Das vergangene Jahrzehnt hat gezeigt, dass die seit 500 Jahren andauernde Vorherrschaft des Westens langsam zu Ende geht. Was darauf folgt, hängt vor allem von China ab. Von Niall Ferguson

Symbol des amerikanischen Machtanspruchs: Das Gebäude der New Yorker Börse© Henny Ray Abrams/AP
Ich weiß nicht mehr, wann genau ich zu der Erkenntnis kam. War es 2008 inmitten des Smogs und Staubs von Chongqing, als ein Vertreter der Kommunistischen Partei vor einem riesigen Schutthaufen erklärte, hier werde dereinst das Finanzzentrum für Chinas Südwesten stehen? Oder war es erst jüngst im November in der Carnegie Hall, als ich wie gebannt der Musik der jungen chinesischen Komponistin Angel Lam lauschte? Ich glaube, erst dann, kurz vor dem Ende, habe ich wirklich verstanden, worum es während des vergangenen Jahrzehnts ging: Wir erleben das Ende von 500 Jahren Vorherrschaft des Westens.
Mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends bildete die New Yorker Börse den Knotenpunkt eines weitverzweigten Wirtschaftsnetzes, das von den USA entworfen worden war und sich auch weitgehend in deren Besitz befand. Doch acht Monate nach seinem Amtsantritt wurde der damalige US-Präsident George W. Bush mit einem Ereignis konfrontiert, das eindringlich die zentrale Stellung Manhattans für die westlich dominierte Welt unterstrich: die Zerstörung des World Trade Center durch Al-Kaida-Terroristen.
Die darauf folgenden Ereignisse waren wie ein Rausch. In Afghanistan wurden die Taliban gestürzt. Eine "Achse des Bösen" wurde als reif für den "Regimewechsel" befunden. Im Irak wurde Saddam Hussein gestürzt. Die Beliebtheit des Präsidenten aus Texas wuchs, er war auf dem besten Weg zur Wiederwahl. Dank Steuersenkungen erholte sich die US-Wirtschaft. Das "alte Europa" und die Linksliberalen in Amerika konnten nur machtlos und wutschäumend zusehen. Wenn Napoleon in Hegels Worten "die Weltseele zu Pferde" war, dann verkörperte Arnold Schwarzenegger den "Zeitgeist am Steuer eines Hummer".
Während meiner Reflexionen über den Aufstieg und wahrscheinlichen Untergang des Imperiums Amerika kristallisierten sich für mich drei fatale Defizite heraus, an der die Macht der USA litt: ein Defizit an Personal (zu wenig Soldaten im Irak), ein Defizit an Aufmerksamkeit (zu wenig öffentliche Begeisterung für die langfristige Besatzung eroberter Länder) und vor allem ein Defizit an Geld (zu wenig Ersparnisse im Verhältnis zu Investitionen und zu wenig Besteuerung im Verhältnis zu den öffentlichen Ausgaben). Für mich war das Aha-Erlebnis des Jahrzehnts die Erkenntnis, dass das klaffende US-Leistungsbilanzdefizit zunehmend von Zentralbanken in Asien finanziert wurde - allen voran von den Chinesen.
Dieser Artikel wurde gefunden... ...in der Financial Times Deutschland
Zur Person Niall Ferguson ist Professor für Geschichte an der Harvard Universität im amerikanischen Cambridge. Er befasst sich vor allem mit Themen der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte.