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18. September 2008, 11:46 Uhr

Vorsicht, bissig!

Sie nimmt die Bibel wörtlich, ist gegen Abtreibung auch nach Vergewaltigung und kennt die Welt nur aus dem Fernsehen. Doch die Provinzpolitikerin hat gute Chancen, Vizepräsidentin der USA zu werden. Von Giuseppe Di Grazia und Katja Gloger

Das Ziel vor Augen: Die US-Vizepräsidentschaft© Tim Shaffer/REUTERS

Viele Kirchen, viele deutsche Namen, grün die Hügel, redlich die Menschen. Cedarburg, Wisconsin, ist "small town America". Das Amerika jenseits der Metropolen, anständig, ordentlich. Die Bürgersteige sind geputzt, auf der Kreuzung Washington Avenue/Columbia Road drängt sich das Wahlvolk mit handgeschriebenen Plakaten: "Unabhängige für McCain", "McCain for President". Vor allem aber: "Palin rocks!" Mehrere Tausend sind gekommen, um Sarah Palin zu sehen, 44, Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten der USA. Die Frau, die neulich noch gefragt hatte: "Was macht ein Vizepräsident eigentlich den ganzen Tag?"

In Kleinstädten wie Cedarburg wird das Rennen entschieden. Bei den letzten Wahlen hatten die Demokraten in Wisconsin nur mit einem Prozent Vorsprung gewonnen. Noch führt Barack Obama in den Umfragen. Aber manchmal reichen schon ein paar Stimmen, um einen ganzen Bundesstaat umzudrehen. Ein paar Stimmen, die Sarah Palin liefern soll. Hier in Cedarburg soll sie auf Tuchfühlung mit dem Volk gehen. Rollout nennen das die Politstrategen. Markteinführung.

Hockey-Mütter

Bis vor zwei Wochen kannte sie so gut wie niemand, da war Sarah Palin fünffache Mutter und Gouverneurin in Alaska, die an Konferenzen über Frauen in Führungspositionen teilnahm und dabei über ihre Erfahrungen als Bürgermeisterin einer Kleinstadt plauderte. Jetzt wird sie als politischer Glücksfall der Republikaner gefeiert, als Heldin einer neuen konservativen Frauenbewegung gar. Symbolfigur der "Hockey Moms" - der weißen Vorstadtfrauen, die ihre Kinder zum Training und zu Sportveranstaltungen kutschieren. Und die verdammt noch mal stolz darauf sein wollen.

"Hockey-Mütter für John McCain", steht auf dem Plakat von Kathleen Lawlor, 50, blond, schlank, neun Kinder, aber sie spricht nur von Sarah Palin. Wie konservativ sie ist, und wie sie gegen Abtreibung kämpft. "Sarah hat eine große Familie, so wie wir. Sie steht zu ihrer Familie, so wie wir." Der behinderte Sohn? "Ist er nicht ein wunderbares Baby?" Die schwangere Tochter Bristol, gerade einmal 17 Jahre alt? "Ja, sie hat Mist gebaut. Aber hat nicht jeder in seiner Familie mal Probleme?"

Sarah Palin lächelt und schüttelt Hände, als ob sie nie in ihrem Leben etwas anderes gemacht hätte. Ihre Rede liest sie von einem Blatt ab, manchmal noch etwas holprig, doziert mit erhobenem Zeigefinger. Sie spricht von der Liebe zu Amerika, von Heldentum und Opferbereitschaft. Vom "wahren Wandel", den McCain nach Washington trage. Vom gottgegebenen Krieg im Irak und vom "Sieg unserer Truppen". Ja, vom Sieg. "Selbst Obama musste es zugeben."

Das alles verkündet sie im warmen Akzent des Mittleren Westens. Diese Sarah Palin spricht wie George W. Bush - ohne an George W. Bush zu erinnern. Nach ihr tritt John McCain auf, der Präsidentschaftskandidat. Man applaudiert höflich, als er den Washingtoner Bürokraten den Kampf ansagt. Aber man jubelt, als er über Sarah Palin spricht. "Wissen Sie, was Sarah machte, als sie Gouverneurin wurde? Sie verkaufte den Gouverneurs-Jet auf Ebay und machte auch noch Gewinn. Ich kann es kaum erwarten, sie nach Washington zu bringen." Und dazu strahlt er, stolz wie ein Vater - obwohl der Jet gar nicht auf Ebay verkauft wurde.

Es war klar, dass John McCain der Strahlkraft seines jungen, charismatischen Konkurrenten Barack Obama etwas entgegensetzen musste - und zwar rasch. Obama hatte mit seiner kämpferischen Rede vor 80.000 Fans und 38 Millionen Fernsehzuschauern gerade alle Rekorde geschlagen. Eine Überraschung musste her, ein Knallbonbon, ein Wunder.

Der Überraschungsfaktor

Monatelang hatte man unter höchster Geheimhaltung nach dem passenden Kandidaten für die Vizepräsidentschaft gesucht. Viele Namen standen auf der Liste, auch der einer gewissen Sarah Palin. John McCain hatte sie erst einmal getroffen, am Rande einer Konferenz. Doch die Konservativen drängten: Sie sei eine Frau für die Basis, vertrete eine neue Generation republikanischer Politikerinnen, die auch gegen vorgingen. Eine Frau, die ihr Leben zwischen Kirche, Blackberry und Milchpumpe erfolgreich meistert und auch noch Zeit fürs Lachsfischen in der stürmischen Bristol Bay findet. Ein langes Gespräch auf Mc- Cains Ranch in Arizona gab dann den Ausschlag, dass der 72-Jährige sie nominierte. Für ein Amt, nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt.

Palins erste Rede sahen 37 Millionen Zuschauer, innerhalb weniger Tage gingen mehr als zehn Millionen Dollar Spenden bei den Republikanern ein. Sie gilt schon jetzt als Star, und Amerikaner lieben Stars, die aus dem Nichts kommen. Die Nation ist neugierig auf diese Frau von "der letzten Grenze", wie die Amerikaner ihren 49. Bundesstaat nennen.

Alaska ist das größte und wildeste Stück Amerika, fast fünfmal so groß wie Deutschland. Doch nur 680.000 Menschen leben hier, so viele wie in Frankfurt. Jeder kennt jeden, und jeder erzählt Geschichten über jeden.

Besonders gern über Sarah Palin, die Beautyqueen, die gern High Heels trägt, die morgens um halb fünf aufsteht, um Karriere und Kinder hinzukriegen. Aber auch über die kleine Provinzfürstin, die gewiefte Taktikerin, die sich nur für Themen stark macht, mit denen sie gut ankommt. Die heute gegen die Verschwendung von Fördergeldern aus Washington hetzt, aber als Bürgermeisterin von Wasilla Lobbyisten beauftragte, ihrem Dorf 27 Millionen Dollar Subventionen zu verschaffen - pro Kopf 20-mal so viel wie im Rest der USA. Die streng Gläubige, die in den Schulen auch den Kreationismus unterrichten lassen will, die Lehre von der Erschaffung der Welt ohne Evolution. Und alle sagen: Man sollte Sarah Palin auf keinen Fall unterschätzen.

Pitbull mit Lippenstift

An dem Abend, als sie auf dem Parteitag der Republikaner im fernen St. Paul ihre erste große Rede hält, versammeln sich ihre Anhänger im "Tailgater's". Die Bar liegt an der Hauptstraße von Wasilla, einem Städtchen von rund 8000 Einwohnern, Palins Heimatort. Fast alle tragen T-Shirts mit "Go Sarah!". Als ihre Heldin im Fernsehen fragt: "Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Hockey Mom und einem Pitbull?", wissen sie die Antwort schon vorher und schreien: "Der Lippenstift."

Sie kennen ja ihre Sarah, wie sie den alten, korrupten Politikern in Alaska zugesetzt hat. "Das ist unser Mädchen. Sie kann sehr weiblich, sehr fürsorglich sein, aber dir auch ins Gesicht springen, wenn es sein muss", sagt der Bootsbauer Greg Bryant. Er will gerade einen Schluck von seinem Bier nehmen, hält aber inne, als er hört, dass Palin wieder Obama attackiert. Bryant ist ganz erregt: "Dieser Blick, als würde sie gleich zubeißen, das ist Sarah."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2008

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