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30. Juli 2007, 14:34 Uhr

Männer-Republik Polen

Die Kaczynski-Zwillinge sind zwar nur 1,56 Meter klein, geben aber gerne die Polit-Rambos. Damit passen sie perfekt in die polnische Macho-Kultur - wo sexuelle Übergriffe verharmlost und Skandale unter den Teppich gekehrt werden. Von Ludmila Mitula

Roman Giertych (li.) und Andrzej Lepper gingen einParteibündnis ein - auch diese beiden sind typisch für die Macho-Republik© Janek Skarzynski/AFP

Bei Deutschlands kleinem großen Nachbarn haben sich zwei Parteien zusammengeschlossen. "LiS" nennt sich dies neue Bündnis, was auf polnisch "Fuchs" bedeutet. Ist das ein Thema? Für Polens Frauen ja: Denn es fusionierten die erzkonservative Nationalistische Liga Polnischer Familien (LPR) unter ihrem Vorsitzender Roman Giertych mit der radikalen Bauernpartei Samoobrona RP (Selbstverteidigung der Republik Polen) unter Andrzej Lepper. Die Protagonisten dieses neuen Bündnisses: Giertych, ein Rechts-Nationalist, der Mini-Röcke verbieten will und Lepper, ein Ex-Bauernführer, der eben jenen Mini-Röcken nachjagt.

Aus Opfern wurden Täterinnen gemacht

Denn die eine Hälfte dieser unheiligen Allianz sorgten zuletzt in Polen für Schlagzeilen, die einmal so gar nichts mit Politik zu tun hatten: Ein junge Frau klagte vor laufender Kamera Leppers Bauernpartei an, für die Vergabe von Arbeitsplätzen sexuelle Dienstleistungen verlangt zu haben. "Arbeit gegen Sex" - war denn auch tagelang das Thema polnischer Medien. Typisch für die Macho-Republik Polen war jedoch der Fortgang der Geschichte.

Anfangs war die Aufregung um den pikanten Vorfall groß, ein halbes Dutzend Frauen schienen von der Polit-Affäre betroffen zu sein. Doch schnell schwenkte die öffentliche Meinung um. Nun dachten viele Polen, dass die jungen Frauen wohl selbst schuld waren - und sich einfach einen guten Job als Büroassistentin erschlafen wollten. Freizügig angezogen zur Arbeit kommen - da könne ja vieles passieren. In der polnischen Männer-Republik sowieso.

Sex ist eine Form von Belohnung

Für die Bevölkerung bedeutet das: Ein Mann der an der Macht ist, ist nie schuld. Politik ist ein anstrengender Beruf, Sex ist eine Form von Belohnung. Eine Parlamentsabgeordnete meinte gar, der Sexskandal bedeute "dass unsere Männer noch können". Psychologen kennen den Effekt: Die Menschen denken lieber, dass die Frau schuld ist , bevor sie glauben, dass ihre Politiker, die sie selbst gewählt haben, unanständige Dinge tun. Die Folgen erlebt Polen auch: eine Testosteronpolitik reinsten Wassers.

Männlichkeit braucht Attribute, eines der prägnantesten ist in Polen der Schnauzbart. Vorbild dafür war der Nationalheld Jozef Pilsudski, der dem Land 1918 die Unabhänigkeit gebracht hatte. Pilsudski kam nach der Wende noch einmal groß in Mode - mit Säbel und großem, dickem Schnurrbart. Auch Lech Walesa, der legendäre Oppositionsführer, Kopf der Gewerkschaft "Solidarnosc" und erster Präsident nach der Wende, zierte des Polens liebstes Macho-Attribut.

Christus der Völker

Die Kaczynski-Zwillinge müssen ihre Männlichkeit anders unter Beweis stellen. Die K-Brüder, Präsident der eine, Regierungschef der andere, sind nur 1,57 Zentimeter groß. Sie wachsen vor allem an ihren Versprechen und Visionen. Trotz kleinem Körper erahnt man(n) großen Geist: Harte Haltung, arroganter Auftritt, Sturheit, Kampf, nerven bis aufs Blut. Da sind die K-Brüder ein perfektes Mini-Team.

Der Dichter Adam Mickiewicz hat im 19. Jahrhundert geschrieben, dass Polen der "Christus der Völker" sei, der am Kreuz leide, für die Freiheit aller. Mann kann das auch heute noch in beiden Parlamentskammern hören: Die Frauen sprechen über die echten Probleme: Arbeit, Geld, Gesundheit. Die Macho-Männer schwärmen von der großen Rolle, die Polen in der Welt spielen soll. Allgemeiner Grundtenor: Die starken Männer würden schon wissen, was für ihre schwachen Frauen gut ist. Abtreibungen soll verboten sein, selbst nach einer Vergewaltigung. Schüler und Schülerinnen sollen im Unterricht keine Texte von Witold Gombrowicz lesen, weil der möglicherweise homosexuell war. Absurdes Theater - fast noch besser als Gombrowicz' berühmtes Drama "Ferdydurke".

Eine starke Frau sein

Da wundert es schon niemanden mehr, dass auch der stärkste Mann der Welt aus Polen kommt: Mariusz Pudzianowski, schöner Bizeps, gut ausgebildeter Brustkorb, 1000 Bauch- und Beinmüskelchen. Der König der Bankdrücker und Autowerfer erkämpfte den Titel des "Strongest Man of the World" seit 2002 drei Mal und ist in diesem Jahr auch schon wieder der Stärkste in Polen und Europa. Die K-Brüder sind nicht ganz so muskulös wie er, aber auch stark. Ihr Motto: Wenn schon klein, dann wenigstens arrogant und vorzugsweise etwas brutal. Auch das passt zur Männer-Republik Polen.

Weniger als 15 Prozent der Parlaments-Abgeordneten sind Frauen. Kein Wunder, diesen wird in der polnischen Gesellschaft eine andere Rolle zugedacht, sie hatten nie große Rechte im patriarchalischen System. In Polen ist der Mann der Besitzer der Frau, die er einmal erstanden - pardon - geheiratet hat. Mädchen träumen praktisch von Geburt an von einer guten Partie. Für ein gutes und erfolgreiches Leben braucht die Frau unbedingt einen Mann, am besten gleich einen, der stark ist! Alle Seifenopern im polnischen Fernsehen drehen sich um dieses Thema, selbst wenn die Hautfigur Rechtsanwältin ist. Frauen versuchen alles, um eine starke Frau zu sein, kaufen sich nach Möglichkeit Autos mit starkem Motor, üben Männerberufe aus, kriegen wenige oder keine Kinder. Trotzdem sind die Männer stärker, eben weil sie polnische Männer sind.

Die Autorin

Die Autorin Ludmila Mitula, 35, geboren in Radomsko bei Lodz, hat nach dem Magister in Polnischer Literaturwissenschaft Journalismus studiert und drei Jahre als Reporterin beim polnischen Staatsfernsehen TVP gearbeitet. Seit drei Jahren lebt sie in der Schweiz - und hat einen anderen Blick auf ihre Heimat entwickelt.

Von Ludmila Mitula
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
PitdeGross (31.07.2007, 00:42 Uhr)
Die beiden Minizwillinge
kann man beim besten Willen nich mit Pilsudski verglechen. Dafuer sind die doch viel zu primitiv.
Aquarius_Jedermann (30.07.2007, 20:50 Uhr)
Militärdiktator Józef Pilsudski
Bezüglich des "Nationalhelden" Jozef Pilsudski hätte die Autorin vielleicht einmal in andere als polnische Geschichtsquellen schauen sollen.
Deutsches Historisches Museum
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/PilsudskiJozef/index.html
mit einer sehr freundlichen Darstellung des Herrn Pilsudski.
Hier ein Abschnitt aus dem multimedialen Brockhaus 2006:
"Im Mai 1926 führte er einen Staatsstreich durch und errichtete ein autoritäres System, in dem jedoch weder die Verfassung aufgehoben noch das Parlament beseitigt wurde. Er begnügte sich meist mit dem Amt des Kriegsministers und des Generalinspekteurs und war nur von Oktober 1926 bis Juni 1928 und von August bis Dezember 1930 auch Ministerpräsident. Er schreckte vor Verfassungsbrüchen und vor Gewalttaten gegenüber seinen parlamentarischen Gegnern nicht zurück, stützte sich aber im Allgemeinen auf das Heer und seit 1928 auf einen »Unparteiischen Block« im Parlament.
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2006"
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