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30. August 2008, 19:35 Uhr

Steinmeier fordert Rückkehr zur Vernunft

Vor dem EU-Krisengipfel zum Georgien-Konflikt hat sich auch der russische Präsident Medwedew für einen konstruktiven Dialog zwischen Moskau und Brüssel ausgesprochen. Massive Kritik an der Regierung Saakaschwilis kommt jetzt von der OSZE. Die Lage in der Pufferzone bleibt dramatisch.

Eine Bewohnerin rettet ihre Habseligkeiten aus einem zerstörten Haus in Gori© Sergei Chirikov/DPA

Deutschland und Russland möchten die aktuellen Spannungen beilegen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier forderte vom EU-Gipfel, der am Montag beginnt, ein Signal der Stärke an die Konfliktparteien. Zugleich sprach er sich in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow für eine Beruhigung der Lage aus. Nach Angaben des russischen Außenministeriums kamen beide überein, dass alle Versuche, die Atmosphäre in Europa anzuheizen, zurückgedrängt werden müssten.

Steinmeier und Lawrow hätten betont, an den für Anfang Oktober geplanten deutsch-russischen Regierungskonsultationen trotz der Spannungen festhalten zu wollen, hieß es in Moskau. Eine drohende Ausweitung des Konflikts in Georgien auf andere frühere Sowjetrepubliken würden beide Politiker nicht sehen. Der russische Regierungschef Wladimir Putin hatte in einem Interview der ARD bereits am Freitagabend westliche Befürchtungen vor einer Invasion Russlands auf der zur Ukraine gehörenden Schwarzmeer-Halbinsel Krim als "Provokation" zurückgewiesen.

Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" kritisierte Steinmeier erneut die Anerkennung von Südossetien und Abchasien durch Moskau. Zugleich übte er Kritik an Georgiens Entscheidung, die diplomatischen Beziehungen zu Russland abzubrechen. "Die gefährliche Spirale der Eskalation" müsse unterbrochen werden. "Wir brauchen eine starke und besonnene europäische Rolle, um eine Rückkehr zu Vernunft und Verantwortung zu ermöglichen", sagte er.

Georgien verschärfte nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Russland die Visaregeln für russische Bürger. Präsident Michail Saakaschwili kündigte zudem schärfere Gesetze gegen eine Destabilisierung seines Landes an. Er warf Russland erneut vor, den Sturz seiner Regierung geplant zu haben.

Fehlverhalten der georgischen Führung

Massive Kritik an der Regierung Saakaschwilis kommt nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Dort heiße es, ein Fehlverhalten der georgischen Führung habe zum Ausbruch der Kaukasus-Krise beigetragen. In den Berichten der OSZE-Beobachter sei auch von möglichen georgischen Kriegsverbrechen die Rede, schreibt das Blatt weiter. Die Experten berichteten, dass die georgische Führung südossetische Zivilisten im Schlaf habe angreifen lassen.

In seinem Gespräch mit dem britischen Premier Brown warf Medwedew der Führung in Tiflis erneut vor, den jüngsten Krieg im Südkaukasus begonnen zu haben. Saakaschwili habe mit seinen "Aggressionen" gegen die abtrünnige Region Südossetien ein friedliches Zusammenleben von Südosseten, Abchasen und Georgiern in einem gemeinsamen Staat unmöglich gemacht. Russland setze sich für eine höhere Zahl von OSZE- Beobachtern im Konfliktgebiet ein, sagte Medwedew.

Zugleich wies er Vorwürfe zurück, dass Russland nach wie vor Truppen im georgischen Kernland stationiert habe und damit gegen den von der EU vermittelten Sechs-Punkte-Plan zur Beilegung der Krise verstoße. Russland halte den von Frankreich mit ausgehandelten Plan "vollkommen ein", sagte Medwedew im Gespräch mit Brown. Nach georgischen Behördenangaben sind noch knapp 1000 russische Soldaten in der Sicherheitszone stationiert.

Boykott der Olympischen Winterspiele 2014

Unterdessen berichten Helfer von einer dramatischen Lage in der Pufferzone. Bis zu 10.000 Menschen bräuchten dringend Hilfe, sagte der deutsche Arzt Richard Munz, der dort für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) im Einsatz ist. "Betroffen sind vor allem kranke und ältere Menschen, die ihre Dörfer nicht verlassen konnten". Wenn ihnen nicht geholfen werde, "werden sie den Winter nicht überstehen", warnte Munz.

Tschechiens Außenminister Karel Schwarzenberg sprach sich angesichts des russischen Vorgehens für einen Boykott der Olympischen Winterspiele 2014 in der russischen Schwarzmeer-Stadt Sotschi aus. "Ich finde, ein Fest des Friedens und des Sportes in unmittelbarer Nachbarschaft eines Ortes, wo man geschlachtet und einen aggressiven Krieg geführt hat, ist doch eine etwas merkwürdige Idee", sagte er der Wiener Zeitung "Die Presse".

DPA

 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
auwei (01.09.2008, 10:42 Uhr)
Wie gut...
...dass wir den Herrn Steinmeier haben - und das meine ich völlig unironisch. Als Gegengewicht zur außenpolitisch immer ungeschickter (oder bewusst einseitig, was noch schlimmer ist) handelnden Frau Kanzlerin weiß er, was internationale Politik bedeutet - und dass Idioten-Rhetorik à la "Georgien - die Fackel der Freiheit" niemanden auch nur einen Schritt weiterbringt. Glaubt denn irgendjemand im Ernst, die Russen lassen sich von den machtlosen USA und ihrern deutschen Kaltkrieger-Vasallen aus der schwarzen Ecke beeindrucken? Da müssen schon die Chinesen kommen. Frau Merkel hatte offensichtlich vergessen, dass Kritik und Dialog Hand in Hand gehen müssen (oder sie spielt bewusst das Good Cop - Bad Cop-Spiel. Nur: Wofür? Ach ja, für die Stammklientel der CDU).
Aquarius2 (31.08.2008, 22:33 Uhr)
Jawohl, Vernunft!
Schön wäre es gewesen, wenn ganz deutlich gesagt würde, wer denn alles zur Vernunft kommen soll.
Ich kann mir z.B. nicht vorstellen, dass die Rüstungsindustrie zur Vernunft kommt und auf Exporte in ehem. GUS-Staaten verzichtet. Bei Geld und Profit hört jede Vernunft auf. Das wird die Rüstungslobby unseren Politikern schon beibringen.
Swiftmemex (31.08.2008, 22:20 Uhr)
@LaoLu
Ganz genau, Beutekunst :) Das ist allemal realistischer als die Aussicht, das Steinmeier zwischen Russland und Georgien *irgendetwas* bewegen könnte :)
paulmaz (31.08.2008, 10:36 Uhr)
Grosse Klappe
Aha, jetzt heisst es also: Vollgas,
wir müssen zurück. Erst reisst Mer-
kel die Klappe bis zum Anschlag auf,
jetzt haben sie die Hosen voll. Wer
muss zurückrudern: Steinmeier. Und
Merkel geht wie immer auf Tauch-
station wenn es brenzlich wird. Die
kommt erst wieder hoch, wenn irgendwo
in der Welt genügend Kameras aufge-
baut sind und sie ihre Sprechblasen
in die Luft pusten kann.
LaoLu (31.08.2008, 08:38 Uhr)
Ja, die Beutekunst, Swiftmemex,
"elementarer Bestandteil deutscher/germanischer Geschichte"
- das ist wahrlich eine wichtige Aufgabe für unsern Außenminister.
Swiftmemex (31.08.2008, 03:30 Uhr)
Steinmeier und Vernunft
Erst aufplustern mit großer Empörung und jetzt fordert er die Rückkehr zur Vernunft. Grund dürfte die banale Feststellung sein, das Russland von all dem Gebrabbel, das der Westen in letzter Zeit von sich gegeben hat, relativ unbeeindruckt geblieben ist. Zwischen Deutschland und Russland besteht eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit. Die USA wären entsetzt, wenn es zu einer kooperativen Partnerschaft zwischen Deutschland bzw. der EU und Russland käme. Darum tun die USA mit Hilfe der Nato alles, um Russland einzukreisen und handlungsunfähig zu machen. Dabei entstehen dann solche Aktionen wie in Georgien. Russland wiederum kann kein Interesse daran haben, das die westlichen Staaten aus Afghanistan rausgehen, weil dieser Einsatz Truppen bindet und Geld kostet, das woanders nicht zur Verfügung steht. Wenn Steinmeier mal etwas konstruktives versuchen möchte, sollte er sich um die deutsche Beutekunst aus dem 2. Weltkrieg kümmern, die auf den Dachböden russischer Museen vor sich hin gammelt. Allem voran das Merowinger-Gold, elementarer Bestandteil deutscher/germanischer Geschichte.
Robbespierre (31.08.2008, 02:04 Uhr)
Deutsche Waffen, deutsches Geld...
Die deutsche Wirtschaft hat Angst um ihre Pfründe. Klaus Mangold spricht mit Merkel, Merkel mit Steinmeier und der ist endlich nicht mehr in Opposition zu Schröder. So wird der russische Faschismus dann letztlich hofiert. Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt...
flyingfree (31.08.2008, 01:10 Uhr)
OSZE
Die sind natürlich alle nur unwürdige Würstchen im Vergleich mit Mighty Merkel, aber offenbar haben die noch Hirn im Kopf und keinen Texaner im Brett davor.
gmathol (31.08.2008, 00:12 Uhr)
Vernünftig...
...wäre wenn man endlich mal den Amis den Marsch blasen würde. Der US Botschafter sollte einbestellt werden!
Die jetztigen Präsidentschaftskandidaten Obama und Biden rufen sogar zu erweiterten Kriegen gegen China, Indien und Russland auf!
Sind wir Europäer eigentlich so blöd das wir die US Kriegsverbrecher auf unseren Kontinent schalten und walten lassen. Die USA sollten endlich dazu gebracht werden ihre Kriege auf ihrem Grund und Boden zu führen.
kalaehne (31.08.2008, 00:10 Uhr)
Hat Frau Merkel auch Berater aus den USA....?
...so wie der in den USA ausgebildete Präsident Georgiens ? Hat Frau Rice, derzeit US - Außenminsterein unter Bush, bei Ihren Besuch in Tiflis kurz vor dem 8. August 2008 grünes Licht für die kriegerische Aktivitäten Georgiens gegeben ? Zudem, wer oder was ist der Auslöser für den Sinneswandel der Frau Merkel, derzeit Bundeskanzlerin in Deutschland, die sich im Juli 2008 erst gegen, dann aber im August 2008 für die Aufnahme Georgiens in die NATO ausgesprochen hat ? .... Juergen Kalähne, BGM a. D.
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