Auf ihrem Krisengipfel in Brüssel versuchen die EU-Regierungen, eine einheitliche Linie gegenüber Russland und dem Kaukasus-Konflikt festzulegen. Im stern.de-Interview erläutert der Europaabgeordnete Elmar Brok, weshalb für die Europäer so viel auf dem Spiel steht.

Folgen eines Krieges: In der südossetischen Hauptstadt Tskhinvali zerrt eine 69-jährige Frau einen Ast durch die zerstörte Straßenflucht© Sergey Ponomarev/AP
Ich erwarte, dass die Regierungen eine einheitliche Haltung finden und nicht etwa zerstritten aus dem europäischen Gipfel herauskommen. Eine Spaltung der EU-Länder in dieser Frage wäre eine besondere Ermutigung für Russland, mit ihrer völkerrechtswidrigen Politik fortzufahren.
Diese Spaltung gibt es. Ziel der EU muss es nun sein, sie zu überwinden.
Saakaschwili hat auch von sich aus signalisiert, dass er zu dem Gipfel nicht kommen würde. Er will nicht aus Georgien ausreisen. Im Übrigen kommt es nun erst einmal darauf an, dass die 27 EU-Länder unter sich beraten, wie sie Russland zwingen können, den von der französischen EU-Ratspräsidentschaft ausgehandelten Sechs-Punkte-Plan zum Waffenstillstand einzuhalten.
Sanktionen treffen die Russen möglicherweise weniger als Handelsstörungen die EU. Diplomatischer Druck erscheint mir aussichtsreicher. Ich halte auch nichts davon, gleich zu Beginn alle Pfeile abzuschießen.
Es ist richtig, dass die Gemeinschaft deutlich macht, dass Russland eindeutig Völkerrechtsbruch begeht. Der scharfe Ton der französischen Regierung gegenüber Russland trifft die Sache: In Abchasien und Südossetien werden Georgier vertrieben. Es handelt sich ganz eindeutig um ethnische Säuberungen, wie wir sie auch auf dem Balkan erlebt haben.
Wir sollten aber gleichzeitig darauf achten, dass durch die Tonlage Gesprächskanäle nicht verschlossen werden. Das versucht auch die Bundesregierung. So sollte man etwa die laufenden Verhandlungen zu einem partnerschaftlichen Kooperationsabkommen mit Russland nicht dauerhaft blockieren. In den Verhandlungen geht es um die Energielieferungen aus dem Osten.
Richtig ist, dass die Politik der EU im Kaukasus auch einen strategischen Charakter hat. Das sollte man nicht leugnen.
Gori, das von russischen Truppen beschossen worden war, wirkte wie ausgestorben, als wir dort waren. Von den ursprünglich rund 45.000 Einwohnern waren allenfalls an die 7000 Menschen geblieben, der Rest war geflohen. Im Umland von Gori haben wir die Flüchtlingslager gesehen. Mittlerweile soll ein Teil der Bevölkerung in die Stadt zurückgekehrt sein. Wer von Tiflis nach Gori fuhr, musste acht russische Militärposten passieren. Die Stadt war abgeriegelt. Durch diese massive Kontrolle der Russen wird die georgische Regierung destabilisiert. Das ist keine Politik, die erlaubt ist.
Das Problem besteht darin, dass die Russen die Verkehrswege nicht freigeben.
Bei Nahrungsmitteln und Medizin-Lieferungen wäre es mir persönlich wichtiger, dass die Menschen etwas davon abbekommen als dass jede Zusammenarbeit mit Russland boykottiert wird.
Zunächst einmal ist die Wahl im vergangenen Januar im Großen und Ganzen sauber gelaufen, wie Wahlbeobachter damals festgestellt haben ...
Zweitens hat Präsident Saakaschwili sicher viele Fehler gemacht; unter anderem den, auf russische Provokationen hereinzufallen und das georgische Militär in Südossetien in Gang zu setzen. Wer auch immer mit dem Konflikt begonnen hat - es war Russland, dass Städte und die Bevölkerung eines souveränen Nachbarstaates beschossen hat, nicht Georgien.
Ja. Ich hätte von der Kommission und auch von dem Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik Javier Solana mehr Aktivität erwartet. Die Orientierungslosigkeit zeigt, wie sehr die EU den Reformvertrag von Lissabon und einen echten "Außenminister" braucht.
Eine Überdehnung der Union darf nicht stattfinden. Ich sehe deshalb nicht, dass die EU einen Beitritt von Ländern aus geopolitischen Gründen forcieren würde, die eigentlich für die EU noch nicht reif sind. Für Georgien und die Ukraine wird man aber eine engere Anbindung an die EU unterhalb des Beitritts finden müssen - etwa im Rahmen eines erweiterten Wirtschaftsraums oder bei der Visa-Politik. Bislang können Russen leichter in die EU einreisen als Georgier - das muss geändert werden.
Zur Person Elmar Brok ist Europaabgeordneter und außenpolitischer Koordinator der konservativen Europäischen Volkspartei. Zudem ist er Vorsitzender der außen-, sicherheits- und europapolitischen Kommission der CDU und beim Medienkonzern Bertelsmann Senior Vice President für die Medienentwicklung.