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25. November 2004, 12:27 Uhr

Land der Gegensätze

West gegen Ost - Reformwillige gegen die Sehnsucht nach dem starken Staat. Die Ukraine ist tief gespalten. Die Konfliktlinien laufen quer durch die Gesellschaft.

In den ländlichen Gebieten der Ukraine scheinen die Uhren langsamer zu gehen als in den Millionenstädten. Die Bauern im Osten fürchten den Fortschritt© Sergey Polzhenko/DPA

Wenn es überhaupt ein eindeutiges Ergebnis nach der umstrittenen Präsidentenwahl in der Ukraine gibt, dann dies: Die Kluft, die durch das Land geht, hat sich noch vertieft. Die Trennlinie verlaufe "zwischen der neu entstandenen Gesellschaft und den alten Autoritäten", sagt Wadim Karsajew, Leiter des Politischen Instituts für Globale Strategie. Oder wie es Andrij Blinow vom Internationalen Zentrum in Kiew ausdrückt: "Wir stehen vor einer Radikalisierung der Gesellschaft - zwischen Ost und West, Arm und Reich."

Ost-West-Konflikt

Im ukrainisch-sprechenden Westen des Landes sammelte der pro-westliche Oppositionskandidat Viktor Juschtschenko Stimmen. Er ist vor allem bei der Jugend beliebt. Im russisch sprechenden Osten lag der Favorit der Regierung, Ministerpräsident Viktor Janukowitsch, vorn.

Der Osten denkt konservativ, und das hat seine Gründe: Vor allem in der Region Donetsk ist die Schwerindustrie angesiedelt. Wegen der teils maroden Anlagen dürfte sie in einem offenen Markt gegen westliche Firmen keine Chance haben. Viele Arbeiter sehnen sich daher nach der schützenden Hand des Staates, die den Wettbewerb abhalten soll. Polizisten und Soldaten sowie andere Angestellte im öffentlichen Dienst erhalten von einem starken Staat Lohn und Brot. Die Armen haben genug vom Chaos der liberaleren postsowjetischen Zeit und wollen Stabilität und Ordnung.

Reformer gegen Oligarchen

Im Westen dagegen wollen viele die Öffnung der Grenzen, um westliche Investoren ins Land zu lassen. Sie wollen Handel treiben und sehnen sich nach Konsum. Die Reformer haben genug vom eisernen Griff des Staates und der grassierenden Korruption, die nur wenige Oligarchen-Familien reich gemacht hat: Sie richten den Blick nach Westeuropa, um ein Modell für ihre eigene Gesellschaftsordnung zu finden. Die Europäische Union und vielleicht auch die NATO warten.

Diese Forderungen der Reformer beobachtet der russische Präsident Wladimir Putin mit Misstrauen, er hat sich schon früh stark gemacht für Janukowitsch. Moskau sieht die Ukraine zusammen mit Weißrussland als slawisches Kernland und zählt die Region zur eigenen Einflusssphäre. Außerdem muss Moskau bei einer zu starken prowestlichen, reformorientierten Strömung Auswirkungen über die Grenzen hinweg fürchten: Die Opposition in Russland und in Weißrussland könnte angestachelt werden, gegen den zunehmend autoritären Kurs beider Regierungen aufzubegehren.

Misstrauen noch gewachsen

Nach der Wahl stehen sich Reformbefürworter und -gegner in der Ukraine unversöhnlicher denn je gegenüber: Die Opposition warf der Regierung Wahlfälschung und Betrug vor, Tausende gingen auf die Straße. Berichte über die Einschüchterung von Wählern und über Angriffe auf Wahlhelfer machten die Runde, Wahlbeobachter wurden nicht in die Wahllokale gelassen. Der Höhepunkt der Schlammschlacht war die mutmaßliche Vergiftung des Oppositionskandidaten Juschtschenko, dessen Gesicht innerhalb weniger Wochen aufschwemmte und vernarbte. Beide Seiten hatten am Wahltag wiederholt Unregelmäßigkeiten gemeldet.

Die Chance auf eine Aussöhnung ist vertan, viele befürchten, dass der Staat mit aller Macht den Kurs des aus dem Amt scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma fortsetzt: Kutschma hat die oppositionelle Presse unterdrückt, Spekulationen machten die Runde, dass der im Westen geächtete Autokrat die Ermordung eines Journalisten autorisiert habe.

Wladimir Polochalo, Chefredakteur des Magazins "Politichna Dumka", urteilt in den ukrainischen Medien: "Es dreht sich hier nicht nur um einen Versuch der umfassenden Fälschung, wir können von einem komplett kriminellen Wahlprozess sprechen".

Jim Heintz/AP
 
 
 
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