5. Oktober 2012, 20:58 Uhr

Korruptionsverdacht treibt Politiker in den Selbstmord

Griechenlands Behörden gehen angesichts des drohenden Staatsbankrotts verstärkt gegen korrupte Politiker vor. Für den früheren Vize-Innenminister Tsanis wurde der Druck der Ermittlungen zu groß. Von Andreas Albes

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Der frühere Pasok-Politiker Leonidas Tsanis hat sich in seiner Garage das Leben genommen©

Anwohner in der griechischen Kleinstadt Volos am Pagasitischen Golf berichten von einem schrillen Schrei, den sie gestern Abend hörten. Er stammte von Maria Tsanis, die ihren Mann erhängt an einem Drahtseil in der Garage fand. Nachbarn eilten noch zur Hilfe. Doch bei dem Toten hatte bereits die Leichenstarre eingesetzt. Ein Arzt, der um 22.10 Uhr eintraf, stellte fest, dass sich Leonidas Tsanis, 57, bereits fünf Stunden zuvor das Leben genommen hatte. Seine Frau war nicht im Haus gewesen.

Tsanis war zwischen 1999 und 2001 stellvertretender Minister für Inneres, öffentliche Verwaltung und Dezentralisierung. Er gehörte der sozialistischen Pasok-Partei an, die in zahlreiche Korruptionsskandale verwickelt ist. Nun tauchte Tsanis' Name auf einer Liste auf, die gerade unter großem politischen Druck von der Athener Staatsanwaltschaft veröffentlicht wurde. Darauf werden 36 amtierende und ehemalige Politiker sowie Spitzenbeamte geführt, gegen die wegen Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung und anderer Finanzdelikte ermittelt wird. Unter ihnen viele Prominente wie der ehemalige Athener Bürgermeister, der amtierende stellvertretende Parlamentsvorsitzende, ein ehemaliger Kultusminister und ein Ex-Transportminister.

Vorwürfe wegen Casino-Affäre

Der Verdacht gegen Tsanis, so mutmaßt die griechische Presse, stammt aus der Zeit vor seiner Karriere im Ministerium. Da bekleidete er den Posten als Vorsitzender einer Enquete-Kommission zur Überprüfung illegaler Glücksspiellizenzen. Konkret ging es um ein Casino im Athener Nobelviertel Flisvos, Standort der landesgrößten Marina für Luxusyachten. Ein Millionenprojekt, für das auch amerikanische Investoren bereitstanden. Am Ende platzte der Deal wegen ungesetzlicher Genehmigungen. Auch die Amerikaner fühlten sich betrogen und zogen vor Gericht. Die Kommission unter Tsanis sollte Licht in die Affäre bringen. Stattdessen wurden die Hintergründe nur noch mehr verschleiert. Schon damals gab es Vorwürfe gegen Tsanis.

Vermutlich geriet er auch jetzt wieder wegen der Casino-Affäre ins Fadenkreuz der Fahnder. In der berüchtigten Liste, die in Griechenland "Liste der schmutzigen 36" genannt wird, steht unter Tsanis' Namen nur: "Ermittlungsbeginn 31. Mai 2012, Konten werden überprüft, Steuerbescheide analysiert." Am Mittwoch hatte er einen Termin bei der Staatsanwaltschaft in Thessaloniki, Abteilung Finanzstraftaten. Worum es konkret ging, ist nicht bekannt, auch nicht, ob Tsanis einen Abschiedsbrief hinterließ, bevor er sich das Leben nahm.

Ehemalige Parteifreunde beschreiben ihn als "schwachen Charakter". Einer sagte: "Er war politischem Druck nie besonders gewachsen." Bereits vor zehn Jahren hatte er sich aus der Politik zurückgezogen und nur noch als Anwalt gearbeitet. Seit sein Name nun wieder in der Öffentlichkeit auftauchte, sei er mit den Nerven am Ende gewesen. Immer wieder habe er gesagt: "Noch einmal kann ich diese Erniedrigungen nicht ertragen." Als Tsanis gestern Mittag mit einem alten Schulfreund telefonierte, habe der ihn gefragt: "Bist du krank? Deine Stimme klingt so gebrochen." Tsanis habe erwidert: "Ich bin nicht krank. Wir reden später." Kurz darauf brachte er sich um. Er hinterlässt einen Sohn und eine Tochter.

 
 
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