Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Die Robin Hoods des Internets

Immer wieder sorgt die Internet-Seite Wikileaks für Schlagzeilen. Zweck des offenen Netzwerks ist, mehr oder minder geheime und vertrauliche Unterlagen zu veröffentlichen. Der hehre Anspruch: Die Öffentlichkeit soll die Machenschaften von Regierungen und Firmen besser kontrollieren können.

Von Hans-Martin Tillack

In Deutschland ist sie bisher noch nicht allen ein Begriff, doch im englischsprachigen Raum gilt sie bereits als feste Größe: Die Website Wikileaks. Mit dem Internetlexikon Wikipedia hat sie organisatorisch nichts zu tun, aber wie dieses sieht sich Wikileaks als ein offenes Netzwerk im Web. Seit 2006 veröffentlicht die Seite mehr oder minder geheime Dokumente aus vertraulichen Quellen - das englische Wort "leak" steht für Leck.

Ein Scoop in Deutschland, an dem Wikileaks beteiligt war, betrifft die Verträge über die deutsche Lkw-Maut, die die Bundesregierung im September 2002 mit dem Toll-Collect-Konsortium aus Daimler, Deutsche Telekom und Cofiroute schloss. Wikileaks hatte einen Großteil der bisher geheimen Anlagen zu dem Vertrag erhalten und sie dem stern zur Veröffentlichung angeboten. Der stern prüfte zunächst in wochenlanger Recherche die Authentizität und Relevanz der Unterlagen, bevor ein Artikel im stern erschien und die Originalpapiere auf Wikileaks publik gemacht wurden.

Brisantes Material

Es war nicht der erste spektakuläre Fall eines auf Wikileaks veröffentlichten Geheimdokuments, aber wohl der erste aus Deutschland. Zuvor hatte die Website bereits mit internen Handbüchern aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo Furore gemacht und unlängst eine Liste mit 16.000 Mitliedern der rechtsextremistischen British National Party öffentlich gemacht. In Deutschland ging es bisher eher um Papiere von etwas geringerer Brisanz, etwa ein so genannter Arguliner der Jungen Liberalen zum Umgang mit der Piratenpartei im Bundestagswahlkampf.

Mehr Wirbel gab es im vergangenen Jahr um interne Dokumente der Schweizer Bank Julius Bär, die kurz nach dem Bekanntwerden des Steuerskandals um den damaligen Postchef Klaus Zumwinkel auf Wikileaks online gestellt wurden. Die Bank erwirkte damals einen Beschluss bei einem US-Gericht; der kalifornische Server mit dem Dokument wurde gesperrt. Aber auf den Wikileaks-Rechnern in anderen Staaten waren die Dokumente weiter verfügbar.

Ideal der "offenen Regierung"

Angeblich hat Wikileaks bis heute 1,2 Millionen Dokumente online gestellt. Um die 1200 Freiwillige arbeiten laut Selbstdarstellung bei ihr mit. Die Seite nimmt für sich in Anspruch, sie sei von chinesischen Dissidenten sowie Journalisten, Mathematikern und Technologieexperten aus Europa und Ländern wie den USA, Australien und Südafrika gegründet worden. Die Betreiber von Wikileaks wollen helfen, den Bürgern zu ermöglichen, ihre Regierungen und große Firmen besser zu kontrollieren. Bedingung für eine gute Regierung sei eine "offene Regierung". Wikileaks selbst jedenfalls vertrete "keine kommerziellen oder nationalen Interessen".

Wie immer bei der Veröffentlichung von Geheimdokumenten stellt sich die Frage nach ihrer Authentizität. Wikileaks stützt sich dabei auf die Arbeit von Journalisten, auf eigene Mitarbeiter - und auf die "kollektive Intelligenz" der Nutzer. Die helfe bei Einordnung von Dokumenten. Aber Wikileaks verlinkt gelegentlich auch auf Unterlagen, bei denen die Betreiber selbst davon ausgehen (und dies auch angeben), dass sie Fälschungen sind. Darunter ist ein angeblicher Brief der Bank Julius Bär an Kanzlerin Angela Merkel vom 12. September 2007, in der die Kündigung all ihrer Konten in Zürich und dem Steuerparadies Guernsey angekündigt wird. Das Papier ist offenkundig als Fälschung zu erkennen - und sei es nur wegen mehrerer primitiver Englisch-Fehler in dem achtzeiligen Schreiben.

"Macht an den Bürger geben"

Trotzdem hob die englische Zeitung "Guardian" dieser Tage in einem Kommentar "zum Lob" von Wikileaks aus. Die Website nehme "den Mächtigen die Macht" und gebe sie "weiter an die Bürger". Wikileaks sei so ein zwar umstrittenes, aber unverzichtbares Beispiel für das, was das Internet vermag.

Wikileaks hat übrigens auch eine Wunschliste von Dokumenten, die die Seite gerne veröffentlichen würde. Dazu gehören die Fahrtenbücher von Familienministerin Ursula von der Leyen, deren Herausgabe der stern vergebens bei ihr beantragt hatte. Ebenfalls auf dem Wunschzettel standen bisher die Toll-Collect-Verträge. Die sind nun fast vollständig bekannt.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools