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10. September 2007, 12:52 Uhr

Affentheater in Washington

Es ist der Höhepunkt einer grandiosen Inszenierung: Heute berichtet General David Petraeus dem US-Kongress über die Lage im Irak. Seine Aussage kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der US-Strategie um den letzten Spielzug eines unbelehrbaren Zockers handelt, findet stern.de-Gastkommentator John Hulsman.

General David Petraeus (l.) mit Präsident George W. Bush (r.) während dessen Besuch in der irakischen Anbar-Provinz am 3. September 2007© Jason Reed/Reuters

Seitdem die US-Demokraten im November 2006 die Mehrheit im Abgeordnetenhaus und im Senat zurückeroberten, schwelt der Konflikt über den Irak-Einsatz. Mit der Aussage des obersten Befehlshabers der US-Truppen in Bagdad, General David Petraeus, vor dem US-Kongress erreicht die Auseinandersetzung heute einen Höhepunkt. Denn es war Bestandteil jener politischen Abmachung zwischen US-Präsident George W. Bush und dem Parlament, die dem Präsidenten erst eine Verstärkung der Truppen ermöglichte, dass Petraeus und der US-Botschafter im Irak, Ryan Crocker, zu Hause regelmäßig über die Wirksamkeit der neuen Strategie berichten würden. Zudem beauftragte der Kongress den Obersten Rechnungshof, anhand einer Reihe von Kriterien darüber zu berichten, wie es den irakischen Führern bei dem Versuch ergeht, die irakische Regierung auf eigene Beine zu stellen.

Im Kern bedeutete das dereinst: Der Kongress stimmte Bushs letztem Irak-Spielzug widerwillig zu. Doch er ließ ihn auch wissen, dass die politische Rechnung für den Irak im September 2007 fällig sein würde. Die Zustimmung des Parlaments war alles andere als ein Blanko-Scheck.

Hier wird Schindluder mit der Wahrheit getrieben

Jetzt ist der September 2007 gekommen. Und dennoch dürfte es sonnenklar sein, dass der Petraeus-Report nichts an der Lage ändern wird.

Die schwindende Zahl der Bush-Anhänger wird hocherfreut sein, wenn der General die militärischen Erfolge in der Provinz Anbar aufzählt, einer früheren Bastion von Al Kaida und amerikafeindlichen sunnitischen Milizen. Die gute Nachricht lautet, dass diese beiden anti-amerikanischen Gruppierungen sich mittlerweile untereinander bekriegen, denn die sunnitischen Stammesführer sind zu der vollkommen zutreffenden Einsicht gelangt, dass die - im Rückzug begriffenen - USA der kleinere Gegner für sie sind. Getreu einer uralten Maxime - "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" - haben die sunnitischen Führer begonnen, mit den US-Streitkräften zusammenzuarbeiten, um Al Kaida, deren Mitglieder zumeist keine Iraker sind, aus ihrer Provinz zu vertreiben.

Petraeus wird auch darauf hinweisen, dass Teile Bagdads militärisch gesäubert worden sind - selbst wenn die eroberten Gebiete aufgrund der begrenzten Möglichkeiten der irakischen Armee nur selten gehalten werden können. Noch irreführender dürften Behauptungen sein, die Petraeus und Botschafter Crocker dem Vernehmen nach aufstellen werden, wonach die Zahl der religiös motivierten Morde im Irak zurückgegangen sei. Denn hier kommt es ganz darauf an, wie man zählt. Der Bericht scheint diesen sehr merkwürdigen Befund damit zu rechtfertigen, dass man die irakischen Toten der Kategorie "zivile Todesfälle" zugeordnet habe, womit man Schindluder mit der Wahrheit betreibt. Dennoch wird General Petraeus freilich schlussfolgern, die Truppenverstärkung habe zu einem begrenzten militärischen Erfolg geführt.

Die Militärmaßnahmen sind richtungs- und damit erfolglos

An der Sache geht das jedoch völlig vorbei. Als Mann des Militärs, der bestens mit der Philosophie des großen deutschen Denkers Carl von Clausewitz vertraut ist, hätte Petraeus es eigentlich besser wissen müssen.

Denn Clausewitz betonte zurecht, dass alle militärischen Handlungen nur der Erreichung politischer Ziele dienen. Und genau so war es auch im Fall der Truppenaufstockung gedacht. Der US-Präsident und seine Kommandeure begründeten die Bedeutung der Operation damit, dass der begrenzte militärische Erfolg, den sie verspach, der irakischen Führung wertvolle Zeit für politische Kompromisse und somit für die beginnende Stabilisierung Iraks verschaffen würde.

Einerlei, ob es um die Aufteilung der Erlöse aus dem Ölgeschäft ging, um die Unterstützung der schiitisch dominierten Regierung von Premierminister al-Maliki, oder darum, die religiösen Milizen unter Kontrolle zu bringen: Die Aufstockung der Truppen sollte politischen Zielen dienen, sie war keine Übung im luftleeren Raum.

Und es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass diese Ziele nicht erreicht wurden.

Im Irak herrscht ein heilloses Durcheinander

Petraeus selbst gab in einem Brief an die im Irak stationierten Truppen, der letzten Freitag veröffentlicht worden ist, freimütig zu, dass die Aufstockung "nicht den gehofften Erfolg gebracht hat". Das ist vorsichtig ausgedrückt. Der Bericht des Obersten Gerichtshofes stellt fest, dass lediglich drei der 18 festgelegten Zielvorgaben auch nur ansatzweise erreicht wurden. Es gab jedoch keine Einigung bei der Verteilung der Öl-Erlöse, keine weitergehende Einbindung der widerspenstigen Sunniten im Kabinett, keinen Rückgang der Gewalt.

Die politischen Ziele, denen die ganze Übung eigentlich diente, sind in einem heillosen Durcheinander untergegangen. Die irakischen Parlamentarier nahmen sich tatsächlich den ganzen August frei, während Amerikaner für ihr Land starben. Das war ein vernichtender Beleg für ihr fehlendes Dringlichkeitsbewusstsein.

Der Spieler Bush scheitert - die Demokraten sehen zu

Es ist an der Zeit, dieses Affentheater als das zu bezeichnen, was es ist: Der letzte verzweifelte Spielzug eines unbelehrbaren politischen Spielers. Präsident Bush verharrt am Spieltisch - mitleidserregend bemüht, seine horrenden Verluste auszugleichen.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Demokraten den moralischen und politischen Mut finden werden, dies auszusprechen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich dem Ansinnen des Präsidenten zur Fortsetzung der Kriegsfinanzierung verschließen werden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich irgendetwas ändern wird.

Dabei sollte sich etwas ändern.

Zur Person

Zur Person Dr. John C. Hulsman war Senior Fellow am einflussreichen konservativen Politik-Forschungsinstitut "Heritage Foundation" in Washington. Seit Juli 2006 ist er "Oppenheim Scholar in Residence" bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Zudem ist er Präsident und Mitgründer des Unternehmens John C. Hulsman Enterprises (www.john-hulsman.com). Hulsman gilt als profunder Kenner der US-Außenpolitik im Mittleren Osten.

 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Nobilitatis (11.09.2007, 11:29 Uhr)
Wohin mit dem Irak?
Super-Kommentar zur Situation im Irak!
Anders als in Afghanistan, wo das militärische (und zivile) Engagement langfristig positiv wirken wird, weil es in der afghanischen Gesellschaft immer noch ein gemeinsames Bewußtsein gibt, man zusammenarbeiten will, ist der Irak kein Erfolgsmodell. Es fehlt genau an denen, die das Große Ganze im Blick haben. Jede der zahlreichen Gruppen will nur die eigenen Chancen verbessern. Folgerichtig separiert sich der kurdische Norden möglichst total - eine weise Entscheidung, die ihnen den Gegenwind von allen Nachbarstaaten einbringt, die so etwas für sich fürchten - Türkei, Iran und Syrien sind die Garantie dafür, dass es einem kurdischen Staat nicht zu gut gehen wird. Im Süden folgt die unausweichliche Konfrontation zwischen den Schiitengruppen, die ihren Landesteil aufbauen wollen - ähnlich wie die Kurden - und denen, die sich dem Iran anschließen wollen, und dann noch denen, die lieber den ganzen Irak mit eiserner Faust regieren möchten, am besten indem sie die Sunniten unauffällig verschwinden lassen. Dazu kommen noch jede Menge Sunniten - die aus den Stammesgebieten und die ehemalige Führungsschicht, aber auch noch die als Minderheiten mit den Schiiten zusammenleben. Sie folgen entweder den Saddam-Getreuen, oder al Kaida oder nur dem eigenen Stamm. Und dann gibt es noch jede Menge Minderheiten - Turkmenen, Christen, Jeziden und wie sie alle heißen, die unter Saddam geschützt lebten, aber jetzt Freiwild sind. Welche politische Kraft eine Zukunft hätte in einem freien, aufgeklärten Irak - das erkennt man daran, welche Gruppierung diese Minderheiten schützt und integriert. Nämlich keine.
Ich bin ein positiver Mensch, darum versuche ich eine Lösung: Das größte Potential haben die Kurden. Wenn die sich mit den Minderheiten in ihrer unmittelbaren Umgebung verständigen würden, könnten sie politisches Kapital gewinnen und auch ihren Wunsch durchsetzen, ihre Zone auf Mossul und Kirkuk auszudehnen. Weiterhin könnten sie eine Sammlungsbewegung gründen, in der dann die verstreuten sunnitischen Stammesverbände und die primär an Sicherheit für ihre heiligen Stätten interessierten Schiiten um Sistani sowie die am Aufbau des Südens interessierten Gruppen zusammenarbeiten könnten. Der nächste Schritt wäre dann Druck auf die "destruktiven Kräfte" auszuüben. Damit können die Amerikaner den Irak verlassen. Kurden haben auch das Potential, irrationale Ängste über Groß-Kurdistan abzubauen und könnten sich mit der Türkei und Iran über wirtschaftliche Entwicklung verständigen. Mit den Kurdengebieten als Brücke? Ich träume nur etwas.
JosefG (10.09.2007, 23:02 Uhr)
Welches Dringlichkeitsbewusstsein?
Alle Beteiligten versprechen sich von Abzug der Amerikaner eine Verbesserung ihrer Situation. Ob im Grossen - Kurden, Shiiten, Sunitten oder im Kleinen - Religiöse Führer, Clanchefs, Militzenanführer. Das kann ewig dauern bis die Machtfragen geregelt sind. Bis dahin herrscht Bürgerkrieg, ob mit oder ohne die US-Armee.
042020 (10.09.2007, 20:58 Uhr)
@IndianerJoe
only a little correction:
warum sollte Gen.Petraeus von seinem Chefs Wohlwollen abhangig sein. er hat 4 sterne und 5 gibt es nicht mehr ?
stadtresidenz (10.09.2007, 17:34 Uhr)
Sehen heißt Hinschauen, Hinschauen fordert Handeln!
Die neuerlichen Nachrichten über die Inszenierung des Bestsellerstückes „Ich nehm mir die Freiheit, die Freiheit von der Demokratie zu befreien, damit ich als Befreier der Freiheit die Demokratie vor Freiheit schütze, denn wenn jemand an der Ölquelle pupst, ist die Welt bedroht, da es dann erwiesen ist, dass die Feinde der freien Welt Giftgasfabriken besitzen wenn sie Bohnensuppe gegessen haben!“ mit seinem Hauptdarsteller George W. Bush bringen das Fass zum überlaufen! Bushs Inszenierung gleicht der Muppet-Show. Soviele Puppen an der hand eines einzigen Spüelers - nur: Wenn den Pupperln in der Muppet-Show der Kopf weggeschossen wird, hilft Klebstoff. Bei Bush kommt jede Hilfe zu spät. Wenn so viele sein Spiel durchschauen, warum sprechen so wenige die erkenntniss aus? Ich jedenfalls habe mich mit klarem Entscheid gegen seine Politik gestellt (siehe stadtresidenz.wb4.de ).
Mit betsen Grüßen, ihr Artikel hat einen Preis verdient
Sascha-Boris Schlender
IndianerJoe (10.09.2007, 17:31 Uhr)
Abhängigkeiten und Konsequenzen
" Es ist der Höhepunkt einer grandiosen Inszenierung: Heute berichtet General David Petraeus dem US-Kongress über die Lage im Irak. "
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General Petraeus hat umgefähr denselben Spielraum wie unsereiner, wenn er seinem Chef, von dessen Wohlwollen er abhängig ist, berichtet.
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"Die irakischen Parlamentarier nahmen sich tatsächlich den ganzen August frei, während Amerikaner für ihr Land starben."
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Wenn Bush der Speieler ist, als den sie ihn bezeichnen, starben die Amerikaner keinesfalls für "ihr Land" sondern im Rahmen eines Spieles.
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"Der Spieler Bush scheitert - die Demokraten sehen zu"
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Die Demokraten haben zugestimmt - und stecken damit bis zum Hals mit drin
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