Militär befreit mehr als 65 Ausländer

18. Januar 2013, 14:48 Uhr

Die algerischen Sicherheitskräfte haben offenbar mehr als 65 Ausländer befreit. Das Vorgehen der Armee wurde von westlichen Staaten allerdings scharf kritisiert.

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Algerien, Geiselnahme, BP, Öl, Erdgas, Islamisten, Mali, Geiseln, Hollande, Gasfeld, Vorwürfe

Ein Hubschrauber der algerischen Armee kreist über dem Gelände, auf dem Islamisten ausländische Geiseln festhalten©

Mehr als die Hälfte der 132 ausländischen Geiseln in der Erdgasanlage in der südlichen Sahara sind einem Agenturbericht zufolge bei der algerischen Militäraktion befreit worden. Insgesamt sei es gelungen, 650 Menschen freizubekommen, darunter 573 Algerier, meldete die Agentur APS am Freitag unter Berufung auf Sicherheitskreise. Hunderte Leben seien gerettet und eine Katastrophe in der Öl- und Gasindustrie verhindert worden.

Nach dem Einsatz der algerischen Armee gegen islamistische Geiselnehmer auf einem BP-Gasfeld halten sich auf dem Gelände weiterhin einige Islamisten verschanzt. "Es gibt noch eine verschanzte terroristische Gruppe" in dem Komplex in In Aménas, erfuhr die Nachrichtenagentur AFP aus algerischen Sicherheitskreisen. Es sei "schwierig, über einen laufenden Einsatz zu sprechen". Zuvor hatte das britische Außenministerium zu der Geiselnahme in Algerien erklärt: "Der terroristische Zwischenfall ist weiter im Gange."

Die algerische Nachrichtenagentur APS hatte unter Berufung auf örtliche Behörden berichtet, die algerische Armee habe bei ihrem Einsatz nur einen Teil des Gasfelds unter ihre Kontrolle gebracht. Sie war am Donnerstag mit Boden- und Luftstreitkräften gegen die Geiselnehmer vorgegangen. Nach Regierungsangaben wurden mehrere Geiseln befreit, jedoch habe es auch Tote und Verletzte gegeben. Die Islamisten gaben an, bei dem Militäreinsatz seien 34 Geiseln und 15 Geiselnehmer getötet worden, und drohten mit der Tötung von sieben verbliebenen Geiseln.

Unterdessen traf im algerischen Sahara-Gebiet laut einem Medienbericht ein US-Flugzeug ein, das freigekommene US-Geiseln ausfliegen sollte. Die Maschine sei am Freitagmorgen auf dem Flughafen von In Aménas gelandet, berichtete der arabischsprachige Fernsehsender Ennahar TV.

Militäroperation wird bei Tageslicht fortgesetzt

Ein britischer Beamter sagte dem US-Sender CNN am Freitag, unter den Opfern des Terrorüberfalls sei eine "erhebliche" Zahl von Briten. Britische und amerikanische Beamte sagten voraus, die Militäroperation werde am Freitag bei Tageslicht weitergehen. Es gebe weiter Geiseln und Terroristen dort, zitierte der Sender einen nicht namentlich genannten hohen US-Beamten.

Die islamistischen Geiselnehmer drohten unterdessen mit weiteren Aktionen. Die mauretanische Nachrichtenagentur ANI, die enge Kontakte zu den Islamisten hat, zitierte am Freitag einen Sprecher der Gruppe mit der Warnung, die Algerier sollten sich von Einrichtungen ausländischer Firmen fernhalten.

Kritik an algerischer Informationspolitik

Zuvor hatten Großbritannien, die USA, Japan und Norwegen die algerische Informationspolitik bei der Militäraktion scharf kritisiert. Allem Anschein nach sind die Regierungen alles andere als glücklich mit der Befreiungsaktion der algerischen Armee, die neben zahlreichen Entführern auch Dutzenden Geiseln das Leben kostete. Wie ein Vertreter der US-Regierung am Freitag in Washington sagte, hatte die algerische Regierung die USA vorab nicht über ihre Absicht informiert, die Geiseln auf dem Gasfeld durch die Armee befreien zu lassen.

Auch Tokio sei über die Militäroperation zur Befreiung der Geiseln nicht informiert worden, sagte der japanische Regierungssprecher Yoshihide Suga am Freitag. Die Operation sei bedauerlich, wurde Suga von japanischen Medien zitiert. Unter den Toten sollen nach ersten Informationen auch zwei Japaner sein. Das Schicksal von 14 Landsleuten sei noch unklar, hieß es in Tokio. Drei Japaner seien in Sicherheit.

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg beklagte am Donnerstagabend, man habe noch immer keine sicheren Informationen über das Schicksal der Geiseln. Stoltenberg sagte in Oslo, dass seine Regierung Algerien offiziell um militärische Zurückhaltung zum Schutz der Geiseln gebeten habe. Er sei dann am Mittag um 12 Uhr telefonisch von seinem algerischen Kollegen lediglich über die bereits laufende Militäraktion informiert worden. Auch die offiziellen Informationen aus Algier nach dem vermutlichen Abschluss des Militäreinsatzes sei unvollständig gewesen.

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Die Geiseln wurden an der Grenze zu Libyen genommen. Das Erdgasfeld liegt im traditionellen Gebiet der Tuareg.©

Nur ein Teil der Anlage erstürmt

Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich unzufrieden. Großbritannien müsse sich auf weitere schlechte Nachrichten einstellen. Es sei eine "äußerst schwierige Situation", meinte Cameron. Auch die USA forderten "Klarheit" von Algier. Die Regierungen in den USA, Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Irland und Japan hatten zuvor bestätigt, dass sich Bürger ihrer Länder unter den Geiseln befinden.

Die algerischen Sicherheitskräfte konnten bisher offensichtlich nur einen Teil der von islamistischen Terroristen erstürmten Gasanlage im Osten des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Wie die staatliche Nachrichtenagentur APS am späten Donnerstagabend berichtete, sei der Wohnbereich befreit. Dies gelte jedoch nicht für die Produktionsstätte. Dort habe das Militär bewaffnete Terroristen umstellt. Zuvor hatte APS berichtet, die Befreiungsaktion sei beendet worden. Dann hieß es, diese Angaben hätten sich nur auf die Wohnanlage bezogen.

Friedrich: "Wir stehen im Fadenkreuz"

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief betroffen" über den Tod der Geiseln. "Diese Terroristen, das sind keine Freiheitskämpfer. Das sind brutale Kriminelle, die auch vor der Ermordung von Unschuldigen keinen Halt machen", sagte er in Brüssel nach Beratungen der EU-Außenminister. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich warnte vor der Terrorgefahr für Europäer. "Wir stehen im Fadenkreuz des islamistischen Terrors", sagte er beim Treffen der EU-Innenminister im irischen Dublin.

Hinter der Geiselnahme steht nach algerischen Angaben die Organisation al Kaida im islamischen Maghreb (AQMI). Die militanten Islamisten forderten ein Ende des französischen Einsatzes in Mali. Die algerische Regierung lehnt Verhandlungen mit den Terroristen strikt ab.

dho/mlr/sas/AFP/Reuters
 
 
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