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1. Oktober 2001, 15:50 Uhr

Eine Religion im Visier

Sie morden im Namen Allahs. Sie fordern den Tod der Ungläubigen. Seit den Anschlägen in Amerika bewegt viele die Frage, wie gefährlich Muslime sind. Fundamentalisten haben sie in Verruf gebracht.

Höhepunkt im Leben eines Gläubigen: die Pilgerfahrt nach Mekka© REUTERS

Sie sind weit über eine Milliarde Menschen. Sie leben in Kasachstan wie in Kreuzberg, in Tansania wie in der Türkei, am Roten Meer wie im Hindukusch, in Bradford in Großbritannien wie in Bangladesch in Südostasien.

Sie werden regiert von Diktatoren wie dem Iraker Saddam Hussein oder Demokraten wie dem Türken Bülent Ecevit, von Monarchen wie König Abdullah von Jordanien oder Revolutionären wie Muammar Al-Gaddafi in Libyen, von Militärs wie dem pakistanischen General Pervez Musharraf, von Frauen wie der indonesischen Megawati Sukarnoputri oder von Gotteskriegern wie Mullah Omar in Afghanistan.

Zu ihnen gehören so unterschiedliche Menschen wie der französische Fußballstar Zinedine Zidane oder der deutsche Grüne Cem Özdemir, der britische Schriftsteller Salman Rushdie oder das ehemalige Foto-Model Iman aus Somalia, der Pop-Star Tarkan aus der Türkei oder der Boxer Muhammad Ali aus den USA, die deutsche Society-Säule Begum Inaara, der zypriotische Couturier Hussein Chalayan oder der britische Sänger Cat Stevens alias Yusuf Islam.

Keine gemeinsame Sprache

Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, sie haben nicht dieselbe Hautfarbe. Sie sind Sunniten, Schiiten, Sufis, Ismailiten, Alewiten, Wahhabiten, Salafiten. Es gibt traditionelle Muslime, marxistische, fanatische, mystische und solche, die gar nicht an Gott glauben. Nichts eint sie, außer dies: Sie selbst oder wenigstens ihre Eltern und Großeltern streben danach, die fünf Säulen des Islam zu erfüllen: das Glaubensbekenntnis "Schahada", das fünfmal täglich geforderte Gebet "Salat", das Fasten "Saum" im Monat Ramadan, die Entrichtung der Armenspende "Zakat" sowie, einmal im Leben, die Pilgerfahrt nach Mekka, den "Hadsch". Und die meisten von ihnen glauben an die göttlichen Verkündigungen, die dem vermutlich 570 geborenen Araber Mohammed 40-jährig in Mekka im heutigen Saudi-Arabien zuteil wurden und erst endeten mit seinem Tod am 8. Juni 632.

Viele allerdings fühlen sich einfach nur der Kultur zugehörig, die seine Lehre geprägt hat und die geschrieben steht im Koran, der heiligen "Mutter aller Bücher", dem für die Gläubigen endgültigen und bis in alle Ewigkeit vollkommenen Wort Gottes. Denn so wie sich für die Christen Gott in Jesus verkörpert, so verkörpert Gott sich für die Muslime im Koran.

Mohammed dagegen, Karawanenführer von Beruf und zutiefst verstört durch seine Berufung, ist Menschensohn, nicht Gottes Kind. Nicht er wendet sich im Koran an die Menschen, sondern der Allerhöchste selbst. Das Buch der Bücher durchdringt sämtliche Bereiche des Daseins und regelt die Dinge des Lebens: die richtige Art, ein Tier zu schlachten, ebenso wie den Wucherzins oder den "Dschihad". Dieser ist ein Konzept, das Kampf für den Glauben bedeutet, aber auch das Ringen mit sich selbst im Streben nach Vollkommenheit.

Stets wird die "Schahada" auf Arabisch gesprochen

"La ilaha illa 'llah, Muhammadun rasulu 'llah" - "Es gibt keinen Gott außer Gott, Mohammed ist der Gesandte Gottes": Allen Muslimen, auch den ungläubigsten unter ihnen, ist das Glaubensbekenntnis vertraut. Wo auch immer sie leben, was auch immer ihre Muttersprache ist, ob Urdu oder Türkisch, ob Farsi oder Peul, stets wird die so genannte "Schahada" auf Arabisch gesprochen, in der Sprache des Propheten Mohammed. Manchen wird es gleich nach ihrer Geburt von ihren Vätern ins Ohr geflüstert, manche leiern es nur gelangweilt im Religionsunterricht herunter. Manche richten sich daran auf, die meisten wünschen sich, diese Worte vor ihrem Tod aussprechen zu können.

Egal ob sie für diese Botschaft empfänglich sind oder nicht, vernommen haben sie sämtliche Muslime auf Erden. Ebenso wie die Feststellung "Allahu akbar", "Gott ist groß", die vor und nach jedem Gebet ausgesprochen wird. "Allahu akbar": Das ist zugleich jener gewaltige Schrei, tausendfach gehört aus den Kehlen derer, die sich erniedrigt und beleidigt fühlen von Kabul bis Köln. Der Schlachtruf, vor dem der Westen mit all seinen Errungenschaften und Reichtümern und trotz seiner Militärmacht nicht erst seit dem Massenmord in New York erzittert, sondern seit der schiitischen Revolution 1979 im Iran.

Als der Fundamentalismus die Weltbühne betrat

Damals betrat der politische Fundamentalismus erstmals die Weltbühne, in Gestalt des grimmigen Geistlichen Ayatollah Khomeini, zunächst unter Applaus des so genannten Abendlandes. Im Morgenland ersetzte der "Heilige des 20. Jahrhunderts" (so der damalige amerikanische UN-Botschafter Andrew Young) die Despotie des vom Westen erst hochgerüsteten und dann fallen gelassenen Schahs Reza Pahlewi durch die Diktatur des Einen, des Einzigen, des Allmächtigen, durch "ein Sammelsurium von so konfusen wie irrationalen Tendenzen, die unter dem Deckmantel einer Rückkehr zu den frommen Ahnen einen Rückschritt zu einer toten Vergangenheit predigt", wie der zutiefst gläubige ägyptische Richter Muhammad Said al-Ashmawy schreibt. Für die Fundamentalisten gilt: Nicht der Islam soll modern sein, sondern die Moderne soll islamisch werden. Und was islamisch ist, bestimmen allein sie.

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