Israel will Hamas "fertig machen"

16. November 2012, 10:18 Uhr

Erstmals fallen Raketen auf Tel Aviv. Die Israelis fordern ein hartes Durchgreifen der Regierenden. Und die handeln entsprechend. Aber die "Operation Wolkensäule" ist riskant für Benjamin Netanjahu. Von Max Borowski, Kirjat Malachi

Israel, Gaza, Bombenangriff

Ein palästinensischer Feuerwehrmann sucht in den Trümmern des Gebäudes des Hamas-Innenministeriums in Gaza-Stadt nach Überlebenden©

Dem blassen, jungen Mann steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben. "Meine Schwester hat gerade vor zwei Wochen geheiratet und ist in das Haus gezogen", erzählt Schmulik, und zeigt auf das Gebäude, in dessen viertem Stock ein riesiges Loch in der Wand und in der Decke klafft. Hier, im Haus Nummer 160 im Habad-Viertel der israelischen Kleinstadt Kirjat Malachi ist wenige Stunden zuvor, um 8 Uhr am Donnerstagmorgen, eine der zahlreichen Raketen aus dem Gazastreifen eingeschlagen. Zwei Männer und eine Frau seien getötet worden, teilt die Polizei mit. Ein Kleinkind wurde verletzt ins Krankenhaus gebracht. "Durch ein Wunder" sei seiner Schwester im zweiten Stock nichts passiert, sagt Schmulik. Der 24-jährige Erzieher selbst wohnt mit seinen Eltern im Nachbarhaus.

Der Raketeneinschlag hat das beschauliche Viertel mit den heruntergekommenen 50er-Jahre-Wohnhäusern ins Zentrum der israelischen Politik gerückt. Rund 100 in- und ausländische Journalisten kommen an diesem Vormittag nach Kirjat Malachi. Vier Minister besuchen nacheinander das beschädigte Haus. Sie versichern den Anwohnern, den israelischen Fernsehzuschauern und der Weltöffentlichkeit, dass nun Israel die im Gazastreifen herrschende Islamistenorganisation Hamas "fertig machen wird". Auch Schmulik, der vor dem getroffenen Haus wartet, um einige Gegenstände aus der abgesperrten Wohnung seiner Schwester abzuholen, weiß genau, was Regierung und Militär jetzt zu tun haben. "Die Armee muss gegen die Araber so hart wie möglich zuschlagen."

Erstmals wird auch Tel Aviv beschossen

Die israelische Regierung hat mit der "Operation Wolkensäule", die am Mittwochnachmittag mit der gezielten Tötung des Hamas-Militärchefs Ahmed al-Dschaabari begann, die heftigste Eskalation im und um den Gazastreifen seit Jahren ausgelöst. In Gaza starben bis Donnerstagnachmittag bei über 100 israelischen Luftangriffen elf Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. Die Palästinensergruppen in Gaza schießen derweil rund 200 Raketen auf Orte in Israel - eine davon auf das etwa 15 Kilometer von Gaza entfernt liegende Kirjat Malachi. Und zum ersten Mal überhaupt wagt es die Hamas ,abends auch die Metropole Tel Aviv zu beschießen.

Die Anwohner und die Politiker, die sich vor der Kulisse des beschädigten Hauses aufstellen, sprechen die gleiche Sprache. "Wir sind stark, die Armee muss ihren Job jetzt durchziehen", sagt Baruch, ein Freund und Kollege Schmuliks, der ebenfalls in der Nachbarschaft wohnt. "Die Regierung wird nicht eher ruhen, bis die Bürger im Süden Israels in Ruhe leben", sagt Juli Edelstein, der Minister für Diasporaangelegenheiten und öffentliche Diplomatie. Alle sind sich einig, dass es diesmal keinen Kompromiss mit den Extremisten in Gaza geben darf. Anders als in den vergangenen Jahren, als die Armee immer mit einzelnen Luftangriffen auf Raketenbeschuss aus Gaza reagierte, soll das Ziel diesmal absolute Ruhe sein. Wenn es nötig sei, stünden auch Bodentruppen für eine Offensive bereit, beteuern die Minister in Kirjat Malachi.

Mit der Opferzahl steigt der Druck auf Israel

Auch die Oppositionsparteien - die zentristische Kadima und die Arbeitspartei - stehen bei der Offensive voll hinter dem rechten Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und seinen Generälen. Das Problem sei aber, dass die Regierung gar keine Strategie habe, wie sie ihr selbstgestecktes Ziel erreichen solle, sagt der israelische Sicherheitsexperte Jossi Alpher. "Die Forderung, dass die Hamas aufhören soll, uns zu beschießen ist nachvollziehbar und logisch." Doch der israelische Versuch, die Islamisten "fertig zu machen" oder durch die massiven Luftangriffe soweit in die Knie zu zwingen, bis sie bei Israel um eine Waffenruhe bitte, sei riskant, so Alpher. "Was, wenn Hamas nicht einknickt wie erwartet?" Mit jedem Tag und mit jedem zivilen Opfer in Gaza werde auch der internationale Druck auf Israel zunehmen.

Wenn sie nicht in wenigen Tagen eine Waffenruhe mit der Hamas erreichen, könnte die "Operation Wolkensäule" Netanjahu und seinen Verteidigungsminister Ehud Barak politisch beschädigen, glaubt Alpher. Und selbst, wenn bald wieder Ruhe einkehre, "können Netanjahu und Barak nur hoffen, dass sie etwa bis zu den israelischen Parlamentswahlen im Januar anhält". Die hohen Erwartungen an einen militärischen Sieg über die Hamas seien unerfüllbar.

Übernommen aus ... ... FTD.de.

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