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Doppelmoral à la Nato

Da lacht der Russe, und der Westen wundert sich: Warum nur glauben die Nato-Staaten, dass allein Russland die Rolle des Bösen im Georgien-Konflikt zusteht? Wo doch das Verteidigungsbündnis Russlands kompromisslose Haltung provoziert hat. Und Georgiens Präsident Michail Saakaschwilli eigentlich vors Kriegsgericht gehört.

Ein Kommentar von Teja Fiedler, Mumbai

Es kommt alles auf den Blickwinkel an. "Die Nato hat sich als der Schurke des Stücks herausgestellt", schreibt der angesehene indische Leitartikler Nihal Singh in der Mumbaier Tageszeitung "Asian Age". Wie kann er nur, der Ignorant? Wo es doch der Nato nur darum geht, den Frieden zu bewahren, nicht nur rund um den Nordatlantik, wie einst im Gründungsvertrag vorgesehen, sondern weltweit und nun eben in Georgien. Aber der Mann schreibt ja aus seiner indisch verzerrten Perspektive auch einen solchen Satz: "Im Fall Georgien war es das nackte Abenteurertum von Präsident Michael Saakaschwilli, das Russland die Möglichkeit gab, seine Zähne zu zeigen."

Das 'Opfer' Georgien

Das sieht der Westen ganz anders. (Und die Russen mit ihrem neu entdeckten Allmachtsgehabe machen es ihm leichter.) Na ja, ein bisschen ungestüm habe der Herr Saakaschwilli schon gehandelt, ein bisschen problematisch auch. Aber das Wort Hasardeur oder gar Kriegsverbrecher nimmt, Ausnahme Gazprom-Schröder, auch von Deutschlands Regierungs-Politikern niemand in den Mund, nur weil da in einer Nacht- und Nebelaktion die südossetische Hauptstadt Zchinwali mit Raketen und Panzern angegriffen wurde ohne Rücksicht auf Zivilisten, dafür mit dem listigen Kalkül, die Eröffnung der Olympischen Spiele werde die Weltmeinung von diesem kleinen Eroberungsfeldzug ablenken. " Ein großer Teil ist befreit und die Kämpfe gehen weiter", so Saakaschwilli anfangs. Erst als sein Plan voll in die Hosen gegangen war, entdeckte er sich und sein Land als bedrohten Hort von "freedom" und "democracy". Und fand sein Publikum.

Doppelmoral à la Nato

Außerdem können die USA und ihre Verbündeten nicht verstehen, dass die Russen sich langsam eingekreist fühlen von all den neuen Nato-Staaten und den Fast- Nato-Staaten im Wartestand rundum. Und dass dem Kreml das amerikanische Raketenabwehrsystem, das doch nur Atom-Angriffe schurkischer Staaten von Iran bis Nordkorea vereiteln soll, ausgerechnet vor der Haustür in Tschechien und Polen installiert wird, zwei Ländern, die aus - nebenbei durchaus verständlichen historischen Gründen - nicht gerade Russlands engste Freunde sind. Sie sehen auch nicht ein, warum die Russen dauernd davon reden, was im Kosovo Recht war, müsse in Südossetien und Abchasien billig sein. Ging es doch im Kosovo um den gerechten Aufstand gegen ein paranoides Regime, während ein unabhängiges Südossetien völkerrechtswidrig die territoriale Integrität der demokratischen Republik Georgien verletzt!

Das deutsche Versprechen

Der Inder Singh kann die Russen und ihre Überreaktion verstehen. Er macht darauf aufmerksam, dass Deutschland zu Gorbatschows Zeiten ziemlich feierlich erklärte, nach Auflösung des Warschauer Pakts einer Ausweitung der Nato bis an die Grenzen Russlands entgegen zu treten. Und er stellt die unverbrüchliche Harmonie der Europäischen Union in Frage:"Die EU leidet an dem fast fatalen Defekt seiner neuen Mitglieder, die früher einmal Satelliten oder Teile der Sowjetunion waren und mehr daran interessiert sind, Russland nieder zu machen, als ihren Platz und ihre Stärke in einer wirkungsvollen Union zu finden."

Alles für die EU

Wie kommt dieser Inder nur darauf? Weiß er, dass viele Politiker in den alten Mitgliedsländern, ohne es natürlich zuzugeben, nur widerwillig in den paneuropäischen Chor der Russland-Verdammer einstimmen? Schließlich muss das hypotrophe Gebilde EU ja um jeden Preis weiter am Leben gehalten werden. Genauso wie der eine oder andere Regierungschef eines europäischen Nato-Landes es zwar nach außen abstreitet, doch privat zugibt, auch er/sie halte das Raketenabwehrsystem in Wahrheit für eine Provokation und die Begründung dafür zwischen abenteuerlich und schwachsinnig. Doch weil der Große Bruder jenseits des Atlantiks und die politische Räson es so wollen, stehen sie alle in Bündnistreue fest, sogar in Sachen Saakaschwilli. Bis die Russen den Gashahn zudrehen.

Teja Fiedler ist Indien-Korrespondent des stern und lebt in Mumbai

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