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27. April 2008, 10:23 Uhr

Einmal Weltmacht und zurück

Vor 200 Jahren fiel ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung auf China. Dank Seide, Tee und Gewürzen. Nun exportiert das Reich der Mitte DVD-Spieler, Spielzeug sowie Kleidung und kehrt damit zurück, wo es lange war: auf den Thron der mächtigsten Handelsnation der Welt. Von Olivia Kühni

Kaffiya für die Welt: 163 Milliarden Euro hat China mit seinen Exporten verdient© Aly Song/Reuters

Bleihaltiges Plastikspielzeug, solides Autozubehör, billige DVD-Spieler: an China kommt kein Verbraucher mehr vorbei. Waren im Wert von mehr als 50 Milliarden Euro verschiffen die Chinesen jährlich nach Deutschland, nur aus Frankreich und den Niederlanden kommt mehr in hiesige Läden. Die Gesamtbilanz weltweit: 163 Milliarden Euro hat China im vergangenen Jahr über Ausfuhren verdient - netto. Noch sind die Volkswirtschaften der USA, Japans und Deutschlands größer als die chinesische. Wächst diese aber weiter wie bisher, ist das Reich der Mitte in wenigen Jahren, was es lange Zeit war: die mächtigste Handelsnation der Welt.

Die Seidenstraße damals: Vom Reich der Mitte bis in den Nahen Osten© stern.de-Infografik

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte China den Europäern vor allem Luxus gebracht. Glänzende Seide schickten die fernen Händler, exotische Gewürze, Tee, Öle, Edelsteine, Gold und Glas. Die Karawanen mit den wertvollen Schätzen zogen die Seidenstraße entlang, reisten durch die Wüste Gobi, über die staubigen, kargen Berge Afghanistans und Irans bis in die syrische Handelsstadt Damaskus. Von hier aus erreichten die edlen Güter die großen Zentren des Mittelmeerraums: Konstantinopel, das heutige Istanbul, Jerusalem, Kairo, Rom, Florenz und Venedig.

Und dann entdeckten die Europäer die Wissenschaft

Später verluden die Chinesen ihre Güter auf Schiffe; die Präsenz auf den Märkten Europas blieb. China war die wirtschaftliche Großmacht, gefürchtetes und geachtetes Reich der Mitte - bis das nachzüglerische Europa vor 200 Jahren die Wissenschaft entdeckte.

Mit Dampfmaschinen und Fabriken eroberte Europa im 19. Jahrhundert die Weltwirtschaft, während China an seiner eigenen Bürokratie erstickte. Die Verhältnisse hatten sich umgekehrt: Von nun an war es die alte Welt, die bei Verträgen mit Asien und Arabien die Bedingungen diktierte. Noch 1820 hatte China ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung produziert, nur siebzig Jahre später war sein Beitrag auf ein Zehntel geschrumpft. Das frühere Großreich war für die erstarkten Europäer bloß noch ein Land unter vielen. Fern und fremd, faszinierend vielleicht, aber wirtschaftlich völlig unbedeutend. Im 20. Jahrhundert schließlich kam Mao Tse-Tung, verbot das Privateigentum und schloss die Grenzen, und die einst glanzvolle Handelsmacht erstarrte vollends im Griff des realen Sozialismus.

Mao ist lange tot, und seine Nachfolger in der kommunistischen Partei Chinas organisieren die Rückeroberung der Weltwirtschaft. Die Waren, die heute von den Häfen in Shanghai, Ningbo oder Guangzhou in die Welt verschickt werden, sind keine betörenden Luxusgüter mehr, sondern kühle Gebrauchsgegenstände: Maschinen für 120 Milliarden Euro im Jahr, Mobiltelefone, TV-Geräte und Radios für 90, Computer für 80, Textilien für 60, Chemikalien und Stahl für je 40 Milliarden Euro - Produkte im Wert von insgesamt 600 Milliarden Euro. Vieles davon landet in Deutschland.

Nach den USA, Japan und Korea ist die Bundesrepublik für China das viertwichtigste Abnehmerland weltweit. Und seit die USA mit ihrer Immobilienkrise und einer immensen Verschuldung kämpfen, sind gute Beziehungen zu "Deguo", wie Deutschland auf Chinesisch heisst, noch wichtiger geworden.

Jetzt, im Jahr 2008, zeichnet sich auf Chinas Weg zurück an die Weltwirtschaftsspitze der nächste Wandel ab. Peking werde in Zukunft vermehrt auf Qualität und Modernisierung setzen statt auf Massenware, heißt es bei der deutschen Bundesagentur für Außenwirtschaft. Der Grund: Durch die hitzige Nachfrage und die vielen Investitionen ausländischer Firmen sind in China die Preise und die Löhne gestiegen - der Standort gilt bald nicht mehr als klassisches Billiglohnland, in dem sich Massenproduktion lohnt. Stattdessen zieht die Textilindustrie weiter nach Vietnam, Kambodscha, Indonesien oder auf die Philippinen. Auch deutsche Firmen investierten in China 2007 fast 70 Prozent weniger Geld als noch im Jahr zuvor. Der Investitionsboom, bilanziert die Außenhandelsagentur, habe deutlich an Dynamik verloren.

Entsprechend versucht China, neues Terrain für sich zu gewinnen: Projekte ausländischer Unternehmen müssen nach dem seit Anfang des Jahres geltenden "Regelkatalog zur Lenkung von Fremdinvestitionen" neue Technologien ins Land bringen, den Umweltschutz fördern oder zur Entwicklung wirtschaftlich schwächerer Regionen beitragen. Ansonsten gibt es seit kurzem keine Steuervergünstigungen aus der Hauptstadt mehr.

Auch die neureichen einheimischen Unternehmer stecken ihr Geld in moderne, viel versprechende Branchen: Logistik, Chemie, Umwelttechnologie und Automobile sollen zu den künftigen Glanzlichtern des fernöstlichen Wirtschaftswunders werden. Noch produzieren die einheimischen Autokonzerne Chery und Geely zwar weniger für den chinesischen Markt als Volkswagen und GM. Die amerikanische Marktforschungsgesellschaft Global Insight Incorp schätzt jedoch, dass bis 2012 vier von zehn Autos auf chinesischen Straßen aus einheimischer Produktion stammen - und dass die Wagen auch ausländische Märkte erobern könnten.

Wohin mit all dem Geld

Geld, das im überhitzten Heimatland keinen Platz mehr findet, legen die Chinesen auf der ganzen Welt an. Unter anderem in Afrika, wo sie Öl und Mineralien abschöpfen und die Wirtschaft ankurbeln. Es scheint nicht mehr weit bis zu dem Tag, an dem China seinen Namen wieder mit Stolz tragen wird: Reich der Mitte, wirtschaftliches Zentrum der Welt.

Die große China-Serie im stern

Die große China-Serie im stern Lesen Sie in Teil 4:
Die Portugiesen errichten ihren ersten Außenposten und nennen ihn Macau. Die Briten überschwemmen das Land mit Opium. Es kommt zum Krieg.
Und: Hongkong - ein karger Felsen wird zur Schatzinsel

Jetzt im neuen stern

Von Olivia Kühni
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Nobilitatis (28.04.2008, 09:53 Uhr)
freier Handel
Es kommt wohl immer darauf an, was man unter einem Wort versteht.
Da mache ich mir ganz eigene Gedanken und lass mir das nicht vorkauen. Jedenfalls ist Isolationismus nicht die Antwort. Erwiesenermassen.
Und @amapola: Wenn man verblendet ist, möchte man die Anderen gern ausblenden, nicht?
Ich jedenfalls hab nix von "Experte" bezüglich meiner selbst gesagt. Das ist Ihr Selbstverständnis. Was es eben lächerlich macht. Und ich lache gern.
H.P. (28.04.2008, 09:27 Uhr)
@mitscher
+++@H.P. Bitte nutz den Titel nicht mehr,weil die chinsen auch Angst vor der rassistischen Gefahr haben.+++
*
Ich habe es nicht rassistisch gemeint, deshalb der Smilie, es ist ein Ausdruck, wo man Angst hatte vor China. Mir sagte 1994 ein Geschäftsmann, wenn Chinesen einmal so leben wie wir hier im Westen, haben wir ein Problem, deshalb die Gelbe Gefahr, hat also nichts mit Rassismus zu tun. Es ist eine Feststellung die sich bestätigt hat. Was wir alle müssen, wir müssen alle anfangen anders zu leben, ansonsten haben wir alle demnächst ein Problem.
ganzbaf (28.04.2008, 08:16 Uhr)
"Freier Welthandel"....

= Vortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln.
.
Jedenfalls solange er sich in einem unkontrollierte, rechtsfreien Raum multinationaler Konzerne bewegt!
Robbespierre (28.04.2008, 01:08 Uhr)
Freihandel mehrt das Elend
@nobilitatis: Sind sie sicher, daß sie den Freihandel loben, weil sie Argumente haben? Oder loben sie ihn, weil man das eben so sagt und beigebracht bekommen hat? Ricardo ist wiederlegt, durch die Forschung und die Realität. Falls der Weg zur Buchhandlung zu weit ist, oder sie grundsätzliche Bedenken haben sollten, hier kann man das "Schwarzbuch Kapitalismus" als PDF einsehen:
http://www.exit-online.org/
pdf/schwarzbuch.pdf
Nach der Lektüre werden sie über den freien Welthandel vermutlich anders denken, als die Sprücheklopfer der CDU/FDP
LaoLu (28.04.2008, 00:42 Uhr)
Was meinen Sie, amapola,
warum der Adel in Deutschland seinerzeit abgeschafft wurde?
amapola (27.04.2008, 21:23 Uhr)
@Nobilitatis
Wer, außer Sie selbst, hält Sie denn für einen Experten.
Außer Arroganz ist nicht viel Fundiertes aus Ihren Kommentaren zu entnehmen.
Nobilitatis (27.04.2008, 20:44 Uhr)
Freihandel
Wirtschaftlicher Austausch ist nichts negatives und führt nicht zu den beklagten Arbeitsbedingungen. Dafür sind diese Länder schon allein verantwortlich, sie setzen die Rahmenbedingungen.
Ich bin nicht für autarkes Wirtschaften.
Robbespierre (27.04.2008, 19:53 Uhr)
Importverbote bringen mehr
@nobilitatis: Ich empfehle Ihnen die Lektüre des "Schwarzbuch Kapitalismus". Darin wird sehr anschaulich die selbstzerstörerische Energie des Kapitalismus untersucht. Anhand vieler, gut dokumentierter Beispiele kommt das Buch u.a. zu folgender Erkenntnis: Das Elend beginnt mit der Deregulierung der Märkte und könnte durch Regulierung wieder aufgefangen werden. Hierzu ein Beispiel: VW produziert Autos in China und beliefert damit den chinesischen und den internationalen Markt. Die Gewinne bleiben bei VW China und werden auch dort reinvestiert, der deutsche Fiskus geht leer aus. Die miesen und schlechtbezahlten Arbeitsbedingungen in China gefährden zudem die guten und hochbezahlten Arbeitsplätze in Deutschland. Soweit bekannt. Würde man nun aber die Märkte EU und China durch unüberwindbare Zölle trennen, so könnte VW weiterhin in China produzieren, aber natürlich nur für den chinesischen Markt. Für die Märkte Deutschland und die EU wäre VW gezwungen weiterhin hier zu produzieren. Dadurch wären die höheren Löhne in der EU durch die Trennung der Märkte gesichert, da die Arbeitsbedingungen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden können. Dies kann in beide Richtungen wirken: Da von Seite der Konzerne keine Druckmittel mehr aufgefahren werden können, um die chinesische Regierung von Maßnahmen gegen Lohnerhöhungen abzuhalten, könnte sich unabhängig vom Weltmarkt ein höheres Lohnniveau in China entwickeln. Anders formuliert: Wenn möglich sollten die Waren dort produziert werden, wo sie auch konsumiert werden. Schuhe für die EU in der EU, Schuhe für China in China. Hierzulande würden so auch viele bereits verloren geglaubte Arbeitsplätze in der Produktion wieder entstehen. Eine Auftrennung der Märkte in Blöcke kann also durchaus sinnvoll sein, bis sich die Lohn- und Menschenrechtsstandards angeglichen haben. Dies ist übrigens auch eine - leider viel zu unterrepräsentierte - Denkrichtung in den Wirtschaftswissenschaften. Angesichts der Gefährdung unserer Arbeitsplätze, den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in China und einem Handelsbilanzdefizit mit China von jährlich ca. 20 Milliarden Euro (Quelle: Bundeswirtschaftministerium) keine schlechte Idee, wie ich finde.
Nobilitatis (27.04.2008, 18:19 Uhr)
Boykotte
Ach, und dem Boykottexperten: VW produziert in China. Wussten Sie das nicht?
Nobilitatis (27.04.2008, 18:18 Uhr)
Konzerndrohungen
Das ist ja jetzt eine lächerliche Behauptung: Die Konzerne drohen China, wenn es seine Arbeitskosten anpasst. Die können ja noch nicht mal erreichen, dass ihre Produkte nicht weiter geklaut und kopiert werden. Amapola, Sie sind schon ein Experte. Fast so lustig wie der Typ, der bei allen unpassenden Gelegenheiten was von den armen Tieren erzählt.
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