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13. Juni 2008, 08:06 Uhr

US-Regierung spielt Folgen herunter

Fast alle Beobachter halten das Guantanamo-Urteil des US-Verfassungsgerichts für eine schallende Ohrfeige für die Regierung Bush. Zu eindeutig hatte das Oberste Gericht des Landes erklärt, dass die Insassen des Gefangenenlagers Guantanamo vor amerikanischen Zivilgerichten klagen dürfen. Justizminister Michael Mukasey sieht das anders.

Derzeit hält die US-Regierung noch etwa 270 Gefangene auf Guantanamo fest© Brennan Linsley/AP

Eigentlich lässt das Urteil kaum Spielraum für Interpretationen: Amerikas Oberster Gerichtshof hat in seinem jüngsten Urteil entschieden, dass die Insassen des US-Gefangenenlagers Guantanamo vor amerikanischen Zivilgerichten gegen ihre Inhaftierung vorgehen dürfen. US-Justizminister Michael Mukasey sieht das zum Teil anders. "Die Gerichtsentscheidung betrifft nicht Prozesse der Militärkommission, die weitergehen werden", sagte Mukasey bei einem Treffen der G-8-Justizminister in Tokio.

Mukasey erklärte, er sei enttäuscht über das dritte Urteil gegen Bushs Regierung im Zusammenhang mit Guantanamo. Das Urteil betrifft seiner Ansicht nach aber nicht die Militärgerichtsprozesse, sondern nur das Verfahren, nach dem feindliche Kämpfer festgehalten werden. Man werde sich an die Auflagen halten und prüfen, ob ein neues Gesetz oder andere Maßnahmen erforderlich seien, erklärte er.

Anwälte sehen völlig neue Rechtslage

Vertreter der Guantanamo-Gefangenen, deren Prozess demnächst beginnt, halten genau das Gegenteil für richtig. Korvettenkapitän Brian Mizer, der den seit sechs Jahren in Guantanamo inhaftierten ehemaligen Fahrer von Osama bin Laden verteidigt, erklärte, das Oberste Gericht habe den gesamten rechtlichen Rahmen auf den Kopf gestellt, nach dem seinem Mandanten Salim Hamdan der Prozess gemacht werden solle. Der Prozess ist das erste Kriegsverbrecherverfahren in Guantanamo überhaupt und soll am 14. Juli beginnen.

Auch für den vergangene Woche in Guantanamo begonnenen Prozess gegen fünf mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 erwartet die Verteidigung Auswirkungen. Korvettenkapitän Suzanne Lachelier, Anwältin des angeklagten Ramsi Binalschibh, sagte: "Der ganze Zweck der Regierung war, die Anwendung der Verfassung zu umgehen. Das funktioniert offensichtlich nicht mehr."

Die Regierung von Präsident George W. Bush hatte bislang den Standpunkt vertreten, sie könne feindliche Kämpfer ohne Anklage für die Dauer eines Konflikts festhalten, um die USA und ihre Verbündeten zu schützen. Im Fall des von ihr erklärten "Kriegs gegen den Terrors" könne das Generationen dauern.

Bush verurteilte die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs. "Ich bin mit dieser Entscheidung nicht einverstanden", sagte Bush nach einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi in Rom. Seine Regierung werde bis zuletzt alles tun, um die Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten. Dennoch werde er die Entscheidung respektieren, betonte der US-Präsident.

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Es-ist-zum-Kotzen (13.06.2008, 11:01 Uhr)
Ein furchtbarer Jurist
Einfach schrecklich, dieser Verteidigungsminister, der sich nun juristische Winkelzüge einfallen lässt, um weiter Menschen zu quälen, zu foltern, zu verschleppen und irgendwann "legal" verschwinden zu lassen.
Und diese Art und Weise, sich die Realität schönzubiegen und -zureden scheint symptomatisch für diesen Berufsstand zu sein.
-ich- (13.06.2008, 10:47 Uhr)
Da hat der vegefranz
aber wieder mal nix aber auch gar nix verstanden.
Es geht nicht um´s "jahrelange klagen" sondern um ein faires und zügiges rechtsstaatliches Gerichtsverfahren, wo die Anklagevertretung sich nicht auf durch Folter erzwungene Geständnisse berufen darf.
vegefranz (13.06.2008, 10:05 Uhr)
wichtig
es ist wichtig, daß jeder gegen alles und jeden jahrelang klagen kann
-ich- (13.06.2008, 09:54 Uhr)
Der eigentliche Skandal ist,
dass das US-Gericht 6 Jahre für diese Erkenntniss gebraucht hat. Tolle Alibileistung.
Solange Bush, Chayne, Wolfowitz und ein par weitere Kriegs- und Folterverantwortlichen nicht vor Gericht gestellt werden, unterscheidet sich die USA in Sachen Folter und Völkerrechtswidrigen Angriffskriegen nicht viel von anderen "Schurkenstaaten" wie beispielsweise dem alten Saddam Regime.
Ernst1 (13.06.2008, 09:52 Uhr)
Hat man den Fahrer von Hitler auch hinrichten lassen
Das ist doch der beste Beweis für absolute Inkompetenz. Da hällt den "Fahrer" seit 5 Jahren fest. Ohne anständige Gerichtsverhandlung ohne Rechtsbeistand. Neben den Folterungen und den "anderen" Guantanamos eine große Schande für die Amerikaner. Die sind nicht besser als die Hisbolah
undjetztnochder (13.06.2008, 09:21 Uhr)
Die Sicherheit des amerikanischen Volkes
zu verteidigen, ist Pflicht und Recht eines jeden amerikanischen Präsidenten. Dass dafür auch bisweilen Festnahmen erforderlich sind, steht außer Zweifel. Nur: es gibt Standards, von denen niemand im Namen einer "guten Sache" abweichen kann, auch kein amerikanischer Präsident. Moralisch-ethisch war das schon immer so, und durch das jüngste Urteil ist das jetzt auch nochmal juristisch klar gestellt worden - auch für die USA. Also: Festnahmen, Prozesse, Verurteilungen zu Gefängnisstrafen ja, Willkür nein. Zu beachten sind stets die Menschenrechte, die internationalen Konventionen wie z.B. die Genfer - und nicht zuletzt auch die amerikanische Verfassung. Der Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel. Und was letztlich auch noch zu beachten ist: wer seine Feinde fair behandelt, handelt nicht nur in Übereinstimmung mit der christlichen Tradition (auf die Bush sich ja so gerne beruft), sondern beeindruckt damit auch seine Gegner. Und damit tut er evtl. sehr viel mehr für die Sicherheit des amerikanischen Volkes als durch Gefänginsse a la Abu Graib oder Guantanamo.
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