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5. April 2009, 18:30 Uhr

Obama kam, sah und siegte

Devot in London, fordernd auf dem Nato-Treffen, kühn vor der Prager Burg: Während der Gipfel-Woche in Europa hat Barack Obama sein neues Amerika präsentiert. Als Führungsland, das sich nicht zu schade ist, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Ein Kommentar von Niels Kruse

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Job erledigt: US-Präsident Barack Obama kurz vor dem Abflug vom Prager Flughafen© Petr David Josek/AP

Da war er also, der Erlöser. Sechs Tage lang auf Europa-Tour, von einem Gipfel zum nächsten, eine Art Dauer-Kabinettssitzung der Weltregierung. Barack Obama Superstar: Immer lächelnd, immer cool, immer seine Frau Michelle an der Hand, die auch ohne den Glanz ihres Mannes die First Lady der internationalen Gemeinschaft wäre. Selbst ihr Fauxpas im Buckingham Palast, gegen jedes Protokoll Queen Elisabeth zu umarmen, vermehrte ihren Ruhm als neue Stil-Ikone nur noch. Die Königin herzte spontan zurück und sagte anschließend, wie sehr sie sich freuen würde, Michelle Obama häufiger zu treffen. Die Obamas kamen, sahen und siegten auf ganzer Linie.

Dabei ist es nicht so, dass sich der US-Präsident mit all seinen Ideen durchsetzen konnte. Noch mehr Konjunkturpakete zur Rettung der Weltwirtschaft aufzulegen etwa, wurde vor allem von den Europäern abgewürgt. Auch die Forderung nach mehr Truppen für Afghanistan löste wenig Begeisterung aus. Doch das Bemerkenswerte an Barack Obamas Gipfeltrip war eben genau diese Fähigkeit zum Kompromiss, zum konstruktivem Nachgeben, mit dem Willen Ergebnisse zu erzielen, anstatt mit aller Gewalt Recht behalten zu wollen. So war er devot in London, fordernd auf dem Nato-Treffen und kühn vor der Prager Burg. Obama hat die USA wieder zu einem Führungsspieler gemacht, dessen Größe darin besteht, sich bei Bedarf in den Dienst der Mannschaft stellen zu können.

Er tat wie versprochen

Wie zum Beispiel auf dem G20-Treffen in London. Die USA seien die Hauptverursacher der größten ökonomischen Krise seit Jahrzehnten, sagte er in der Runde der 20 größten Wirtschaftsnationen kleinlaut. Hätte er nicht die Ausstrahlung eines Superhelden, Barack Obama wäre in dem heruntergekommenen Veranstaltungssaal im Eastend zwischen den anderen Staats- und Regierungschefs kaum aufgefallen. Natürlich hatte er klare Vorstellungen davon, wie die Weltwirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen sei, doch er wusste auch: Gegen den Widerstand von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy würde er weitere Konjunkturprogramme nicht durchsetzen können. "Ich komme um zuzuhören, und nicht um zu belehren", hatte Obama gesagt. Er tat wie versprochen. Und nicht nur das: Statt bockig auf seinen Positionen zu verharren, half er unauffällig, aber eifrig mit, das G20-Treffen erfolgreich abzuschließen.

Natürlich hatte sich Obama in London das Büßergewand auch deswegen übergestreift, um wenig später die Nato-Partner, im Großen und Ganzen die gleichen Staatschefs wie beim G20-Treffen, milde zu stimmen. Zum 60. Jahrestag des Militärbündnisses in Straßburg und Kehl trat der US-Präsident deutlich selbstbewusster auf und unterstrich noch einmal seine Forderung nach mehr Unterstützung für die US-Soldaten in Afghanistan. Sein Kalkül: Gestern habe ich nachgegeben, jetzt seid ihr dran. Doch soweit kam es nicht. Zum einen einigten sich Obama und Merkel abseits der Konferenzsäle darauf, den Deutschen in Wahlkampfzeiten kein höheres Engagement am Hindukusch zuzumuten, aber zum anderen galt es, einen neuen Nato-Generalsekretär zu nominieren. 27 von 28 Nato-Länder favorisierten Anders Fogh Rasmussen, nur die Türkei wehrte sich gegen den Dänen, weil der sich einst nicht für die anti-muslimischen Karikaturen entschuldigt hatte. Letztlich bearbeiteten Merkel, Sarkozy und vor allem Obama den türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan solange, dass er dann doch der Personalie zustimmte – zum Dank darf die Türkei nun einen Stellvertreter Rasmussens stellen.

Dass das Nato-Spitzentreffen nicht an diesem kleinlichen Streit gescheitert ist, ist vor allem Barack Obama zu verdanken, der abermals Verständnis für die Belange seiner Verbündeten zeigte – aber zugleich auch deutlich machte, wer die größte Militärmacht der Welt ist und damit letztlich das Sagen hat.

Seine größte Stärke: die große, pathetische Vision

Diesen Status nutzte Obama auch beim letzten Spitzentreffen in Prag, wo die USA mit den Vertretern der EU zusammen kamen. Der Sinn der Veranstaltung war zwar einzig der, dass auch die kleineren EU-Länder, die weder beim G20 noch beim Natogipfel dabei waren, den neuen Mann im Weißen Haus mal beschnuppern durften, aber Barack Obama nutzte die Gelegenheit seine größte Stärke auszuspielen: die große, pathetische Vision. Vor der malerischen Kulisse der Prager Burg träumte er von einer Welt ohne Atomwaffen und kündigte eine neue Abrüstungsrunde an, die er bereits wenige Tage vorher in London mit dem russischen Präsidenten Dimitri Medwedew ausgehandelt hatte.

Wie der Zufall es so wollte, hatte wenige Stunden vorher die Problemdiktatur Nordkorea unter Protest der Weltmächte eine Langstreckenrakete getestet. Es hätte nicht dieser Drohgebärde gebraucht, um auf die Dringlichkeit des Problems hinzuweisen – aber sie machte noch einmal deutlich, was die Welt am wenigsten braucht: Nuklearwaffen. Natürlich rannte Obama mit seinen Abrüstungsvorschlägen offene Türen ein. Und natürlich treiben ihn auch ganz pragmatische Gründe an: Der Unterhalt dieser Abertausenden von Atomwaffen verschlingt Unsummen, zudem sind sie angesichts der aktuellen globalen Bedrohungslage schlicht irrelevant, wie britische Top-Generäle jüngst in einem Brief schrieben. Aber vor allem sendete der US-Präsident an Länder wie Iran und Nordkorea das Signals aus: "Seht her Leute, wenn wir Großmächte auf Atomwaffen verzichten können, könnt ihr das auch." Die vergangene Woche hat gezeigt: Die Vereinigten Staaten unter Barack Obama sind eine Supermacht, die zuhört, mitspielt und ein Vorbild sein will. So sehen Sieger aus.

Ein Kommentar von Niels Kruse
 
 
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