". Ganz gleich wie schlecht sie die russische Regierung behandelt, sie wollen weiterhin in russische Gasprojekte investieren. Der negative Einfluss auf Deutschlands nationale Interessen ist eindeutig: Je mehr bestimmte Unternehmen in Geschäften mit dem russischen Staat involviert sind, umso mehr arbeiten sie daran, die deutsche Politik im Sinne Moskaus zu beeinflussen.

Eon mag Russland mehr als die EU

Nehmen Sie zum Beispiel die jüngsten Einlassungen des Eon-Vorstandsvorsitzenden Wulf Bernotat, dessen Unternehmen durch das Nord Stream Pipeline Projekt eng mit dem staatlichen Giganten Gasprom verbunden ist. Das Nord Stream Projekt macht zwar ökonomisch überhaupt keinen Sinn, aber ist für Russland dennoch unbezahlbar, da es äußerst effektiv eine gemeinsame Europäischen Energiepolitik verhindert.

Obwohl Eon monatelang von Gasprom in den Verhandlungen über die Erschließung des Juschno Russkoje Gasfeldes vorgeführt wurde, erklärte Herr Bernotat kürzlich in einem Interview mit der "Financial Times", Brüssel sei für die europäische Energieversorgung eine weitaus größere Bedrohung als Gasprom - ein durchsichtiger Versuch, die EU Unbundling-Initiative zu diskreditieren.

Schröders Zynismus spricht Bände

Die Verflechtungen der SPD sowie ihrer ehemaligen oder aktiven Funktionsträger mit deutschen Energieunternehmen, in Form von Vorstands- oder Aufsichtsratsposten oder durch Parteispenden, ist ausreichend dokumentiert. Die Nähe der SPD zum Kreml verdeutlicht vor allem Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der für jährlich 250.000 Euro dem Aufsichtsrat von Nord Stream vorsitzt, nachdem er als Kanzler das Projekt vorangetrieben hatte.

Aber Schröders Zynismus geht noch weiter (abgesehen von seiner allseits bekannten Charakterisierung Putins als "lupenreinen Demokraten"). Bei einem öffentlichen Auftritt im Oktober letzten Jahres zeigte der ehemalige Kanzler seine ganz eigene Art der Grausamkeit. Bezug nehmend auf meinen Mandanten, den politischen Gefangenen Michail Chodorkowski, äußerte er scherzhaft den Wunsch nach sibirischen Gefängnissen für Deutschland, in die Steuersünder abgeschoben werden könnten.

Es ist letztlich dieses Verhalten von Schröder, dass den jüngsten Auftritt von Gasprom-Vize Alexander Medwedew auf der Weltenergiekonferenz in Rom legitimiert. Dieser argumentierte, die Unbundling-Pläne der EU führten zu Enteignungen, die mit dem Schutz von Privateigentum in einer Marktwirtschaft nicht vereinbar seien - als ob es die gewaltsame Zerschlagung von Jukos und die dazugehörigen Zwangsversteigerungen, von denen Gasprom profitierte, nie gegeben hätte.

Zuletzt kam sogar Altbundeskanzler Helmut Schmidt in einem Interview im aktuellen Zeit- Magazin Leben zu einer sehr wohlwollenden Einschätzung von Putin. Dieser sei zwar kein Demokrat, aber ein "aufgeklärter Potentat". Es ist nicht davon auszugehen, dass die zahlreichen politischen Gefangenen, die unterdrückte Opposition und die Vertreter der letzten freien Medien in Russland dieses Urteil teilen.

Auch ohne Schröder setzt die SPD ihren russlandfreundlichen Kurs fort. Warum opferte Herr Beck in aller Öffentlichkeit die Interessen der Lufthansa zugunsten Russlands? Nehmen wir zu seinen Gunsten an, dass es ihm nicht im gleichen Maße wie Schröder an moralischer Integrität mangelt. Dennoch sollte Herr Beck als Vorsitzender einer Regierungspartei die Weitsicht besitzen, nicht die Interessen eines rheinland-pfälzischen Regionalflughafens über das übergeordnete deutsche Interesse zu stellen, eine unverhohlene wirtschaftliche Erpressung abzuwehren.

Demokratie in Gefahr

Wie weit ist es mit der deutschen Demokratie, wenn sich eine ihrer führenden Parteien offensichtlich von einer auswärtigen Macht umgarnen, einschmeicheln und manipulieren lässt, die stolz auf ihren Autoritarismus und ihre Ein-Mann-Herrschaft ist?

In die gleiche Richtung geht die Sorge, dass die Uneinigkeit über die Russlandpolitik die fragile Regierungskoalition ernsthaft gefährden könnte. Der neu ernannte Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier tritt seinen neuen Job mit schwerem Gepäck an. Wiederholt hat er öffentlich Merkels Russlandpolitik als "Schaufensterpolitik" kritisiert, ohne die Kanzlerin direkt beim Namen zu nennen.

Außenminister Steinmeier mag neue Namen dafür finden, dass sich die SPD dem Kreml ergeben hat - beispielsweise "Ostpolitik" oder "kooperative Energiesicherheitspolitik". Aber wir sollten dennoch in der Lage sein, dass "Shtokman-Syndrom" zu erkennen, wenn wir es sehen.

Zur Person

Zur Person Robert R. Amsterdam ist der Gründungspartner der Anwaltskanzlei Amsterdam & Peroff und internationaler Verteidiger des ehemaligen Yukos-Chefs Michail B. Chodorkowski.

Von Robert Amsterdam
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
Oetker333 (23.11.2007, 09:09 Uhr)
Deutschlands Einfluss
im Westen existiert nicht. Die USA sind die einzigen die Einfluss haben.
Dirk_37 (23.11.2007, 01:01 Uhr)
@ oetker
Hier nochmal Ihr Statement: "Ich glaube
Dass viele hier denken das die CDU wirklich besser wäre. Merkel will uns in den Irankrieg führen. Wer schon mal Unions-Außenpolitiker gehört hat, der denkt manchmal dass die aus Texas kommen. Die Union würde Deutschland zum US-Arschkriecher Nr.1 werden lassen. Außerdem würden wir von Russland mehr profitieren als von den USA, denn die Russen wollen uns in keinen Krieg hineinziehen. Von denen bekommen wir unsere Rohstoffe. Von den USA bekommen wir GAR NICHTS außer
Mehrkosten durch Afghanistan oder durch die NATO."
Schön, Sie glauben also an das. Glauben aber heisst nicht Wissen, will uns ein altes Sprichwort erzählen. Und Sie sind der lebende Beweis dafür, mein Lieber. Kennen Sie den letzten Unions - Aussenpolitiker (Minister)?? Wissen Sie wie Fr. Dr. Merkel mit H. Bush gesprochen hat (nicht nur mit ihm,auch mit Putin, den Rotchinesen etc....). Und zu Ihrem Mega - Argument, wir würden mehr von den Russen profitieren weil wir ja an deren Energiereichtum partizipieren würden, ha ha ha: Sehen Sie nicht die Politik der Russen (z.B Ukraine, Belarusk,...)wie die mit ihren "Vertragspartnern" umgehen?? Bekommen wir Öl von denen geschenkt?? Ist nicht Schröder der größte Landesverräter unserer so jungen Demokratie?? Ich bin wahrlich kein Fan der US-Diplomatie, schon gar nicht von Bush, aber mir geht es gegen den Strich dass damit automatisch alles anti-westliche verherrlicht und entsprechend jedes Argument dagegen verteufelt wird!
Erklären Sie doch mal anstelle nur Ihren "Glauben" zu veröffentlichen. MfG Dirk
talkingkraut (22.11.2007, 02:04 Uhr)
Guter Artikel
Die Politik der deutschen Sonderwege, die die SPD betreibt, ist für Deutschland schädlich. Diese Politik geht von der irrtümlichen Annahme aus, Moskau sähe in Deutschland einen gleichberechtigten Partner. Würde man sich bei der SPD einmal realistisch mit Außenpolitik beschäftigen, wüßte man um die Kräfteverhältnisse besser Bescheid. In einem freiheitlichen Bündnis fest verankert zu sein, ist auf jeden Fall dem Sonderweg der SPD für Deutschland vorzuziehen, bei dem ein aus dem Westen herausgebrochenes Deutschland zum Spielball der Interessen der Autokraten in Peking und Moskau würde. Deutschland kann seine Position in Peking und Moskau nur vertreten, wenn es seine Partner an seiner Seite weiß und wenn es seine Außenpolitik mit ihnen abgestimmt hat. Die Außenpolitik der SPD ist falsch, weil sie nationalistisch konzipiert ist, wo es einer bündnisorientierten Politik bedürfte, sie überschätzt die Spielräume eines deutschen Solos und weil sie nicht kooperativ und bündnisorientiert ist, verzichtet sie auf wichtige Einflußmöglichkeiten auf die Politik des Westens.
lasermaus (21.11.2007, 23:07 Uhr)
na, auch schon vorgesorgt?
Herr Schröder hat's vorgemacht. Rechtzeitig für´s Alter vorsorgen und alle machen es nach. Herr Blüm hätte seine helle Freude. Wie´s scheint reicht ihm das Geld der Gazprom noch nicht aus. Nach seiner öffentlichen Reaktion auf den Empfang des Dalai Lama, vermute ich Zuschüsse aus China werden die Rente noch ein bisschen anheben. Wen wundert es da, dass sich auch die anderen Politiker nicht für das Modell 'Riester-' sondern für das Modell 'Betriebs-Rente´ entscheiden.
Sie agieren als Zuhälter, die unsere Haut zu Markte tragen und ohne rot zu werden die Gewinne einstreichen. Hr. Beck sieht sicher, dass er sich nun beeilen muss, um auch für sein Alter vorzusorgen. Die von uns vorausgesetzte Integrität der Politiker unterliegt wohl auch einer steigenden Inflationsrate. Übrigens sicher kein alleiniges Problem der SPD. Erstaunlich jedoch, wie schamlos unsere ehemaligen Volksvertreter sich als Repräsentanten der von ihnen während ihrer Amtsperioden protegierten Firmen zeigen. An dieser Stelle muss ich leider darauf hinweisen, jedes Volk hat die Regierung die es verdient. Steht auf, lasst euch nicht weiter einlullen und kontrolliert eure Volksvertreter!!!
mupfeline (21.11.2007, 19:49 Uhr)
Natürlich hat der Verfasser des Artikels Recht
Ich jedenfalls habe Schröders Eintreten für Putin noch nicht vergessen. Der Unterschied zwischen der USA und Rußland ist die nicht unerhebliche Tatsache dass die Kritiker von Bush in Washington und wo auch immer in der USA in den meisten Fällen ihre Kritik überleben - in Rußland ist das nicht so alltäglich. Sollte dies der SPD und ihren Anhängern eigentlich nicht zu denken geben? Und selbst wenn die Kanzlerin niedergemacht wird von der SPD weil sich es "wagt" sich mit dem Dalai Lama zu treffen - ein Verhalten der SPD welches schon infam zu nennen ist - so sind wir Bush in 2 Jahren los. Putin bleibt uns erhalten. Wie wäre es wenn die SPD und ihre Anhänger sich auch einmal mit der Meinung der russischen Opposition befassen würden ...!?
kralli19 (20.11.2007, 20:05 Uhr)
@ petermeyer
Sachlich kann ich ihrem Kommentar zwar nur zustimmen, allerdings finde ich ihren Satz "...man merkt er kommt von ganz unten und hat keinerlei anstand mitbekommen.." mal proletarisch gesprochen unter aller Sau. Auch die ganz unten lernen eben von denen da oben, gell !
Vielleicht haben sie sich rethorisch auch nur ungeschickt ausgedrückt ???
Ansonsten kann ich nur sagen, höre ich das Wort Sozialdemokratisch und SPD in einem Satz, überkommt mich kaltes Grausen....und bevor es angesprochen wird: CDU/CSU ist da nichts besser.
Profiler (20.11.2007, 18:51 Uhr)
Wer gibt denn solche Artikel in Auftrag?
Mensch "Stern", wo habt ihr denn nur diesen Spezialisten Amsterdam ausgegraben. Schwache Leistung...
scherbengericht (20.11.2007, 16:54 Uhr)
Despotie
Also vor hundert Jahren war die SPD noch die schärfste Kritikerin einer scheinkonstitutionellen Despotie in Rußland. - Hmm...Dämmerts?
petermeyer (20.11.2007, 16:18 Uhr)
schröder ist nur noch peinlich
ich habe ja schröder bzw die spd zweimnal gewählt..aber schröder ist einfach nur noch peinlich....man merkt er kommt von ganz unten und hat keinerlei anstand mitbekommen..
als ehemaliger kanzler bei gazprom ist schon ein starkes stück, putin einen lupenreinenj demokraten zu nennen , eine frechheit...und merkel bei den chinesen anzuschwärzen wegen dem dalai lama ist ein unding.
der mann würde für kohle alles machen und sagen. wess brot ich freß, des lied ich sing. widerlich.
bevor die spd den nicht rausschmeißt aus der partei, wähle ich die nie wieder und gehe einfach nicht mehr zur wahl. die anderen parteien sind auch nix für mich.
datenbaer (20.11.2007, 15:54 Uhr)
Den meisten ist doch egal, was in der Welt geschieht, hauptsache es ist warm daheim
Der Kommentar von "Link23" ist doch bezeichnend: den Menschen ist das überwiegend egal geworden, was politisch los ist. Wir haben einen bedrohlichen Grad an unpolitischem Denken erreicht in diesem Lande, der uns einmal teuer zu stehen kommen kann. Ich vermute leider, daß die meisten Wähler spätestens 2009 wieder brav ihr Kreuz bei der SPD machen werden, weil dies die einzige Sozialkuschel-Partei im Lande ist. Polemisch gesagt ist die Taktik die, sich die Leute per Sozialtransfer zu kaufen. Man erzeuge so viele Tranfereinkommen, daß die Mehrheit der Wähler bei Wahlen SPD wählen muß, sonst setzt womöglich die Allimentation aus. In diesem Denkmodell liegt es doch nahe, daß man sich auch von den Russen einlullen läßt.
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